Glasfaser-Gespenster

Als der Flughafen-„Investor“ Amar verschwand, hinterließ er nicht nur die Landewiese, sondern auch 11 ha Gewerbefläche südlich des Flughafens, die von seiner Firma 3Y Logistic und Projektbetreuung zwecks Errichtung eines Glasfaserwerk erworben wurden oder werden sollten. Kein Problem, sagt die Verwaltung der Hanselstadt™ Lübeck: Das Grundstück gehört immer noch ihr bzw. ihrem Beteiligungs-U-Boot KWL. So einfach scheint es aber doch nicht zu sein, wie sich jüngst im Bauausschuß herausstellte.

Dort wurde der Bürgerschaft empfohlen, den nunmehr eigentlich obsoleten Bebauungsplan, der auf Wunsch des „Investors“ hastig auf ein Glasfaserwerk mit einem 42 Meter hohen Monsterturm (und das in unmittelbarer Nähe eines Flughafens!) umgestrickt wurde, trotzdem abzunicken. Komisch, denn nach allem was man hört, geht die Verwaltung jetzt nicht mehr von der Errichtung einer Glasfaserfabrik aus. So eine Überraschung aber auch.

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Hier hätte Lübecks neues Wahrzeichen entstehen sollen, ein 42 Meter hoher Turm einer Glasfaserfabrik

Vorgeschichte

Schon bei der Flughafenverschenkung Ende 2012 hieß es von seiten der Verwaltung:

Ferner bekundet 3Y sein Interesse, den Airport Business Park im Süden des Flughafens für die Ansiedlung von luftfahrtaffinem Gewerbe zu erwerben.

Das Gewerbegebiet also, das man seit über zehn Jahren wie Sauerbier anbot und nie loswurde. Im Mai 2013 verkündete die hiesige Monopolpresse:

Ende nächsten Jahres wird auf der Brachfläche des Gewerbeparks am Flughafen eine Glasfaser-Fabik stehen. … In der vergangenen Woche haben KWL und Amars Unterhändler noch einmal zusammengesessen. … Noch vor der Kommunalwahl [26. Mai 2013] soll der Kaufvertrag bei einem Hamburger Notar beurkundet werden.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 1./2.Mai 2013, S. 13

Im folgenden gehe ich mal davon aus, daß das wie geplant geschehen ist, obwohl es keine offizielle Vollzugsmeldung gab. Ein Dementi allerdings auch nicht.

Hektische Aktivitäten der Verwaltung folgten. Nach dem Umstricken auf Glasfaser wurde der Uralt-Plan neu auf- und ausgelegt, um dann gleich wegen gravierender Mängel überarbeitet und wiederum neu ausgelegt zu werden. Die neueste Version stammt vom 14. Februar 2014.

Danach überschlugen sich die Ereignisse.

11.03.2014: Bürgermeister Saxe erörtert mit dem „Investor“ Amar,

die Entscheidung über den Satzungsbeschluss zum BPlan für die Glasfaserkabelfabrik auf die Juni-Sitzung der Bürgerschaft zu verschieben.

17.03.2014: 3Y bittet um Stundung der ausstehenden Baugenehmigungsgebühr. Der Antrag auf Stundung wurde nicht beschieden.

21.03.2014: Das Baugenehmigungsverfahren wird gestoppt. Ein

Vorschuss auf die Baugenehmigungsgebühr in Höhe von 47.468 € wäre am 28.11.2013 fällig gewesen. Sie wurde am 16.12.2013 gemahnt und am 14.01.2014 der Vollstreckungsstelle übermittelt. Eine Zahlungsaufforderung der Vollstreckungsstelle wurde am 10.03.2014 verschickt.

Einen Tag also vor dem Treffen des Herr Bürgermeisters mit dem „Investor“. Aber zu dumm:

Der Bausenator hat hierüber von der Bauordnung am 21.03.2014 und der Bürgermeister am 24.03.2014 Kenntnis erhalten.

30.04.2014: der 3Y wird zusätzlich eine Statikprüfgebühr in Höhe von 26.648,70 € in Rechnung gestellt.

Laut Aussagen der Verwaltung ist

Eigentümer des Grundstücks … nach wie vor die KWL.

Grund: die Nichtzahlung des Vorschusses auf die Baugenehmigungsgebühr.

Trotzdem soll also, also sei nichts geschehen, der Glasfaser-Bebauungsplan als Satzung festgestellt werden. Da wird der Verschwörungstheoretiker in mir wach. Gibt es da womöglich andere Interessenten? Doch wer gibt noch einen Pfifferling auf das dauernde Gerede über angebliche Käufer?

Die Stadt will aber aus dem Gelände ein Gewerbegebiet machen, so dass ein neuer Investor sofort bauen kann. „Der Bebauungsplan müsste dann nur noch angepasst werden“, sagt Bausenator Franz-Peter Boden (SPD).

Lübecker Nachrichten (online), 4. Juni 2014

Klingeling

Aber das ist die harmlosere Variante. Richtig hellhörig kann man hier werden:

Wird der Bebauungsplan verabschiedet, dann könnte Amar [das ist Quark, richtig müßte es heißen: 3Y] das Grundstück rein rechtlich gehören und es fließt womöglich in die Masse des mittlerweile insolventen Airports [wieder Quark, siehe unten.] Jetzt sollen Juristen die Lage klären.

Vielleicht hat sich ja jemand tatsächlich gedacht, man könne da etwas deichseln und die Landewiese hintenrum ein wenig entschulden. Für die 11 ha wollte die KWL mal rund 67 Millionen Euro haben. Wenn die jetzt plötzlich in der Insolvenzmasse der Yasmina mit diesem Wert auftauchen, hätte sich das Insolvenzverfahren womöglich spontan erledigt. Und ob die KWL bzw. die Stadt so erpicht darauf sind, den Kaufpreis schnell einzutreiben, wer weiß?

Absurd? Na klar. Aber kein Trick ist absurd genug, daß er nicht zumindest versucht werden würde, und Grundstücksschiebereien in der Umgebung von Flughäfen sind fast schon die Regel. Und sie waren auch hier geplant. Nein, ich spinne nicht:

Die Stadt denkt darüber nach, dem Flughafen seine Grundstücke [nicht das Betriebsgelände, das gehört der Stadt ohnehin – P.K.] abzukaufen. … Ein neuer Investor würde dann das Gelände von der Stadt pachten. Ein entsprechendes Konzept wird zur Zeit von der Verwaltung erarbeitet.

HL-Live, 22. Mai 2010

Nur: daraus wird wohl nichts werden, was das Gewerbegebiet angeht. Das gehört nämlich, wenn nicht der KWL, auch nicht der insolventen Flughafenbetriebsgesellschaft, sondern höchstens deren ehemaliger Muttergesellschaft 3Y. Und der „Investor“ Amar hat mit beiden sowieso nichts mehr zu tun. Auch gegen die 3Y wurde (in Potsdam) ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet, das aber von dem hiesigen unabhängig ist. Grundstücksschiebereien dürften hier also ausfallen.

Unabhängig davon ist es doch recht putzig, daß die Stadt womöglich keinen Bebauungsplan für das Gelände verabschieden kann, ohne Gefahr zu laufen, das Grundstück in einem Insolvenzverfahren andernorts an andere Gläubiger zu verlieren. Ist wohl doch eben nicht alles so toll und professionell gelaufen wie immer wieder behauptet.

Eine Antwort auf „Glasfaser-Gespenster“

  1. Wer könnte denn noch an dem Grundstück interessiert sein? Vielleicht der, der seine Produktion bei Abwicklung der Landewiese seinerzeit in den Osten verlegen wollte ?

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