„Ein paar Bäume“ und andere Textbausteine

Euroimmun-Chef Prof. Winfried Stöcker ist inzwischen Besitzer des Blankensees, mit dem er nach eigenem Bekunden nichts vorhatte, den er quasi zum Spaß gekauft habe. (Dafür war er allerdings relativ teuer.) Jetzt scheint er doch etwas vorzuhaben – und sucht dafür die Unterstützung der Anwohner. Ich habe den Verdacht, daß er sie lediglich vorzuschieben versucht, um von seinen Eigeninteressen bzw. denen seines Unternehmens abzulenken.

Ich versuche mal, die Geschichte im Wesentlichen in Zitaten zu erzählen. Alle Hervorhebungen in diesen Zitaten sind von mir, soweit nicht anders angegeben.

Der Kauf

„Ein bisschen ungewöhnlich ist das schon“, räumt Prof. Winfried Stöcker ein. Der Gründer und Vorstandschef von Euroimmun will der Hansestadt ihren Anteil am Blankensee im Süden Lübecks sowie diverse Grundstücke direkt am Gewässer abkaufen. …

Der Blankensee gehört bereits zu 90 Prozent dem umtriebigen Unternehmer. Vor eineinhalb Jahren kaufte er die privaten Anteile einer Erbengemeinschaft ab. Den genauen Preis will er nicht nennen. Stöcker: „Es waren mehr als 100 000 und unter einer halben Million Euro.“ Außerdem interessiert sich Stöcker für mehrere Grundstücke, die zwischen Seekamp und Blankensee liegen und die verschiedenen Eigentümern gehören.

Warum kauft der erfolgreiche Unternehmer einen See? „Ich habe nichts damit vor“, beteuert Stöcker auf Anfrage, „ich will den Blankensee zur Identitätsstiftung erwerben.“ Das Grundstück des Lübecker Herstellers von Labordiagnostika liegt am Seekamp und der grenzt direkt an den See – getrennt nur durch ein paar Grundstücke mit Baumbestand. „Meine Mitarbeiter sollen ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gegend bekommen“, erklärt Stöcker, der durchaus zu spektakulären Vorhaben neigt. …

Ich werde mich an alle Vorschriften halten“, versichert der Euroimmun-Chef.

Lübecker Nachrichten, 11. September 2011

Knapp ein Jahr später kam die Vollzugsmeldung:

Die Hansestadt hat ihren Anteil am Blankensee an den Euroimmun-Chef Winfried Stöcker veräußert. Das geht aus einem nicht-öffentlichen Papier hervor, das den LN vorliegt und das am Montag im Wirtschaftsausschuss beraten wird. Damit gehören der Stöcker Vermögensverwaltungsgesellschaft jetzt 112 000 Quadratmeter, die den Blankensee und einzelne am Ufer gelegene Grundstücke umfassen. …

Für die 22 260 Quadratmeter, die Eigentum der Stadt waren, hat Stöcker 100 000 Euro geboten und damit mehr als das Doppelte des regulären Preises für das Grundstück. Der Gutachterausschuss beziffert ihn mit 35 000 Euro. …

Er musste sich verpflichten, die Ausgleichsmaßnahmen des Flughafens auf dem Areal zu dulden und die Flächen im FFH-Gebiet zu schützen.

Lübecker Nachrichten, 12./13. August 2012, Druckausgabe Lokalteil, S. 13

Der hohe Kaufpreis hängt vielleicht damit zusammen, daß auch die Stiftung Grönauer Heide mitgeboten hatte – deren Angebot von nur 25.000 Euro kann aber kaum ernst gemeint gewesen sein.

Der Lübecker Naturschutzbehörde zufolge müsste sich auch Winfried Stöcker als Privateigentümer an die geltenden wasserrechtlichen Vorschriften sowie an die Landesverordnung über das Naturschutzgebiet Grönauer Heide halten – theoretisch. Denn in der Praxis ist Stöcker … nicht unbedingt als Naturfreund bekannt.

taz, 21. Mai 2010

Die Rechtslage

In der Landesverordnung über das Naturschutzgebiet „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ vom 16. April 2013 heißt es unter § 4 – Verbote:

(1) In dem Naturschutzgebiet sind alle Handlungen verboten, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturschutzgebietes oder seiner Bestandteile oder zu einer erheblichen oder nachhaltigen Störung führen können. Insbesondere ist es verboten, …

3. Straßen, Wege, Plätze jeder Art oder sonstige Verkehrsflächen anzulegen oder wesentlich zu ändern; …

11. die Lebensräume der Pflanzen und der Tiere zu beseitigen oder nachteilig zu verändern, insbesondere durch chemische Stoffe oder mechanische Maßnahmen

Den oben zitierten Berichten zufolge hat Prof. Stöcker zugesagt, alle Vorschriften einzuhalten und wurde überdies vertraglich darauf festgelegt.

Rückblende

Wäre so eine Rückversicherung überhaupt nötig gewesen? Urteilen Sie selbst anhand früherer Presseberichte.

Bei Stöcker hat jetzt ein Bußgeldbescheid der Stadt Lübeck das Fass zum Überlaufen gebracht. Weil er einige Bäume ohne Genehmigung auf seinem Areal, das an den Flughafen Blankensee angrenzt, gefällt hat, soll er 2000 Euro zahlen. Das Geld könnte Euroimmun mit Leichtigkeit aus der Portokasse bezahlen. Doch Stöcker geht es vor allem um das Prinzip. „Ich sehe gar nicht ein, dass ich 2000 Euro zahlen soll, weil wir für unsere Mitarbeiter, deren Fahrzeuge an der Straße abgestellt werden musten, ein paar Bäume gefällt haben, um dringend benötigte Parkplätze zu schaffen“, erregt sich Stöcker. Auf die Spur des Baumfrevlers war ein Mitarbeiter des Forstamtes Trittau gestoßen. Grünröcke sind für Stöcker ein rotes Tuch. Denn sie belehrten ihn darüber, dass er mit der Holzaktion gegen den Paragrafen 9 des Landeswaldgesetzes verstoßen hatte.

Lübecker Nachrichten, 30 Juli 2007

Winfried Stöcker und die Stadtverwaltung sahen sich gestern vor Gericht. Der Unternehmer hatte einen Parkplatz ohne Genehmigung gebaut. Zu Recht, wie er meint. …

Dass der Euroimmun-Chef den Parkplatz schließlich einfach bauen ließ, akzeptierte die Stadtverwaltung nicht. Sie untersagte die Nutzung des Platzes und verhängte ein Bußgeld in Höhe von 10 000 Euro. …

Dem Antrag der Staatsanwaltschaft gemäß wurde das Bußgeld gegen Winfried Stöcker im Urteil von 10 000 auf 5000 Euro halbiert. Außerdem trägt er die Kosten des Verfahrens. Der 64-Jährige nahm das Urteil an, denn Geld schien für ihn auch nicht entscheidend: „Ich wollte, dass die Hansestadt Lübeck mal durch den Kakao gezogen wird mit ihrer unsäglich untauglichen Verwaltung.“

Lübecker Nachrichten, 10. März 2011

Damit nicht genug.

Der Euroimmun-Gründer Winfried Stöcker hat große Pläne. Hinter einem umzäunten Bolzplatz soll eine Sporthalle für seine Beschäftigten entstehen. Neben dem Platz will er einen Neubau für den Kinderhort hochziehen. Bolzplatz und Spielplatz sind bereits angelegt. Doch jetzt hat der eigenwillige Unternehmer mächtig Arger mit den Genehmigungsbehörden der Stadt. Die haben Stöcker eine Untersagungsverfügung und einen Bußgeldbescheid über 50 000 Euro zugeschickt. …

Um den Kindern Spielmöglichkeiten zu schaffen, habe er „ein paar Bäume weggenommen“. Die Stadt indes spricht von einer „unerlaubten Waldumwandlung“, wobei überwiegend Fichten gefällt wurden. Bürger und Polizei hätten auf die Baumaßnahmen auf dem Firmengelände hingewiesen, erklärt Stadtsprecher Marc Langentepe. Der Bolzplatz sei ein „Schwarzbau, weil sich Stöcker keine Genehmigung eingeholt habe.

Lübecker Nachrichten, Lokalteil HL, 20. Dezember 2013, Seite 9

Neue Aktivitäten

Euroimmun hat sich um 1998 in Blankensee am Seekamp angesiedelt, und war aus Anwohnersicht unauffällig. Irgendwann nach dem Kauf des Blankensees flatterten Anwohnern jedoch plötzlich Einladungen zu Konzerten in der Firma o.ä. in die Briefkästen, zunächst ohne ersichtliche Hintergedanken.

Am 12. Juni 2013 schrieb Prof. Stöcker den „werten Anwohnern und Anrainern des Blankensees“:

an diesem Freitag, dem 14. Juni 2013, will das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume über Neuerungen im Naturschutzgebiet „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ informieren. …

Vielleicht können wir bei diesem Anlass zwei Themen zur Sprache bringen, die einigen von uns am Herzen liegen:

  • Soll der See weiter zuwachsen? Oder soll die Uferzone an einigen Stellen den Blick auf das Wasser freigeben, damit auch wir Menschen die Natur genießen können, und nicht nur die Amphibien.

  • Kann man es den Bewohnern Blankensees zumuten, dass durch das Anstauen des Sees über sein natürliches Niveau die Randflächen versumpfen und teilweise nicht mehr für die Landwirtschaft brauchbar sind?

Aus meiner Sicht werden von einigen wenigen lautstarken Aktivisten unsere Interessen zugunsten eines übertriebenen Naturschutzes in den Hintergrund gedrängt. Am Freitagnachmittag bietet sich vielleicht die Gelegenheit, dieser Fehlentwicklung gegenzusteuern.

Rein sprachlich beachte man die Vermischung von Interessen: da heißt es mal „aus meiner Sicht“, dann ist plötzlich die Rede von „unseren Interessen“ – natürlich im Gegensatz zu „einigen wenigen lautstarken Aktivisten“. (Ich frage mich, wer hier eigentlich der lautstarke Aktivist ist, und was er beabsichtigt.)

Teilnehmer der Versammlung berichteten mir übrigens, daß der Vortrag von Herrn Prof. Stöcker bei den Anwesenden praktisch keinerlei Resonanz fand.

Am Morgen des 16. April 2014 landete dann folgendes Schreiben in den Blankenseer Briefkästen:

am heutigen Mittwochnachmittag (16. April 2014, 15 Uhr) wollen wir uns im Restaurant der EUROIMMUN AG treffen und bei Kaffee und Kuchen über den Zugang zum „Naturschutzgebiet Grönauer Heide“ diskutieren, und ob wir uns für die Anlage eines Rad- und Wanderweges rund um den Blankensee einsetzen wollen.

(Unterstreichung im Original.) An der sogenannten Anwohnerversammlung nahmen, wie aus einem späteren Schreiben hervorgeht, 30 „Bürger von Blankensee teil“. Ein bemerkenswertes Ergebnis. Die aktuelle Einwohnerzahl des eigentlichen Ortsteils Blankensee liegt bei rund 160 (ohne Ausbildungpark und ohne Euroimmun).

Wenn dieses Knallerthema fast jeden fünften Einwohner Blankensees an einem Werktag (!) um 15 Uhr (!) auf schriftliche Einladung innerhalb weniger Stunden (!) in das Euroimmun-Restaurant getrieben hat, wäre das eine reife Leistung.

Zumal es eigentlich kein Knallerthema ist. In den über dreißig Jahren, die ich in Blankensee wohne, habe ich nie gehört, daß sich irgend jemand hier über den mangelnden Blick auf das Gewässer beschwert oder irgendeine Art von Wanderweg gefordert hätte.

Im neuesten Schreiben Prof. Stöckers vom 30. Mai 2014 ist zu lesen:

am 16. April haben sich 30 Bürger von Blankensee im Betriebsrestaurant der Firma EUROIMMUN getroffen und über zwei Themen diskutiert:

  • Erstens wünscht sich die überwiegende Mehrheit der Anwesenden, dass zwischen Blankensee und Groß Grönau ein Radweg geschaffen wird, der möglichst nah am Blankensee verläuft.

  • Zweitens waren nahezu alle Anwesenden nicht damit einverstanden, dass der Blankensee von der Straße aus im Sommer nicht mehr einsehbar ist. Man wünscht sich wenigstens an mehreren Stellen Sichtachsen, die den Blick auf den See freigeben.

Nach allgemeiner Auffassung ist die Bevölkerung nicht ausreichend beteiligt gewesen, als man so einschneidende Maßnahmen zugunsten eines unserer Ansicht nach übertriebenen Naturschutzes eingeleitet hat. Es wurde deshalb beschlossen, eine Abstimmung vorzunehmen und die Wünsche der Betroffenen dem Amt Ratzeburg-Land und den Verwaltungen von Groß Grönau und Lübeck zuzuleiten.

Man beachte, daß aus dem „Rad- und Wanderweg rund um den Blankensee“ jetzt plötzlich ein Radweg „zwischen Blankensee und Groß Grönau“ wurde, was eine völlig andere Nummer ist. Und aus vielen Gründen ziemlicher Unsinn. Vor allem, weil die Straße Seekamp Blankensee und Groß Grönau bereits verbindet und auch von Radfahrern, sogar von Fußgängern, genutzt werden kann.

Was für einen Sinn soll ein paralleler Radweg am See durchs Naturschutzgebiet machen, für den auf jeden Fall aufgrund der Gegebenheiten vor Ort Bäume fallen müßten, der überdies nicht im geringsten in irgendeine Art von Naherholungskonzept bzw. Radwegenetz eingebunden ist?

Zufällig, aber das ist bestimmt keine Absicht, würde so ein Radweg den Euroimmun-Firmensitz am Seekamp mit dem Stammhaus in Groß Grönau verbinden.

Und was die Sicht auf den Blankensee angeht: sie ist jederzeit möglich, wenn man seinen Hintern ein wenig ans Südufer bewegt.

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Was dann nach Art der Salamitaktik kommen könnte, bleibt dem Vorstellungsvermögen des Lesers vorbehalten. Parkbänke? Ein Grillplatz? Eine künstliche Insel im See? Als Anregung:

Am Berzdorfer See [bei Görlitz] ließ er einen weißen Sandstrand aufschütten. Stöckers Kommentar dazu: „So einen Sand wie in Travemünde hätten wir ganz sicher nicht akzeptiert.“

Lübecker Nachrichten, 26./27. Januar 2014, S. 49/50

Salamitaktik?

Wie war das noch mal, siehe oben?

„Ich werde mich an alle Vorschriften halten“, versichert der Euroimmun-Chef.

Er musste sich verpflichten, die Ausgleichsmaßnahmen des Flughafens auf dem Areal zu dulden und die Flächen im FFH-Gebiet zu schützen.

Im Paragraphen 6 der oben zitierten Landesverordnung über das Naturschutzgebiet „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ sind übrigens „Ausnahmen und Befreiungen“ beschrieben. Das Abholzen vom Bäumen zu Zwecken der Identitätstiftung der Mitarbeiter oder die Schaffung eines Naherholungsgebiets für Euroimmun-Schulungsgäste gehört nicht dazu.

Und wie aus den Zitaten hervorgeht, kannte er die Bedingungen, bevor er den Blankensee kaufte. Verwaltung und Politik sind aufgerufen, Herrn Prof. Stöcker daran zu erinnern. Zumal er in diesem Fall nicht mal mit den Dauerthemen „Arbeitsplätze“ und „Kinder“ argumentieren kann.

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