Mythen in Tüten (Teil 1): Altlasten

In letzter Zeit scheinen sich Versuche zu häufen, eine Nachnutzung des hiesigen Flughafengeländes für unmöglich zu erklären. Alles müsse zurückgebaut, das Gelände großflächig ausgebaggert und dekontaminiert werden, der größte Teil der Fläche würde automatisch Naturschutzgebiet werden, und ein Gewerbegebiet auf Restflächen neben einem Naturschutzgebiet wäre schwierig, usw. Klar: damit soll behauptet werden, die Hansestadt Lübeck sei, falls sich kein „Investor“ finden, gezwungen, die Landewiese weiterzubetreiben, weil ihr nichts anderes übrigbliebe. Teilweise sind diese Äußerungen Trollerei, und Trolle soll man eigentlich nicht füttern. Aber womöglich nimmt das noch jemand ernst. Daher lohnt sich ein genauerer Blick vielleicht doch, zunächst auf mögliche Altlasten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs.

NEU! Übersichtskarte

Als sich ein Teil der Start- und Landebahn sich im Frühjahr 2011 spontan in Nebel hüllte, war die Aufregung groß. Fabuliert wurde von einem Brandschlag von Flughafengegnern, und das nicht nur von Trollen, sondern sogar von der damaligen Flughafen-Geschäftsführerin und der Polizei. Die mußte dann zurückrudern:

Eine Straftat kann ausgeschlossen werden. Bei der gefundenen Substanz handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um etwa 20 Liter eines Stoffes, der zu Zeiten des zweiten Weltkrieges zur Vernebelung von Zielen genutzt wurde. Da der Flughafen in früheren Zeiten als Militärflughafen genutzt wurde, dürfte es sich somit um Militärische Altlasten handeln.

Altlasten

Beim Bergen des Fasses stellte sich heraus, daß in der Nähe auch jede Menge Schrott verbuddelt worden war.

Im Umfeld wurden bei Untersuchungen weitere Metallteile gefunden. Auch sie wurden am Dienstag vorsichtig freigelegt. Hier konnte schnell Entwarnung gegeben werden. Es handelt sich um Überreste zweier Flugzeuge, einer Messerschmitt 110 und einer Fokker E111. Dazu kommt noch Schrott, zum Beispiel ein alter Heizkörper.

HL-Live, 17. Mai 2011

Kein Zweifel: militärische Altlasten kann es auf dem Flughafengelände geben. Wobei in diesem Fall bis heute unklar ist, ob das Nebelfaß (potentiell giftig) zusammen mit dem Schrott (nicht giftig) vergraben wurde oder unabhängig davon Bestandteil einer Vernebelungsanlage rund um die Landebahn war. In dem Fall könnten durchaus noch mehr Fässer an anderen Stellen liegen. Von weiteren Untersuchungen in dieser Angelegenheit war nichts zu hören, obwohl der Flughafen eigentlich ein Interesse daran gehabt haben sollte, schließlich behindert Nebel den Flugverkehr.

Davon abgesehen ist bekannt, wo Altlasten vorhanden sein könnten: dort, wo Flugzeuge betankt, gewartet oder auch nur gewaschen wurden. Das geschieht natürlich nicht verstreut im Gelände, sondern wird in der Regel auf dem Vorfeld und in Hallen erledigt. Vorfeld und Hallen waren von rund 1935 bis 1955, Überraschung!, aber nicht da, wo sie jetzt sind.

Ortsverlagerung

Was man heute an der Blankenseer Straße nördlich der Start- und Landebahn sieht, ist entweder lange vor dem zweiten Weltkrieg entstanden oder lange danach. Die militärische Nutzung während des Krieges spielte sich fast ausschließlich hingegen südlich der Bahn ab – dort befand sich die Flugleitung, dort standen Hallen und die Flugzeuge, dort gibt es bis heute große unterirdische Tanks. Ferner gab es Abstellflächen im Norden, in deren Nähe ebenfalls Tankanlagen errichtet wurden.

Der Witz: sie alle liegen nicht auf dem heutigen Flughafen-Betriebsgelände, sondern auf Flächen, die nach dem Krieg abgetrennt, anschließend von Bundesgrenzschutz und Bundeswehr genutzt wurden und heute zum Naturschutzgebiet Grönauer Heide gehören, teilweise auch zum Ausbildungspark bzw. Gewerbegebiet am Flughafen. Überall dort, nicht auf der heutigen Landewiese, kann man also die wesentlichen Altlasten vermuten.

bunker
Der „Tower“ aus dem zweiten Weltkrieg steht heute noch – im heutigen Ausbildungspark Blankensee

Übrigens wurden die Tanks in den letzten Jahren untersucht; offiziellen Angaben zufolge fanden sich keine Schadstoffe. Die Gefahr einer Verunreinigung des Bodens würde im Falle eines Durchrostens der Tanks von derartigen Altlasten auch nicht unbedingt ausgehen, sondern eher die der Kontamination des Grundwassers.

Tank
Oberirdische Teile eines unterdischen Tanks, heute im Naturschutzgebiet Grönauer Heide

Wie das mit Flüssigkeiten so ist, sie sickern nach unten.Gelangen sie ins Grundwasser, wäre (heutige Nutzung hin oder her) wohl auf jeden Fall eine Sanierung nötig. Das gilt übrigens auch für spätere Kontaminationen. Dazu vermutlich mehr im nächsten Beitrag.

Gerüchte

Es gibt das Beispiel einer Flughafennachnutzung, die anfangs von ähnlichen Gerüchten begleitet war, die wohl nicht ohne Absicht von Stillegungsgegnern gestreut wurden.

Am Flughafen [Berlin-]Tempelhof gibt es trotz Gerüchten bisher keine Hinweise auf gefährliche Altlasten. … Der Stadtrat Oliver Schworck (SPD), zuständig für gefährliche Altlasten in Tempelhof-Schöneberg, warnte im Gespräch mit dem Tagesspiegel vor einer – politisch motivierten – Panikmache. Bisher weise nichts darauf hin, dass die 386 Hektar große Immobilie großflächig kontaminiert sei und nach der Schließung des Flughafens 2008 für teures Geld saniert werden müsse.

Der Tagesspiegel, 19. November 2007

Im Internet ist von einer großflächigen Sanierung in Tempelhof tatsächlich nichts zu finden. Wer diese Begriffe in eine Suchmaschine eingibt, landet bei der fälligen Sanierung (sprich: Restaurierung) des zerfallenden, denkmalgeschützten Flughafengebäudes – oder bei Klempereibetrieben im Stadtteil, die anbieten, Badezimmer zu verschönern.

Er wolle nichts verharmlosen, beteuerte Schworck. „Aber über Jahrzehnte grasen dort die Schafe, und bis heute ist keines tot umgefallen.“ Das sei kein Witz, sondern ein Indiz dafür, dass jedenfalls dicht unter der Oberfläche keine oder kaum Schadstoffe lägen.

So ähnlich dürfte es in Lübeck sein, wo im Naturschutzgebiet bereits Schafe und Ziegen wiederholt direkt über unterirdischen Tankanlagen gegrast haben.

grasen
Grasen über unterirdischen Tanks

Die Fläche in Tempelhof wird heute begeistert und ohne große Bedenken von der Öffentlichkeit als eine Art nichtkommerzieller Freizeitpark genutzt, andere Bereiche sind für den Naturschutz reserviert. (Ein Modell für Lübeck-Blankensee? Die Landewiese ist zwar nicht zentral gelegen, aber gibt es andernorts in der Hanselstadt™ oder in weiterem Umkreis Vergleichbares?)

Mittlerweile haben sich die Berliner das Feld erobert. Es ist ein Paradies für Läufer, Radfahrer, Skater, Griller, Sonnenanbeter und Kite-Boarder geworden. Eine bunte Szene, die Drachen durch die Lüfte zischen lässt. Es gibt keine Bänke und kaum Bäume, dafür seltene Tiere, viel frische Luft – und atemberaubende Sonnenuntergänge.

airliners.de, 23. Mai 2014

Eine Einschränkung gibt es bislang, und die hat mit Altlasten zu tun.

Eingriffe in den Boden sind verboten, so dass z.B. Zeltstangen und „Heringe“ für schattenspendende Pavillons oder Erdnägel zur Verankerung von Federball- oder Volleyballnetzen nicht eingeschlagen werden dürfen. Grund für diese Regelung ist, dass – wie überall im Berliner Stadtgebiet – nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass sich vereinzelt noch Munitionsreste aus dem 2. Weltkrieg im Boden befinden. … Selbstverständlich wurden bereits vor Öffnung des Tempelhofer Feldes für Besucherinnen und Besucher umfangreiche Kampfmitteluntersuchungen durchgeführt. Im Ergebnis wurde von den eingesetzten Fachleuten und den zuständigen Behörden keine konkrete Gefährdung festgestellt.

(Hervorhebung P.K.)

Immerhin war das Gelände sogar so sicher, daß der Berliner Senat versuchte, eine teilweise Bebauung durchzupauken. Das wurde in einem Volksentscheid abgelehnt, übrigens nicht wegen möglicher Altlasten, sondern weil die Bürger den ewigen Sprechblasen von „bezahlbarem Wohnraum für Familien mit Kindern“, die regelmäßig von Spekulanten gebaute Luxuswohnungen beinhalten, wohl nicht mehr so ganz trauen.

Bleibt festzuhalten: Altlasten hätten einer Bebauung des Tempelhofer Felds mit Wohnungen nicht zwingend entgegengestanden, aber für Blankensee hat das bislang auch niemand ernsthaft vorgeschlagen.

Ach ja, die Kosten. Es gilt das Verursacherprinzip. Für hausgemachte militärische Altlasten dürfte kaum die Stadt, sondern eher der Bund als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs haften, ebenso für spätere Hinterlassenschaften von BGS und Bundeswehr im Naturschutzgebiet.