Bitte nicht lachen: Privatisierungsversuche von Regionalflughäfen (Teil III)

Anfang 2013 habe ich versucht, einen Überblick über Versuche zu geben, deutsche Regionalflughäfen zu privatisieren (Teil I, Teil II). Gerade in der jetzigen Situation in Lübeck dürften diese Beiträge von Interesse sein. Heute als Zugabe Teil III, Untertitel: „Was seitdem geschah.“

Gemein ist diesen Flughäfen, um es ganz nett auszudrücken, eine wechselvolle Geschichte. Richtig geklappt hat’s nirgendwo, in der Regel lief es auf Hängepartien hinaus, vermutlich weil das Geld fehlte bzw. fehlt. Immer wieder taucht dann auch Frachtflugverkehr als angebliche Lösung auf.

Weeze-Lahrbruch

Der letzte Stand der Dinge war, daß der Investor vom Kreis Kleve gewährte Kredite nicht zurückzahlen kann und dafür der Kreis Flughafenanteile übernimmt. Das führt natürlich eine „Privatisierung“ schleichend ad absurdum. Aber selbst das reichte offenbar nicht: der Kreis kaufte dem Flughafenbetreiber ein Grundstück für 3,5 Mio. Euro ab. Das Gelände ist zwar verpachtet, der Kaufpreis amortisiert sich aber erst nach 20 Jahren. Man kann das also als verdeckten Kredit ansehen.

Und ansonsten?

Ryanair hat jetzt angekündigt, im Sommerflugplan 18 Strecken ab dem Flughafen Weeze zu streichen. Zudem sollen einzelne Frequenzen reduziert werden, teilte die Billig-Airline weiter mit. …

Nach einem Bericht der „Rheinischen Post“ rechnet der Flughafen Weeze nun mit einem Passagierrückgang um 20 bis 25 Prozent. „Das ist ein herber Rückschlag“, wird Flughafenchef Ludger van Bebber zitiert.

airliners.de, 13. Februar 2014

Aber kein Flugplatz ist so nutzlos, als daß er nicht doch noch für etwas herhalten könnte.

Weeze als „dritte Startbahn“ für Düsseldorf im Gespräch,

titelte airliners.de am 20. Juni 2014. (Ich hatte Sie doch eindringlich gebeten, nicht zu lachen!)

Ohne zusätzliche Investitionen könnte der Flughafen „aus dem Stand“ als dritte Startbahn für Düsseldorf fungieren, wird van Bebber von der „Rheinischen Post“ zitiert. Der Flughafen habe Kapazitäten für drei Millionen Passagiere und könne „mit wenigen Terminalerweiterungen auch das Doppelte abwickeln“.

Man sieht, inzwischen wird man beim Erfinden indirekter Subventionen immer kreativer, denn natürlich schadet das Umleiten von Passagieren dem Flughafen Düsseldorf, der zu den bundesweit sechs Flughäfen gehört, die überhaupt Gewinne abwerfen. Er gehört zur Hälfte der Stadt Düsseldorf, die andere Hälfte der privaten Airport Partners GmbH. Letztere dürften wenig davon begeistert sein, Passagiere freiwillig an einen Konkurrenten abzutreten.

Der Düsseldorfer Flughafen-Sprecher Thomas Kötter

zeigt sich skeptisch, dass das Ganze operativ überhaupt funktionieren könnte.

Memmingen

Hier sieht es, oberflächlich betrachtet, jedenfalls nicht schlechter aus als beim letzten Besuch. Oberflächlich.

Erstmals ist gestern eine Maschine der Germanwings auf dem Flughafen Memmingen gelandet. Mit Flügen nach Hamburg und Berlin verfügt der Allgäu Airport somit wieder über innerdeutsche Verbindungen.

airliners.de, 9. Dezember 2013

Die Ziele waren zuvor von Flytouropa angeboten worden, wegen mangelnder Nachfrage aber schnell wieder eingestellt worden. Wie Germanwings die Nachfrage einschätzt, ist nicht bekannt. Und eigentlich war das schon die einzige Erfolgsmeldung.

Die Flughafen-Betriebsgesellschaft, getragen von örtlichen Unternehmern, fährt unterm Strich weiterhin Verluste ein und thront auf einem wachsenden Schuldenberg. Zudem sinken die Passagierzahlen.

Alle Probleme liegen natürlich (wie immer) daran, daß der Flughafen angeblich ausgebaut werden muß.

Fraglich war bislang allerdings, woher das Geld kommen soll. Angesichts der jüngsten Geschäftszahlen – 2011 hat der Allgäu Airport einen Schuldenberg von über elf Millionen Euro angehäuft – gab es dem Vernehmen nach bei einigen Gesellschaftern zuletzt keine Bereitschaft, weiteres Kapital nachzuschießen.

Augsburger Allgemeine, 5. Juni 2013

Berichten zufolge wollte das Land Bayern die Hälfte der 15,5 Mio. Ausbaukosten übernehmen. Aber das reicht noch immer nicht.

Laut einem Bericht der Memminger Zeitung vom 11.2.14 fordern mehrere Gesellschafter des Allgäu Airport den finanziellen Einstieg des Freistates [sic] am Memminger Flughafen. Ministerpräsident Seehofer sagte ein Gespräch mit Vertretern der Anteilseigner in der Staatskanzlei zu.

Bürger gegen Fluglärm (Allgäu Airport, Memmingen), 31. März 2014

Das wäre dann ein weiterer Fall von Entprivatisierung, dem Gegenteil also von dem, was mit einer Privatisierung ursprünglich beabsichtigt wurde.

Schwerin-Parchim

Der Käufer des Flughafens Parchim, Jonathan Pang aus China, hat die letzte Kaufpreisrate bezahlt. Das Geld sei Anfang Januar und damit vorfristig eingegangen, sagte heute ein Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim und bestätigte damit Berichte lokaler Medien. Die Rate sei erst im September fällig gewesen.

airliners.de, 17. Januar 2014

Toll! Aber:

Vom ursprünglichen Kaufpreis in Höhe von 30 Millionen Euro waren dem chinesischen Investor nach anfänglichen Zahlungsverzögerungen 12 Millionen erlassen worden.

Sie seien mit Investitionen auf dem Airport verrechnet worden, sagte der Landkreis-Sprecher. So musste Pang einen neuen Tower errichten lassen.

Und den hat also de facto der Landkreis bezahlt. Dann kann ja nach sieben Jahren des Wartens nichts mehr schiefgehen:

Der Eigentümer des Flughafens Parchim, Jonathan Pang, hat die Aufnahme des regulären Flugbetriebs für das zweite Quartal 2014 angekündigt. Der Chinese, der den ehemaligen Militärflughafen 2007 vom Landkreis kaufte, äußerte sich bei einem Treffen mit Logistik-Unternehmern der Region, wie die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Südwestmecklenburg mitteilte.

airliners.de, 28. Juni 2013

Das zweite Quartal 2014 ist vorbei, und von der Aufnahme eines regulären Flugbetrieb ist nirgends etwas zu lesen. Immerhin ist man beim Fabrizieren von Ankündigungen immer noch fleißig:

Der Parchimer Airport soll ein neues Terminal erhalten, das das alte Gebäude um ein Vielfaches in seiner Größe übertrifft. Zwei Etagen mit jeweils 20 000 Quadratmeter Grundfläche sind vorgesehen. „Die Masterplanung ist abgeschlossen“, erklärt Werner Knan, Berater des chinesischen Flughafeninvestors Jonathan Pang. In wenigen Tagen soll laut Knan die offizielle Bauvoranfrage gestellt werden. …

Knan spricht von einem „aggressiven Zeitplan“, ohne konkrete Termine zu nennen. Zum Investitionsvorhaben zählt die Sanierung der Start- und Landebahn und ihre Aufrüstung auf höchste internationale Standards.

SVZ, 1. Juli 2014

„Aggressiver Zeitplan“ nach sieben Jahren Stillstand, und das alles ohne konkrete Termine. (Sie lachen ja schon wieder!) Die Sanierung der Start- und Landebahn hätte ebenfalls schon längst abgeschlossen sein sollen. Aber da war dann plötzlich eine unerwartet aufgetauchte Straße im Weg.

Bitburg

Das vielleicht interessanteste, weil untypische Beispiel. Hier scheiterte der Luxemburger Unternehmer Frank Lamparski mit dem Versuch, mit Hilfe eines asiatischen Investors aus dem ehemaligen US-Militärflughafen einen internationalen Werft-, Fracht- und Passagierflughafen zu machen:

Die vereinbarten 30 Millionen Euro Startkapital waren nicht rechtzeitig eingegangen.

airliners.de, 30. August 2013

Immerhin scheint das jemand überprüft zu haben. Inzwischen wurde der Flughafen zu 95% von der Interessengemeinschaft Flugplatz Bitburg (IFB) übernommen, die aus Unternehmern und Piloten besteht; den Rest halten andere Unternehmen.

Ziel der IFB sei es nach wie vor, den Eifel-Flugplatz als Verkehrslandeplatz zu erhalten und weitere flugaffine Betriebe anzusiedeln …

airliners.de, 30. Januar 2014

Ein Landrat begrüßte die „Fortführung der fliegerischen Nutzung als verkleinerter Verkehrslandeplatz“. Das klingt eher nach dem Modell eines Gewerbegebiets mit angeschlossener Start- und Landebahn, immerhin 3.056 Meter lang, was Begehrlichkeiten wecken dürfte. Aber was genau daraus werden soll, ist mehr als unklar.

Die Zeiten der Turbulenzen sind vorbei… jedenfalls die der Kapriolen eines Möchtegern-Investors aus Luxemburg, der den ganz großen Traum vom Fliegen in Bitburg verwirklichen wollte und der Öffentlichkeit einen internationalen Airport mit Passagier- und Frachtflug versprach.

Mittlerweile herrscht Bodenständigkeit rund um den Tower: Business as usual, kleine Fliegerei wie all die Jahre zuvor. …

Als Vertreter der IFB, zu der Unternehmer aus der Region mit der Passion zum Fliegen zählen, führen nun die IFB-Gesellschafter Eugen Wallesch und Friedhelm Nau die Geschäfte. Nur: Welche Geschäfte? Das fragen sich viele Bürger rund um Bitburg, welche auf die einst von der Interessengemeinschaft selbst angekündigte Informationsveranstaltung zum weiteren Nutzungskonzept des Flugplatzes warten.

Wochenspiegel, 15. Mai 2014

Schutz vor Lärm bietet die derzeitige Nutzung trotzdem nicht unbedingt. Man liest

Von Hobby- und Sportfliegern, die in Bitburg starten und landen und sich dabei nicht immer an den vorgegebenen Flugkorridor halten. Von Motorsportveranstaltungen. Von Rennen mit aufheulenden Motoren und quietschenden Reifen. … Von „wilden Rennen“, die sich junge Autofahrer abends und am Wochenende auf den breit ausgebauten und leeren Straßen des Flugplatzes liefern würden, spricht Ortsvorsteher Klein, der damit ein weiteres Problem hat, das gelöst werden muss.

Trierischer Volksfreund, 15. November 2014

Magdeburg-Cochstedt

Alle Fluggesellschaften sind inzwischen weg, einschließlich Ryanair. Der Flughafen ist somit bis auf Weiteres ohne reguläre Flugverbindungen, die ohnehin erst Ende März 2011 aufgenommen worden waren.

Ryanair mache ein längeres Engagement von den finanziellen Bedingungen abhängig. Offenbar sind die nicht mehr so optimal: Der Flughafen werde ab 2014 nicht mehr bedient, teilte eine Sprecherin der irischen Billigfluggesellschaft am Freitag mit.

airliners.de, 13. Dezember 2013

Der ehemalige Militärflughafen wurde 2010 nach einigen spaßigen Umwegen (die fast schon an die hiesige Landewiese erinnern) an die dänische Airport Development A/S veräußert, nachdem er für 60 Mio. Euro vom Land Sachsen-Anhalt ausgebaut worden war.

«Seit dem Verkauf von Cochstedt sind keine Fördermittel vom Land mehr geflossen», sagte der Sprecher des Landeswirtschaftsministeriums Robin Baake.

Wie tröstlich. Und den Eigentümer juckt’s auch nicht.

Man setze auf Chartermaschinen und verstärkt auf das Cargo-Geschäft. Eine Halle sei bereits in Betrieb, eine zweite soll im Frühjahr 2014 eröffnet werden.

Die jüngste Pressemitteilung auf der Webseite des Flughafens stammt allerdings vom Januar 2014, was nahelegt, daß sich das mit der zweiten Halle wohl noch etwas verzögert und auch ansonsten nicht viel passiert.

Fazit

Eines kann man als Gemeinsamkeit festhalten: sämtliche Blütenträume sind nicht gereift. Meistens passiert wenig bis nichts, außer natürlich immer neuen Plänen und Forderungen nach mehr oder weniger indirekten Subventionen bis hin zu einer teilweisen Entprivatisierung. Der gewünschte Effekt ist bisher nirgendwo eingetreten. Die Hanselstadt™ Lübeck wird keine Ausnahme sein.

Das für Anwohner erfreulichste Szenario wird natürlich sein, daß wirklich nichts passiert. (Wilde Autorennen sind auf der abgesperrten Landwiese nicht zu erwarten.) Wenn dann auch keine staatlichen Gelder fließen, umso besser. Nur ist es sehr wahrscheinlich, daß der Ruf nach Subventionen früher oder später doch kommt. Wenn der dann mit der Drohung der Einstellung des Flugbetriebs verbunden ist, wird man vermutlich doch nachgeben. Und kreative Möglichkeiten, z.B. in Form von Grundstücksschiebereien, finden sich immer.

2 Antworten auf „Bitte nicht lachen: Privatisierungsversuche von Regionalflughäfen (Teil III)“

  1. Diese Zusammenstellung von Sitcom Spotlights zeigt doch nur eins – die meisten Regionalhäfen versuchen mit Geschäftsmodell von große Flughäfen zu arbeiten und das geht nicht. Warum kommen Beispiele wie Sonderborg und Schönhagen nicht, weil uns die Dänen wieder zeigen wie geht? Ich warte auf ersten Manager am Flughafen, der nicht Flughafenmanager war und sein Handwerk kann. Schade, dass Dr. Stöcker nicht gekauft und einen seine Leute da mal dran lassen konnte.

    1. Ich denke, der Ansatz ist falsch und vermutlich das Gründübel bei diesen Geschichten. Man hat irgendeine Start-/Landebahn geerbt und versucht nun hektisch, etwas daraus zu machen. Mehr Geld reinpumpen sowieso; neue Manager, klar – das ganze Programm. Keiner fragt sich, obwohl wirklich ein Bedarf besteht. Da reicht das Gefälligkeitsgutachten des darauf spezialisierten „Experten“. Zu allem Überfluß schwebte dann auch noch, wenngleich meist nur vorübergehend, Ryanair ein und gaukelte den Provinzfürsten einen Bedarf vor. Nachdem der Neugiereffekt verflogen war (und andere Flughäfen ein dringenderes Interesse an der Vortäuschung von Bedarf hatten, ergo besser zahlten) waren die Iren dann wieder weg. Ich bin mir sicher: wenn es einen echten, dringenden Bedarf für solche Landewiesen gäbe, müßte man gar nicht viel machen. Schließlich gibt es eine Betriebspflicht, und jeder, der will, kann dort landen und starten. Ganz ohne Verträge.

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