The Lauenburg Connection

Wenn Sie keine längeren Artikel mögen, hier eine Zusammenfassung. Die hiesige Landewiese wird zukünftig im Auftrag eines chinesischen Geschäftsmannes von der Lauenburger CDU betrieben. Alle Akteure haben eines gemeinsam: sie haben keinerlei Erfahrung mit Flughäfen, vielleicht außer als Passagiere, und kein echtes Konzept. Alles klar? Das, nur leicht verkürzt, hat die Bürgerschaft der Hanselstadt™ Lübeck am 10. Juli abgesegnet und wurde tags drauf auf einer Pressekonferenz, also erst nach (der hinter verschlossenen Türen getroffenen) Entscheidung der Öffentlichkeit präsentiert.

Man möchte von einer staunenden Öffentlichkeit schreiben, nein: schreien: aber die Verwunderung zumindest der veröffentlichten Meinung hält sich, im Gegensatz zu den Kommentarsektionen, leider in Grenzen. Fast kein Medium traut sich, zu sagen, daß der Kaiser keine Kleider anhat. Tenor stattdessen: „Ja gut, wir sehen auch keine Kleider, aber erstmal abwarten, vielleicht wachsen ihm noch welche, und einen anderen Kaiser haben wir sowieso nicht.“

Fast schon kritisch immerhin die lokale Monopolpresse:

Heute stellte sich am Flughafen Lübeck der neue Chef Markus Matthießen der Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz vor. Auch das neue Konzept für den Airport sollte hier thematisiert werden. Konkretes erzählte er dabei allerdings nicht.

„Es ist ein strategisches Investment“, macht der neue Flughafen-Chef Markus Matthießen klar.

LN online, 11. Juli 2014

Und was, bitte, bedeutet das?

„Einen Hochglanzprospekt mit hehren Zielen gibt es noch nicht“, scherzte Matthießen angesichts der kurzfristigen Verhandlungen in der Insolvenzzeit des Airports. Dennoch schmiedet man große Pläne: Ziel sei es, eine „schwarze Null“ zu erwirtschaften. Dazu solle langfristig eine Million Passagiere pro Jahr angepeilt werden.

shz, 11. Juli 2014

Langfristig eine schwarze Null, also keine Gewinne – ist das wirklich das Ziel eines Investors? Wobei es sowieso unbewiesen ist, daß bei einer Million Passagiere die Verluste ausgeglichen werden können.

Übrigens wird oft behauptet, das bedeute eine Verdreifachung der Passagierzahlen. Nehmen Sie lieber den Faktor vier oder fünf. Angesichts der Streichungen von Ryanair im ohnehin schon recht dünnen Flugplan ab August wären mehr als 200.000 Linienflug-Passagiere im Jahr 2014 schon ein gutes Ergebnis.

Der neue Geschäftsführer:

Die Strategie liegt darin, daß die Verbindung, die wir hier zum Medizinstandort Lübeck haben, mit der Universität, mit den Unternehmen aus dem Medizinbereich, das paßt wirklich sehr, sehr gut in das Unternehmensportfolio …

NDR, Schleswig-Holstein-Magazin, 11. Juli 2014 (Hervorhebung P.K.)

Der Witz ist, wie schon mal kurz angerissen: daran verdienen hauptsächlich Kliniken und Medizinunternehmen. Dem Flughafen bringt das fast gar nichts. Aber genug der Sprechblasen. Immer deutlicher wird, daß die Landewiese lediglich zwischengeparkt werden soll. Zu welchem Zweck? Das müßte man die Verantwortlichen fragen – aber wer sind die?

Der NDR fragt nach:

Matthießen räumt ein, von Luftfahrt nicht viel zu verstehen. Dafür nimmt er Siegmar Weegen ins Boot, ein bekanntes Gesicht.

NDR: Das ist jetzt der Geschäftsführer, der als verantwortlicher Geschäftsführer unter Herrn Radyamar als Investor diese Unternehmen hier in die Insolvenz geführt hat. Warum sind Sie so überzeugt von ihm als Berater?

Matthießen: Ähm, wir kennen uns jetzt seit rund, rund sechs Wochen, ähm, und in diesem, diesem Prozeß, weil das ist ja für alle Beteiligten ein ungeheuer hoher Zeitdruck gewesen, ähm, und da lernt man, glaub‘ ich, die Leute schon ganz gut kennen.

Außerdem auf der Pressekonferenz:

Wir haben hier durch eine gezielte Nachfrage und hervorragende Kontakte … sehr große Unterstützung erfahren. Der Herr Chen hat beim letzten Besuch, das war Ende Mai, in der Stadt Lauenburg/Elbe dort bei der Wirtschaftsförderung konkret den Wunsch geäußert nach einem Investment im Bereich Aviation und Luftfahrt – ja, was lag da näher als der Flughafen Lübeck, der dringend eines Aufwindes bedarf, bedurfte, und dann haben wir ganz schnell auch mit toller Unterstützung der beiden Bundestagsabgeordneten Alexandra Dinges-Dierig hier aus Lübeck und von Norbert Brackmann aus Lauenburg sofort durch diesen Kontakt nächsten Tag hier am Flughafen einen Termin hier gehabt bei Herrn Weegen …

HL-Live-Video, 11. Juli 2014 (Hervorhebung P.K.)

Noch mal rekapituliert. Den Deal eingefädelt hat nach eigenem Bekunden der Bürgermeister von Lauenburg/Elbe, Andreas Thiede (CDU). Geschäftsführer der Flughafenbetriebsgesellschaft wird Markus Matthießen, ehemaliger CDU-Landtagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender der CDU in Lauenburg. Mitgeholfen haben die CDU-MdBs Dinges-Dierig (Lübeck) und Brackmann (Lauenburg).

Man vermißt einen Namen in der Aufstellung, einen Vorgänger von Herrn Brackmann als Lauenburger CDU-Bundestagsabgeordneten: Michael von Schmude. Der ist nicht mehr in der aktiven Politik, so scheint es. Was hingegen feststeht: er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Euroimmun AG.

„Die Position des Unternehmens, insbesondere auf den internationalen Märkten, wurde gefestigt“, sagte Aufsichtsratsvorsitzender Michael von Schmude.

Lübecker Nachrichten, 12. Juli 2013

Finanzvorstand Alexander Blankenburg sekundierte seinerzeit:

Als positiv stellte Blankenburg die Entwicklung der beiden Tochtergesellschaften in China heraus, die zusammen einen Umsatz von 44,8 Millionen Euro erwirtschafteten. „China ist quasi unser Shootingstar“, sagte Blankenburg.

Und ganz aktuell:

Als positiv stellte Finanzvorstand Axel Blankenburg wieder die Entwicklung der Standorte in China heraus, die zusammen einen Umsatz von 60,6 Millionen Euro generiert haben (Vorjahr: 44,8 Millionen Euro). „China ist unser Schlüsselmarkt“, sagte er.

HL-Live, 11. Juli 2014

Noch Fragen, Kienzle? Man kann jetzt natürlich versuchen, zwei und zwei zusammenzuzählen, aber Lübeck ist wohl der einzige Ort im Universum, in dem als Ergebnis dieser Rechnung jede mögliche Zahl herauskommt, nur keine, die zwischen drei und fünf liegt.

Das Leckerli zum Schluß

Gute Nachricht: Noch sind nicht alle Journalisten narkotisiert! Die folgende Meinungsäußerung stammt nicht aus einem Guerilla-Blog, sondern aus einem seriösen Magazin:

Tatsächlich ist die Geschichte der Lübecker Wiedergeburt ein absurdes Stück, das selbst das Theater um den Berliner Großflughafen in den Schatten stellt – und steht damit exemplarisch für das Schicksal der meisten deutschen Regionalflughäfen, die ihr Dasein ohne wirtschaftliches Fundament fristen. …

manager-magazin, 11. Juli 2014 (Hervorhebung P.K.)

Sag‘ ich doch. Wie ungemein wohltuend, in all dem Verlautbarungs-Geschwampfe und -Geschwurbel nicht nur der Lokal-, sondern neuerdings zunehmend auch der Regionalpresse, ausnahmsweise mal eine zutreffende Analyse lesen zu dürfen. Danke, Herr Kaiser.