Dumm Tüch

Wie kleine Kinder reagierten einige Lübsche Luftfahrtexperten Lokalpolitiker auf die Nachricht, daß Ryanair von der Landewiese Lübeck an einen echten Flughafen, nämlich Fuhlsbüttel, wechselt: „Dann hau doch ab! Spiel ich eben mit jemand anders!“ (Fußstampf.) Derweil tat sich Interessantes in Lauenburg und im Lübecker Handelsregister.

In der Politik wird der Wechsel von Ryanair nach Hamburg gelassen aufgenommen.

LN online, 15. Juli 2014

Klar, viel tiefer kann man, was die Anzahl der Linienflugverbindungen angeht, nicht mehr sinken.

„Das sehe ich nicht als Drama an“, sagt SPD-Fraktionschef Jan Lindenau. Es gebe auch Fluggesellschaften, die gerne ab Lübeck fliegen wollten, wenn Ryanair das nicht tut.

Wieso ist Herr Lindenau eigentlich nicht längst Flughafengeschäftsführer, bei seinen profunden Kenntnissen des Luftfahrt-Marktes? Immerhin, er hat starke Konkurrenz.

CDU-Vormann Andreas Zander sieht das genauso: „Das ist kein Drama. Wenn Ryanair nicht ab Lübeck fliegt, dann fliegen andere.“ Außerdem würden die Iren zurück nach Lübeck kommen, wenn sie dort mehr Geld verdienen könnten als in Hamburg.

Mit Verlaub, was die Herren da erzählen, ist dumm Tüch (für Nicht-Norddeutsche: dummes Zeug). Niemand, auch die Präsenz von Ryanair nicht, hat irgendeine Fluggesellschaft je gehindert, von und nach Lübeck zu fliegen. Der beste Beweis ist Wizz Air. Von der Kapazität her war der Flughafen nie auch nur ansatzweise ausgelastet, und genügend Routen, die Ryanair nicht bedient, hätten sich immer finden lassen.

Und das Gelaber von „Gesprächen“ mit anderen Fluggesellschaften ist so alt, daß ich schon die Bartwickelmaschine im Keller rasseln höre.

Ständig habe seine Crew mit allen [?!] europäischen Fluggesellschaften Gespräche geführt, um Blankensee weitere Standbeine neben dem irischen Hauptkunden Ryanair zu schaffen,

so Ex-Geschäftsführer Peter Steppe am 29. November 2005 laut LN online (nicht mehr abrufbar). Wizz Air hat sich in Lübeck eine ganz gut funktionierende Nische erschlossen, zahlt dem Vernehmen nach auch mehr Landegebühren als Ryanair, aber vermutlich immer noch zu wenig, um die Kosten des Flughafens zu decken.

Fehleinschätzungen gab es aber trotzdem, und nicht nur bei Wizz Air.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Natürlich ist es möglich, daß Wizz Air ein oder zwei neue Routen einrichtet, aber das hat ursächlich nichts mit Ryanair zu tun. Wie die dann laufen, bleibt abzuwarten. Angekündigt wurden sie jedenfalls vor dem Abflug von Ryanair, der erst im Juni 2014 bekannt wurde:

Dem insolventen Flughafen Lübeck liegt ein unterschriftsreifer Vertrag mit der ungarischen Billigfluglinie Wizz Air vor. Die Ungarn, die seit 2006 am Airport in der Hansestadt sind, wollen drei weitere Jahre von Blankensee aus fliegen und zu den bisherigen Zielen Kiew und Danzig zwei weitere ansteuern.

Lübecker Nachrichten (online), 29. April 2014

Natürlich ist es möglich, daß sich auch (wie schon in der Vergangenheit) irgendeine obskure Fluggesellschaft meldet. Wie das in bislang fast jedem Fall ausgegangen ist, weiß man. Ernstzunehmende Fluggesellschaften fliegen bereits allesamt Fuhlsbüttel an. Abwerben könnte man sie lediglich mit größeren Geldgeschenken.

Neues aus dem Handelsregister

Am 11. Juli ergänzte die PuRen Germany GmbH (HRB 13960 HL), der zukünftige Flughafenbetreiber, ihren Geschäftszweck wie folgt:

Weiterer Gegenstand des Unternehmens ist der Betrieb des Flughafens Lübeck-Blankensee.

Als zweiter Geschäftsführer neben Herrn Chen aus China (gleichzeitig Alleingesellschafter) wurde, wie angekündigt, der Lauenburger CDU-Politiker Markus Matthießen eingesetzt. Zudem wurde zwei Flughafen-Mitarbeitern Einzelprokura erteilt: der eine arbeitet als Fluglotse, der andere in der Flugzeugabfertigung. Interessant.

Einzelprokura ist die einer einzelnen Person erteilte Vollmacht, wodurch sie allein vertretungsberechtigt handeln kann. Diese Prokura hat einen umfassenden Charakter.

Wikipedia

Vielleicht hat Herr Matthießen noch etwas anderes zu tun, wie eine Neueintragung in Handelsregister Lübeck, ebenfalls vom 11. Juli 2014, nahelegt.

HRB 14085 HL: Lauenburg Consult GmbH, Lauenburg/Elbe, Fliederweg 33, 21481 Lauenburg/Elbe. Geschäftsanschrift: Fliederweg 33, 21481 Lauenburg/Elbe. Gegenstand: Die Unternehmensberatung, Coaching, Handel- und Dienstleistungen aller Art sowie Vermittlung von Immobilien nach § 34 c GewO [also als Makler – P.K.]. Kapital: 25.000,00 EUR …

Geschäftsführer: 1. Matthießen, Markus, *01.01.1973, Lauenburg/Elbe, mit der Befugnis die Gesellschaft allein zu vertreten, mit der Befugnis Rechtsgeschäfte mit sich selbst oder als Vertreter Dritter abzuschließen. Rechtsform: Gesellschaft mit beschränkter Haftung; Gesellschaftsvertrag vom: 09.07.2014.

Wie las man doch kürzlich über den Schnakenbeker Sandburghof?

Für rund eine Million Euro ist jetzt PuRen der neue Eigentümer. Der Firmensitz soll von der Lauenburger Postfachadresse in das Haupthaus aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlegt werden.

„Was genau sonst noch mit dem Sandkrughof passiert, ist aktuell unklar, es gibt da sehr viele Ideen, denen gegenüber wir aufgeschlossen sind“, berichtet [der Schnakenbeker Bürgermeister] Pehmöller.

Bergedorfer Zeitung, 8. Juli 2014

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3 Gedanken zu „Dumm Tüch“

  1. Wenn jetzt Ryanair von der Startbahn 05/23 oder von der 15/33 startet, statt von der 07/25, dann ist das im Sinne der „Dritten Startbahn für Hamburg“ doch egal, oder?

  2. Fakt ist: die von Ryanair eingestellte Linie lübeck -Stockholm hatte 2012 mehr als 40.000 Abfertigungen. Die Fluggäste waren vorhanden und haben die Streichung der Linie teilweise sehr bedauert.
    Ich gehe mal davon aus, dass Ryanair nicht aus Flugzeugmangel, sondern aus Gründen der Auslastung gestrichen hat.
    Ryanair fliegt allerdings ausschließlich Boing 737 mit einer gewissen Anzahl an Sitzplätzen.
    Hätte das Flughafenmarketing nicht gepennt, wie schon seit Jahren, wäre es für die Leute Pflicht gewesen, eine Gesellschaft mit etwas kleineren Flugzeugen auf dieses Ziel aufmerksam zu machen. ich glaube, bei den schon vorhandenen Passagierzahlen hätte sich sicher jemand gefunden, die Strecke zu bedienen.
    Man lässt aber erstmal alles einschlafen und ein Neuaufbau nach vielen Monaten bringt dann Risiko und Kosten.
    Aber man hörte auch 2013 vom Flughafenmarketing, dass man mit allen Fluggesellschaften im Gespräch sei, das scheint ein Standardspruch zu sein.

    1. Man macht halt immer wieder den gleichen Fehler der „Branchenerfahrenen“ … aber vielleicht haben wir jetzt mit den chinesischen Seiteneinsteigern endlich eine reelle Chance – wenn denn dann ein bisschen mehr Managementfähigkeiten sichtbar wären.

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