Die Sache mit dem chinesischen Luftraum

Günter Scholz, wirtschaftspolitischer Sprecher der BfL, hat eine langatmige Pressemitteilung herausgegeben, die auf HL-Live unter dem Titel „BfL zum Flughafen: Chinesen investieren in die Zukunft“ zitiert wird, aber komischerweise fast nichts über die hiesige Landewiese aussagt. Fairerweise sei angemerkt, daß in dem Originaltext der Flughafen nicht in der Überschrift auftaucht. Aber vermutlich wird HL-Live mehr Leser haben als die BfL-Webseite.

Im Text knattern von China bestellte EADS-Hubschrauber durch die Gegend, die mit dem Thema fast nichts zu tun haben, und wenn Herr Scholz sich etwas besser auskennen würde, würde er wissen, daß die Firma eigentlich Eurocopter hieß und nunmehr unter Airbus Helicopters firmiert, aber das nur nebenbei. (Deutsche Standorte sind übrigens Donauwörth, Ottobrunn und Kassel, also alles Nachbarstädte von Lübeck. Äh, also eher nicht.)

Bunt geht es bei Herr Scholz durcheinander. Breit werden Krankenhäuser und erneuerbare Energien gestreift, da habe China Nachholbedarf. Beispiel Gesundheitstourismus:

Der Ausbau des Krankenversicherungswesens in China treibt diesen bereits praktizierten Trend der Gesundheitsvorsorge und Behandlung im Ausland.

HL-Live, 16. Juli 2014

Klar, für chinesische Krankenversicherer ist es billiger, Patienten ins Ausland zu fliegen, oder wie? Siehe Arabien, wo bis vor kurzem die Gesundheitstouristen herkommen sollten. NDR Info berichtete in der Sendung Das Forum unter dem Titel „Der arabische Patient“ im August 2012:

So verlagert sich das Geschäft mit den arabischen Patienten immer mehr in die arabischen Länder selbst. Große Klinikkonzerne investieren in neue Projekte, Medizingerätehersteller rüsten Krankenhäuser aus. Das ganz große Geschäft für die deutschen Kliniken sei deshalb vorbei, glaubt der Chef der Krankenhausgesellschaft, Dänzer: „Ich glaube, dieses Marktpotential ist rückläufig, weil das Gesundheitswesen in der Golfregion in den letzten Jahren entscheidend verbessert wurde.“

Das wird in China auch nicht anders sein. Nochmal Herr Scholz, jetzt über erneuerbare Energien:

Hier in Deutschland und insbesondere auch in Lübeck (z.B. Vestas) sind die Entwicklungs- und Fertigungsstätten für diese sauberen Zukunftstechnologien.

HL-Live, 16. Juli 2014

Und die werden dann mit EADS-Helikoptern im unteren Luftraum nach China geflogen?

Bleibt noch die Frage der Unternehmenssparte Tourismus. Wer einmal in Frankfurt/M auf der Haupteinkaufstraße „Zeil“ war oder im Kaufhaus Lafajette [sic!] in Paris oder Berlin trifft zu jeder Tageszeit auf Geschenke kaufende chinesische Touristen. Die Anbindung von Lübeck an einen Hub (z.B. Frankfurt/München), wo mehrmals täglich Maschinen aus Peking, Schanghai oder Hongkong landen, würde diese kulturinteressierten Gäste auch nach Lübeck bringen können.

HL-Live, 16. Juli 2014

Ja. Oder aber ein Komfort-Bus von Fuhlsbüttel. Übrigens wies mich ein Leser darauf hin, daß in Herrn Scholz‘ Aufzählung das Kaufhaus in Görlitz fehlt. Danke für den Hinweis.

Weiter auf der Achterbahn

Die Öffnung des Luftraumes bis 1500 m wird den privaten Flugverkehr in China in den nächsten Jahren stark beleben. … also Pilotenausbildung in Deutschland für den chinesischen Markt ist zukünftig ein gefragtes Geschäftsfeld, das nur mit einem möglichst eigenen Flughafen zu bewältigen ist.

HL-Live, 16. Juli 2014

Richtig, und deswegen sind in China derzeit auch 72 neue Flughäfen geplant.

China is also to build 72 new airports, for regional aircraft and private jets, mainly in the country’s west, by 2015 …

Dazu braucht man wahrlich keinen 73. in Lübeck, Herr Scholz.

Wenn man das etwas detaillierter betrachtet, wird man sehen, daß es sich eigentlich genau andersherum verhält als behauptet. Hat da vielleicht schon mal jemand recherchiert? Och nö, wozu denn.

In der Tat ist der untere Luftraum in China bislang dem Militär vorbehalten gewesen. Sportflieger, Rundflüge – weitgehend unbekannt.

Die Reform des unteren Luftraums sieht folgendes vor: unter 1.000 m Flughöhe wird keinerlei Genehmigung mehr benötigt. Zwischen 1.000 und 4.000 m muß ein Flugplan eingereicht werden. Die Erlaubnis des Militärs ist jedoch in beiden Fällen nicht mehr erforderlich.

Wu Jinmin, an aviation industry consultant with Singapore Empower Group. … believes the private jet clubs will not be the only ones benefiting from the new policy. “A brand-new industry chain will emerge from the industries of private aircraft maintenance, management personnel training, and pilot training to operation base construction and low altitude airspace tour,” she said.

China Briefing, 17. November 2010 (Hervorhebung P.K.)

Das alles in China, versteht sich.

Vielleicht haben die hiesigen Lokalpolitiker den Witz noch nicht mitbekommen, daher hier ganz deutlich: die Öffnung des unteren Luftraums in China dient unter anderem auch der Erleichterung der Pilotenausbildung vor Ort! In China! Nicht in Lübeck – das ist wieder mal dumm Tüch.

Officials said better use of low airspace would include tourism, flight training, agricultural applications such as crop spraying, and medical rescue helicopters.

Financial Times, 15. Oktober 2010 (Hervorhebung P.K.)

Und was das Ausbildungspersonal angeht, selbst wenn es in China fehlen sollte (was ich nicht glaube): was ist günstiger, ein paar deutsche Ausbilder nach China zu schicken oder hunderte, ach was, tausende von chinesischen Flugschülern nach Lübeck?

Platz genug ist in China, anders als hier. Sportflieger kommen mit Rasenpisten gut zurecht, Rettungshubschrauber brauchen sowas gar nicht.

Aus gegebenem Anlaß lesen Sie jetzt eine Wiederholung.

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Oder Ziegelsteine. Hauptsache, Du triffst.

4 Antworten auf „Die Sache mit dem chinesischen Luftraum“

  1. Ich hatte vor ein paar Tagen eine interessante Diskussion mit einem erstaunlich schlauen Kopf aus der weiteren Region Lübecks. Mit einem gar nicht mal so komplizierten Konzept erscheint es möglich den Flughafen kaufmännisch tragfähig zu betreiben und der Clou – es beruht auf chinesischer Ingenieurskunst, die den ehemals weltberühmten teutschen Ingenieur längst überflügelt hat. Es wird eine große Schande, wenn die Chinesen uns zeigen wie man provinzielle Flughäfen betreibt.

      1. Man könnte den Flughafen vielleicht komplett, inklusive Start- und Landebahn unter die Erde verlegen, wie S 21.
        Sollte es später beim Betrieb Probleme geben, wird man das erst nach Fertigstellung merken, wie bei BER

  2. Herr Scholz hat da wirklich einen wirtschaftlichen Rundschlag über viele Branchen von sich gegeben.
    Tatsächlich kann einiges davon richtig sein, aber was hat das mit Lübeck zu tun?
    Hubschrauber: Pilotenausbildung zum Hubschrauberpilot ist mit am Schwierigsten,das sollte man Fachleuten überlassen, die nicht unbedingt in Lübeck zu finden sind. Für die Ausbildung zur PPL gibt es in Lübeck Flugschulen, denen ich auch wünsche, das sie einige Kunden aus China bekommen. Allerdings gibt es in Deutschland hunderte Flugschulen an allen möglichen großen und kleinen Flugplätzen.
    Zum Gesundheitstourismus habe ich nicht viel Ahnung, da kann Herr Scholz uns doch bitte den Gefallen tun und mitteilen, wie viele Gesundheitstouristen in einem Jahr nach Lübeck kamen und bei dieser Recherche kann Herr Scholz sicher auch gleich eine Zahl nennen, wie viele Studenten aus China pro Jahr in Lübeck studieren.
    Erneuerbare Energien: Vestas ist ein dänisches Unternehmen, mit Niederlassung in Lübeck, das sollte ein wirtschaftspolitischer Sprecher wissen und auch daraus schließen, dass chinesische Interessenten sich an den Mutterkonzern wenden würden, wenn sie Beratung möchten.
    Tourismus: Hier wird es lustig: Herr Scholz hat ja, aus seinem Bericht ersichtlich, schon die Zeil in Frankfurt/M kennen gelernt. Hat er auch schon von attraktiven Einkaufszielen in München, Düsseldorf, Berlin usw. gehört? Es wäre ganz interessant, wenn er mal ein Ranking der beliebtesten Einkaufsziele Deutschlands abrufen und uns mitteilen würde. Ich gehe eine Wette ein, dass Lübeck nicht unter den ersten zehn Plätzen liegt, also bitte keine Vergleiche mit der Zeil oder Lafayette in Paris. Dann doch lieber mit dem neuen Kaufhaus des O. in Görlitz.
    Noch eine Aussage zur Pilotenausbildung „am besten auf einem eigenen Flughafen“ Ja Herr Scholz, die Chinesen haben doch schon Parchim und bitte daran denken: Parchim hat eine Runway, die es erlaubt, China-Deutschland Nonstop zu bedienen.
    Es gibt sicher irgendwelche Gründe, aus denen die Chinesen den LBC übernehmen wollen, oder übernommen haben?? Die von Herrn Scholz benannten Gründe passen m.E. nicht dazu.
    Mir sagte mal jemand: „Die Chinesen wollen das Know How von Lübeck, für den Bau ihrer neuen Flughäfen“. Ich bitte, nicht zu lachen, der Mann meinte es ernst.
    Vielleicht hat er aber doch recht, auf keinem anderen deutschen Flughafen kann man lernen, wie 93 Mitarbeiter beschäftigt werden, um zwei Flugzeuge am Tag abzufertigen.
    Ich bin kein Miesmacher, ich mag den Flughafen, aber bitte mit realistischen Zielen, die dann wirklich über Jahre und Jahrzehnte Erfolg bringen. Und das ist eine Frage der Führung, die in den letzten Jahren total versagt hat.

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