Gehe zurück auf Los

Wer hätte das gedacht? Der Flughafen Lübeck ist ein Scherbenhaufen. Das sage nicht ich, das sagt der neue Geschäftsführer.

Die vorherigen Eigentümer haben einen großen Scherbenhaufen hinterlassen.

Bergedorfer Zeitung, 15. Juli 2014

Vielleicht hält sich das Gejubel einiger Fanpersons deshalb auch in argen Grenzen: hier wurde erst mal nichts anderes gerettet als eine dysfunktionale Landewiese.

Im Grunde ist man jetzt wieder auf dem Stand vom letzten Winter. Zur Erinnerung: man schloß sogar einen Parkplatz, um dessen nächtliche Beleuchtung zu sparen. Selbst die Anschaffung von Büromaterial mußte beantragt und vom damaligen Geschäftsführer genehmigt werden. In diesem Zustand befinden wir uns jetzt wieder. Mit einem Unterschied: Ryanair ist vorerst ganz verschwunden.

Wer versucht, die offiziell nicht abgesagten Flüge nach Palma de Mallorca und Bergamo im September und Oktober zu buchen, erhält seit kurzem die überraschende Auskunft, sie seien ausverkauft, und zwar ausnahmslos alle. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Man wird sehen, ob die Flüge wirklich stattfinden werden.

ausverkauft

Den Abflug von Ryanair könnte man sicherlich in einen finanziellen Vorteil umsetzen, wenn man Personal abbaut, aber genau das soll vorerst nicht geschehen.

Geniale Strategie

Auf jeden Fall ist Zeit gewonnen, was vermutlich das Ziel der Aktion war. Ein Jahr lang wird nichts passieren, obwohl etwas passieren müßte. Die Strategie, nichts zu ändern, in den alten Vertrag einzusteigen und alle Mitarbeiter zu übernehmen, ist eindeutig nicht wirtschaftlich motiviert, sondern diente einzig und allein dem Zweck, der Bürgerschaft die Zustimmung so einfach wie möglich zu machen. Das war, zugegeben, genau die richtige, geradezu geniale Strategie – die Lokalpolitiker sind mehrheitlich darauf hereingefallen.

Ein bißchen hat man natürlich nachgewürzt. Erstens verzichtete man auf eine Ausstiegsklausel – völlig unerheblich. Wenn die Betreibergesellschaft nicht mehr kann, kann sie nicht mehr.

Übrigens hatte der vorherige Investor eine Ausstiegsklausel zum Ende 2013, nutzte sie trotz der damals schon absehbaren Katastrophe aber nicht. Sie hätte ihm nämlich finanziell nicht viel gebracht. Eine Ausstiegsklausel würde auch dem neuen Investor nicht viel nutzen.

Zweitens tut man so, als wolle man den Ball flachhalten und verspricht erstmal nur Vages. Oberflächlich clever, aber der vorherige Investor ist nicht an seinen grandiosen Plänen gescheitert. Die wurden bekanntlich gar nicht erst in Angriff genommen.

Was passierte, war folgendes: man übernahm ein schuldenfreies (sprich: von der Stadt für 50 Mio. Euro entschuldetes) Unternehmen, machte praktisch nichts, beließ alles (anfangs inklusive Geschäftsführer) beim alten, und genau das führte binnen 15 Monaten in die Insolvenz. Und das wird auch bei diesem Versuch genauso ausgehen, es sei denn, jemand steckt viel Geld hinein. Alleine die Personalkosten für ein Jahr dürften 3 Mio. Euro übersteigen.

Wem will man so etwas verkaufen? Ach so, der Lübecker Bürgerschaft. Alles klar. Der mega-reiche Investor, der Geld zu verschenken hat, soll’s mal wieder richten. Das hatten wir doch schon. Wer’s glaubt, wird selig.

Das gigantische Kuckucksei

Aber es kommt noch schlimmer. Man hat sich selbst – ganz freiwillig – ein riesiges Kuckucksei mit Zeitzünder ins Nest geholt. Was wird wohl passieren, wenn der Investor (wie das an allen anderen privatisierten Regionalflughäfen üblich ist), weitere Subventionen verlangt? Sagen wir mal, zehn Millionen, ansonsten müsse man leider den Flugbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen einstellen?

Geht gar nicht, wird es zunächst heißen. Doch dann werden wieder die nach wie vor unbewiesenen Horrorszenarien aus dem Aktenschrank geholt, denen zufolge die im Falle einer Nichtgewährung besagter Subventionen der Flughafen abgewickelt werden müsse, und das koste leider viel mehr als 10 Millionen Euro. Ergo müsse man wohl oder übel zahlen (auf welche Art und Weise auch immer; es gibt viele kreative Beispiele, wie man Beihilferegeln umgehen kann).

Spielen wir das Spiel mal rein hypothetisch weiter. Bei den 10 Mio. bleibt es nicht. Wieder und wieder werden Subventionen verlangt; irgendwann kommt man bei der Gesamtsumme von 60 Mio. Euro an. Das entspräche den maximalen Abwicklungskosten im derzeitigen Horrorszenario.

Dann wird die Verwaltung behaupten, eine Abwicklung würde noch viel mehr als bisher vermutet kosten, und wird sich vermutlich nicht entblöden, die bisher gezahlten Subventionen als Verlustposten dazu zu packen unter dem Motto, das schöne Geld sei doch ansonsten verloren.

So wird von interessierter Seite nicht nur immer mehr Geld verbrannt, wie schon im unseligen Bürgerentscheid, sondern es werden immer neu künstliche Hürden aufgebaut. Absicht? Ich denke schon.

5 Replies to “Gehe zurück auf Los”

  1. In der Bergedorfer Zeitung steht noch mehr:
    Online vom 15.07.2014:“Der 41-jährige gelernte Bankkaufmann soll den insolventen Flughafen Lübeck retten, den der chinesische Konzern PuRen kaufen will. Erst am Donnerstag hatte die Lübecker Bürgerschaft dem Verkauf zugestimmt.
    „Die vorherigen Eigentümer haben einen großen Scherbenhaufen hinterlassen“, sagt Matthießen. “

    Soll und will und die Eigentümer im Plural, also Adam Wagner, der saudi-arabische Geschäftsmann, die Flughafen Lübeck GmbH, der Mehrheitseigentümer Infratil. Allen bescheinigt Herr Matthießen eher ungeschickt agiert zu haben. Aber jetzt kommen die Fachleute, so sie denn kommen.

      1. Flughafentechnisch ist es wirklich überraschend, dass ein politisch aktiver Mensch in die Falle rennt sich mit solch einem verbrannten Berater abzugeben. Vielleicht hat es deswegen nur für die politische Provinz gereicht? Ob solch eine Wahl im Falle der nächsten Insolvenz vielleicht als grob fahrlässig eingestuft werden wird?

        Kaufmännisch gedacht wird da wohl auch nicht, denn die „Qualifikation“ der branchenerfahrenen Flughafenmanager ist hinlänglich bekannt und an dem Zustand vieler Regionalflughäfen abzulesen. Nicht jeder ist nämlich überflüssig, viele dürften einfach nur falsch geführt werden.

        Insgesamt drängt sich der Eindruck auf hier wird wieder ein Geschäftsführer vor der Fotokulisse Flughafen installiert. Hoffen wir, dass es nicht regnen wird.

    1. Sie haben komplett recht, im ersten Moment dachte ich auch, der Scherbenhaufen sei nur auf die letzten zwei Besitzer, Herrn Amar und den nie aufgetauchten Wagner bezogen.
      Geschickter hätte man es ausdrücken können mit dem Satz:
      “ Der Scherbenhaufen der letzten ???? Jahre konnte von den verschiedenen Besitzern nie beseitigt werden“.
      Herr Matthießen hat durchaus richtig erkannt, dass es fähige und motivierte Mitarbeiter am Flughafen gibt, mit denen man etwas bewegen könnte.
      Die Frage ist nur, ob er in der Kürze der Zeit die richtigen Personen kennenlernen konnte, oder ob da vielleicht einige Selbstdarsteller und Wendehälse wieder ganz vorn stehen?
      Konstruieren wir mal ein Gleichnis:
      Eine Gaststätte, Mittelklasse, beschäftigt acht Kellner und drei Köche. Es kommen pro Tag allerdings nur zehn Gäste.Die Gaststätte geht logischerweise pleite.
      Ein neuer Besitzer steigt ein und verspricht natürlich, alle Kellner und Köche zu übernehmen, aber jeder muss nun mit daran arbeiten, genug Gäste zu bekommen, damit er alle Angestellten bezahlen kann.
      Was passiert?
      Die Köche sagen:“ Wir haben genug in der Küche zu tun und keine Zeit, um Gäste anzuwerben.“
      Die Kellner sagen: “ Wir müssen hier die Tische decken und die Speisen servieren, wie sollen wir da noch Gäste anwerben?“
      Fazit: Jeder der Angestellten hält sich für unentbehrlich und nicht verantwortlich für das Kernproblem, nämlich die fehlenden Gäste.
      Nun fragt der neue Chef nach, wie es weitergehen könnte, ohne Personal zu entlassen. Und was glauben Sie? Alle haben plötzlich die besten Ideen, wie man neue Gäste gewinnt, aber trotzdem wird sich niemand für zuständig halten, alle haben ja schließlich schon einen wichtigen Job in der Gaststätte.
      Was tun? Zusätzliche Leute für die Werbung einstellen? Sich darauf verlassen, dass der neue Chef genug Geld hat, weiterhin die Löhne zu zahlen?
      Auf jeden Fall dem neuen Chef erzählen, dass man die Probleme schon lange kannte und genau der Einzige ist, der dem Chef bei den zukünftigen Problemlösungen helfen kann.
      Die Besten werden sich dabei eher im Hintergrund halten, weil sie wissen, was sie können und immer gute Arbeit erbracht haben.
      Am Lautesten müssen die klappern, die sich vorher vor der Arbeit gedrückt haben, oder viel Mist gebaut haben. Daher der Spruch:“Klappern gehört zum Handwerk“.
      Ist diese Geschichte so weit hergeholt??

      1. Und dann ist da noch das große, beliebte Restaurant in geringer Entfernung, das zwar etwas teurer ist, aber die größere Auswahl bietet. Was soll man machen, um Kunden von dort abzuwerben? Klar, kostenloses Essen anbieten. Funktioniert nur nicht so ganz, Man kriegt zwar Kunden, verdient aber nix an ihnen. (Beim Parken statt beim Essen abkassiereren funzt auch nicht.)

        Das wird wohl schon manches Restaurant erlebt haben: manchmal ist einfach der Standort der falsche.

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