Good riddance & Fump

Unsere genialen Lokalpolitiker wußten es mal wieder ganz genau, damals vor knapp vier Jahren. Ryanair geht nach Fuhlsbüttel? Unmöglich. Schon damals kündigte die Firma eine neue Strategie an, die auch bislang vernachlässigte Primärflughäfen einschloß. Die Luftfahrt„experten“ in Lübeck aller konservativer Parteien und Splittergruppen waren sich einig: das wird niie geschehen. Doch jetzt ist es amtlich: der bis auf weiteres letzte Ryanair-Flug ab Lübeck findet am 31. Juli statt. Ab Herbst versucht man es dann mit Fuhlsbüttel. Fump.

(„Fump“ meint das Geräusch beim Öffnen einer Bügelbierflasche.)

Am Freitag bekamen die Fluggäste eine Mail von Ryanair, dass ihre Flüge umgebucht werden. Auf der Internetseite der Fluggesellschaft sind ab 1. August keine Flüge mehr ab Lübeck buchbar. Zum Ende des Sommerflugplans im Oktober hatte das Unternehmen Lübeck ohnehin aus seinen Plänen gestrichen.

HL-Live, 27. Juli 2014

Ganz interessant auch dies:

Die Iren forderten eine „angemessene Garantie des Betriebes.“ Ob sie die nicht bekommen haben, war am Samstag nicht zu erfahren.

Was sie vermutlich gefordert haben, war ein neuer Vertrag. Aus dem (gar nicht so) alten Vertrag über drei Jahre konnte man sich im Rahmen der Insolvenz des Flughafenbetreibers relativ elegant herauswinden. (In der Regel bricht eine Insolvenz bestehende Verträge, soweit ich weiß. Und wenn nicht: wer würde Ryanair verklagen?)

Das erlaubt schon eine Teilantwort auf die Frage, ob Ryanair je nach Lübeck zurückkehren wird, was das Fliegende Spaghettimonster gnädigerweise verhindern möge. Die Antwort: zu den vormaligen Bedingungen eher nicht. Sonst hätte man sich wohl kaum aus dem Vertrag verabschiedet. Da der natürlich streng geheim ist, weiß niemand, was Ryanair hier an Lande- und Startgebühren gezahlt hat; die Spekulationen reichern hinunter bis zu null Euro pro Passagier.

Es ist eigentlich ganz logisch: wenn Ryanair jetzt auch Primärflughäfen anfliegt und dort keinerlei Vergünstigungen bekommt, müssen die verbliebenen Sekundärflughäfen umso mehr bluten, wenn sie noch etwas vom Kuchen abkommen wollen. Das immerhin hat sich am Prinzip Ryanair nicht geändert: man spielt nach wie vor einzelne Flughäfen gegeneinander aus.

„Ryanair war bisher nie ein Gesprächsthema für uns“, erklärt Unternehmenssprecherin Stefanie Harder [vom Flughafen Hamburg], weil die Iren die geforderten Start- und Landegebühren nicht bezahlen und sogar noch Zuschüsse verlangen würden. Harder: „Wenn Ryanair unsere Bedingungen akzeptiert, reden wir mit jeder Fluggesellschaft.“

LN online, 28. September 2010

Was war geschehen?

Abermals hat Chef Michael O’Leary mit einem Interview Staub aufgewirbelt. … Der für kuriose Einfälle und sprunghafte Ideen bekannte Ire hat in einem Interview mit einem englischen Wirtschaftsinformationsdienst angekündigt, dass er seine Billig-Fluggesellschaft in den nächsten Jahren auf ein anderes Geschäftsmodell umbauen möchte. … Künftig will Michael O’Leary mehr Service bieten und größere, zentraler gelegene Airports ansteuern.

LN online, 28. September 2010

Man war also vorgewarnt:

Während der Regionalflughafen Lübeck nicht nur mit den Miesen kämpft (das Geschäftsjahr 2008/2009 wurde mit einem Defizit von 5,6 Millionen Euro abgeschlossen), nimmt der Riese Ryanair (drei Milliarden Euro Umsatz in 2009/2010) ganz andere Spielfelder ins Visier. Künftig wolle er größeren Wert auf Leistung und Service legen, sagte O’Leary der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Dafür müssten zwar die Kosten steigen, zugleich aber wolle er größere und zentraler gelegene Flughäfen bedienen. Ausgeschlossen ist auf deutschem Boden nur Frankfurt/Main, Hamburg folglich attraktiv.

shz, 25. September 2010

Was machte die hiesige Monopolpresse daraus? „O’Leary kündigt neue Strategie an: Empörung über Ryanair“. Pffft.

In Lübeck reagieren viele Politiker inzwischen verschnupft. … Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD) nimmt diese Überlegungen ernst und hält sie für „hochgefährlich“. Schindler: „Wenn Ryanair tatsächlich nach Hamburg abwandern würde, wären die Iren endgültig aus Lübeck weg.“

LN online, 28. September 2010

Wollen wir hoffen, daß Herr Schindler ausnahmsweise mal recht hat.

[Der ehemalige SPD-]Fraktionschef Peter Reinhardt: „Die Basispläne von Ryanair scheinen nicht verlässlich zu sein.“

LN online, 28. September 2010

Ach nee, auch schon gemerkt? Guten Morgen! Aber immer noch weiter Geld, bis zum heutigen Tag und in den nächsten Jahren, in die Landewiese pumpen, obwohl der Ausbau stets nur den Zweck hatte, Ryanair zu locken?

Um es geschichtlich einzuordnen: das ganze fand knapp ein Jahr nach der Initiierung des Bürgerentscheids (Ende 2009) statt, für den Ryanair ein, wenn auch bescheidenes, Feuerwerk zündete, von dem natürlich nicht viel übrig blieb.

Und jetzt bitte in den Karnevalsmodus umschalten:

Im bürgerlichen Lager nimmt man O’Learys neueste Einlassungen nicht für voll. „Der treibt ständig eine neue Sau durchs Dorf“, lästert BfL-Fraktionschef Raimund Mildner. Ryanair als Firma sei für Blankensee seit zehn Jahren ein verlässlicher Partner. [TUSCH!] Der Ryanair-Chef sei bekannt für seine komischen Ideen, bleibt CDU-Fraktionschef Andreas Zander gelassen. Zander: „Ich glaube, die Iren halten an Blankensee fest und richten auch die Basis ein.“ [TUSCH!] O’Leary erzähle viel, „wenn der Tag lang ist“, erklärt FDP-Fraktionschef Thomas Rathcke. [TUSCH!]

LN online, 28. September 2010

Man könnte natürlich auch sagen, Luftfahrtexperten Politiker von CDU, FDP und BfL erzählen viel, wenn der Tag lang ist, und glauben womöglich an das Fliegende Spaghetti-Monster, oder – was noch schlimmer wäre – an unverbindliche Zusagen von Ryanair.

Fump.

3 Antworten auf „Good riddance & Fump“

  1. Mag ja sein Herr Harald,nur hat Fuhlsbüttel schon mehrfach betont das Ryanair willkommen sei – zu Bedingungen des Flughafens. Ich denke das der Hamburger Flughafen es gar nicht nötig hat vor dem Iren zu buckeln im Gegensatz zur hiesigen Landewiese. Ich wette in spätestens zwei Jahren ist der Chinese weg und dann gibt es wieder einen teuren famosen Rettungsplan auf Kosten der Allgemeinheit.

    1. Hallo herr Riewoldt, ich verstehe Ihre Argumente, kann aber nicht daran glauben, dass Ryanair in Fuhlsbüttel volle Gebühren zahlt.Denn der Unterschied ,(abgerechnet wird ja pro Pax), ist sehr groß.
      Wir können ja nur spekulieren, aber angenommen, Ryanair hat in LBC pro Pax € 6.- bezahlt, (wenn überhaupt), dann dürfte Hamburg bei € 16.-liegen. Wie gesagt, Spekulation, aber den Unterschied würden die Flugpreise bei Ryanair wohl nicht hergeben.
      Ich glaub schon eher an die Vorteile für die Infrastruktur, immerhin verspricht Ryanair 200.000 Passagiere und mehr und das muss man denen lassen, die Versprechungen sind immer Wahrheit geworden.
      Sollte aber, was wir beide nicht wissen, Ryanair doch günstige Konditionen in Hamburg bekommen, haben die keinen Grund mehr, nach Lübeck zurück zu kehren.

  2. Man muss auch noch eine andere Betrachtungsweise einbeziehen:
    Bei einem vernünftig geführten größeren Flughafen zählen die Fluggäste auch im Umfeld, sie lassen Geld in Shops, Gastronomie usw.
    Ich glaube, auch wenn die Pfennigfuchser stolz sind, einen Flug von A nach B für 29 Euro ergattert zu haben, ist die Verlockung groß, in einem der vielen Shops im hamburger Flughafen ein kleines Mitbringsel zu kaufen, oder ein Getränk zu sich zu nehmen. Und sei es auch nur, mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren, das kommt dann der VHH zu Gute.
    Was ich sagen will, Hamburg kann es verschmerzen, einer Billigfluglinie günstige Konditionen anzubieten, weil die Infrastruktur vorhanden ist, auf anderen Wegen doch noch einige Einnahmen zu erzielen. Das war und ist in Lübeck nunmal nicht möglich, zumal für mehrere Monate sogar noch Restaurant und Bistro geschlossen waren. Klarer Managementfehler.
    Hamburg hat auch eine Größe und Macht, die es den teureren Fluggesellschaften nicht erlaubt, gegen Ryanair zu protestieren, denn sie sind auf den Flughafen angewiesen.
    Dies alles trifft auf Lübeck natürlich nicht zu.

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