Dieser IHK-Jubel könnte daneben gehen

Zu der Ankündigung von Wizz Air, zweimal wöchentlich eine Flugverbindung von/nach Riga anbieten zu wollen, gab es unglaublich viele alberne Äußerungen von Parteivertretern (mit Ausnahme der Grünen und der Linken) in der Hanselstadt™ Lübeck, deren Kommentierung reine Zeitverschwendung wäre. Wie beratungsresistent ist man eigentlich, daß man bis hin zur SPD in jeder derartigen Ankündigung einen „Erfolg“, „Vertrauensbeweis“, ein „Bekenntnis“ oder gar einen ewigen Treueschwur sieht? Nein, man fährt auf Sicht (d.h. blind) und begrüßt alles, was vom eigenen jahrzehntelangen Versagen ablenkt, und sei es auch nur für ein Jahr. Amateure proben Flughafen. Weit aus dem Fenster gelehnt hat sich in dieser Sache mal wieder die IHK – und schießt sich womöglich selbst ins Knie.

Die Ungarn [Wizz Air] würden sich zum Standort Lübeck bekennen, lobt die Industrie- und Handelskammer zu Lübeck (IHK). Rüdiger Schacht, stellvertretender Hauptgeschäftsführer: „Dies ist zugleich ein erster Erfolg des neuen Flughafenbetreibers, die Zukunft des Airports positiv zu gestalten. Für die Wirtschaft der Region ist die lettische Hauptstadt ein attraktives Ziel, da viele Unternehmen enge Handelsbeziehungen ins Baltikum pflegen.“

LN online, 7. August 2014

Nur hat die „Wirtschaft der Region“ bereits jetzt die Möglichkeit, mit Air Baltic direkt nach Riga zu fliegen, nämlich ab Hamburg. Ohne Umsteigen, und (im Sommer) am Morgen jeden Werktags. Weiß man das bei der IHK Lübeck vielleicht nicht?

Oberflächlich betrachtet könnte man es dabei belassen. Aber natürlich gefährdet die Einrichtung von Direktflügen Lübeck-Riga die existierende Verbindung Hamburg-Riga. Und das auf eine Art und Weise, die Geschäftsleuten kaum schmecken dürfte. Denn werktägliche Flüge Lübeck-Riga wird es mit Wizz Air nicht geben.

Die derzeitige Situation

Im Sommer bedient Air Baltic die Strecke Hamburg-Riga werktäglich, und zwar mit Turboprop-Maschinen vom Typ Dash 8Q-400 (DH4), die ca. 78 Passagiere fassen. Im kommenden Winterflugplan geht die Zahl der Flüge dann auf 3 bis 2 pro Woche hinunter, was natürlich für Geschäftsleute nicht so toll ist. Aber das weist darauf hin, daß Air Baltic hier eine Mischkalkulation fährt: Touristen und Geschäftskunden. Hinzu kommt, daß diese Turboprop-Verbindungen für 70 bis 80 Passagiere pro Flug sich sowieso kaum noch wirtschaftlich darstellen lassen. Davon künden die Pleiten etlicher Regionalfluggesellschaften wie Cirrus und OLT, die solche Maschinen ebenfalls eingesetzt hatten.

Und jetzt raten Sie mal, was passiert, wenn Wizz Air Air Baltic die ganzen Touristen mit Billigpreisen wegschnappt. Zu einer gleichmäßigen Aufteilung des Marktes wird es nicht kommen, denn Wizz Air betreibt ausschließlich Maschinen des Typs Airbus 320 mit einer Kapazität von 180 Passagieren.

Die theoretischen(!) Maximalkapazitäten sind wie folgt:

  • Air Baltic von/nach Hamburg: 32.000 Passagiere (Annahme: 5 wöchentliche Flüge in Sommer, durchschnittlich 2,5 im Winter)
  • Wizz Air von/nach Lübeck: 37.000 Passagiere (Annahme: 2 wöchentliche Flüge im Sommer und im Winter; letzteres darf allerdings bezweifelt werden).

Gut möglich, daß Wizz Air hofft, mit dem günstigeren Wirtschaftsmodell Air Baltic das Wasser abgraben zu können – warum auch nicht. Platz für beide dürfte es aber kaum geben, das bedeutete nämlich eine Verdoppelung des Passagieraufkommens in der Region von heute auf 2015 – woher soll das kommen? Jedenfalls: sollte Wizz Air mit der Verbindung Lübeck-Riga auch nur halbwegs erfolgreich sein, sind die werktäglichen – für Geschäftsleute interessanten – Flüge von Air Baltic bald Vergangenheit.

Wenn es nach Wizz Air geht, dürfen sich die Vertreter der „Wirtschaft der Region“ mit Ziel Riga demnächst in Billigflieger quetschen, die bestenfalls zweimal die Woche abheben (davon einmal am Sonntag). Die IHK sollte daher nicht allzu laut jubeln. Das ist wohl kaum das, was ihre Mitglieder wollen.

Bevor sich die Experten (*räusper*) ans Kommentieren machen und etwas von Lastwagenfahrern brummeln, die auf dieser Verbindung transportiert werden (Beweis? Beleg?): das wären natürlich ebenfalls Geschäftsreisende, also aus kommerziellen Zwecken unterwegs und keine vom Herrn Bürgermeister und der LTM beschworene Incoming-Touristen. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, daß solche Verschickungsaktionen zeitunkritisch sind. Bleibt der Fahrer eben mal für drei Tage im Hotel, bis der nächste Flieger geht, und wo bleibt derweil der Lastwagen? Fährt der sich selbst nach Hause?

Zudem wird natürlich sehr interessant sein, was der Flughafen Hamburg als „Kooperationspartner“ der hiesigen Landewiese über derartige Kampfansagen denkt. Im ohnehin nichtssagenden Kooperationsvertrag der Flughäfen von anno dunnemals wurde die Fluglinienakquise ausdrücklich ausgeklammert, was der Öffentlichkeit natürlich nie gesagt wurde. Das beweist einmal mehr, daß es hier nicht um die lübsche Landewiese als dritte Start- und Landebahn von Fuhlsbüttel geht.

Spaßeshalber

Wie sieht’s vom anderen Ende her gesehen aus? Natürlich würden auch Geschäftsreisende aus Riga in Lübeck landen, und ihr erster Eindruck wäre, aus dem Flieger kopfschüttelnd übers Vorfeld an zwei Bierzelten vorbeizulaufen, in denen sie sich, schlimmer noch, beim Abflug einfinden müßten. Im Sommer dank tropischer Temperaturen in den Zelten ein ganz besonderer Spaß. (Wenn es dort je eine Klimaanlage gegeben haben sollte, hat sie vermutlich spätestens der berühmte Not-Geschäftsführer zwecks Energieeinsparung abschalten lassen.) Gibt es da eigentlich irgendwo noch einen Kiosk, an dem man wenigstens eine Flasche Wasser kaufen kann?

Ganz ehrlich: wenn ich Geschäftspartner aus Riga nach Lübeck einladen würde, würde das immer über Hamburg gehen, und ich würde alle Mehrkosten übernehmen. Eine Landung in Lübeck, ein Abflug von dort wäre einfach zu peinlich.

Und um nochmal überflüssige Kommentare zu vermeiden: nein, ich plädiere nicht für einen Ausbau der Lübecker Landewiese! Sie wird nie wirtschaftlich betrieben werden können, auch nicht von einem privaten Investor. Sie gehört in ihrer jetzigen Form abgewickelt. Der Flughafen der Region ist Hamburg-Fuhlsbüttel.

4 Antworten auf „Dieser IHK-Jubel könnte daneben gehen“

  1. In der Tat ist das eine bemerkenswerte Position, die die IHK Lübeck hierzu vertritt, und es erscheint zweifelhaft, ob diese Verlautbarung zuvor mit der HK Hamburg abgestimmt wurde, die noch eine erheblich größere Mitgliederzahl und damit potentielle Nutznießer der Riga-Verbindung von Baltic Air vertritt.
    Immerhin rühmt sich die IHK Lübeck einer besonders engen Kooperation mit der HK Hamburg, die sich nicht zuletzt in einer ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zum Flughafen Hamburg gemeinsam betriebenen Niederlassung widerspiegelt.

  2. Zuerst einmal bleibt festzustellen, dass sehr wohl Grüne und Linke sich zu dem Thema geäußert haben, aber die Auslassungen waren von einer Art, dass sie nicht einmal mehr die Lokalpresse drucken mochte. Die aussagefähigeren Vertreter dieser Parteien sind vielleicht gerade in Danzig im Urlaub, natürlich mit WizzAir geflogen, aber eher doch in der Toskana und von Hamburg aus geflogen.

    Wie sich das Verkehrsaufkommen aus dem Osten entwickeln wird, muss man sehen und ja Wizz geht in Konfrontation zu AirBaltic. Wobei die TurboProp Maschinen durchaus eine Erleichterung wären, denn sie sind doch deutlich leiser als die Billigdüsen in Blankensee typischerweise und die Klangfarbe ist auch angenehmer. Solche Maschinen lassen sich übrigens auch sehr gut kostendeckend einsetzen, was fast überall auf der Welt gilt. Warum das in Deutschland und der EU ein Problem ist und warum das weltweit meistgeflogene gewerbliche Flugzeug, die Cessna Caravan, bei uns nicht gewerblich eingesetzt werden darf, sprengt so einen Beitrag allerdings.

    Eines stösst mir an diesem Beitrag aber auf – der Unterschied zwischen Geschäftsreisender und Geschäftsflieger ist immer noch nicht im Bewusstsein angekommen.

    Der Geschäftsreisende (oft ein Berater mit Rollenkoffer der mit mehr oder weniger Talent versucht kaufmännisches und anderes Wissen an Orte zu tragen an denen das verloren ging – der fliegt übrigens NACH Lübeck um das Vakuum durch den Verlust hanseatischer Kaufmannsdenke auszunutzen) sitzt in einer Linienmaschine, ist Angestellter auf dem Schleudersitz und füllt die Kassen verschiedener Unternehmen mit Geld. Sein Geschäft ist übelst konjunkturabhängig und zur Zeit in Deutschland wegen niedrigen Honoraren und Sparwahn fast tot.
    Der Geschäftsflieger ist meist Unternehmenseigentümer oder in einem Spezialteam auf Geschäftsführungs- oder Vorstandsebene, hat die Notwendigkeit meist unregelmässig irgendwohin schnell kommen zu müssen und ärgert sich über die nie passenden Linienverbindungen. Ob das nun Sonntag ist oder nicht, kümmert diese Leute überhaupt nicht, denn Wochenende und Freizeit ist eine christliche Errungenschaft für abhängig Beschäftigte. Der Geschäftsflieger chartert daher entweder eine kleine Maschine oder hat sich bereits selbst eine solche angeschafft und fliegt wann und wohin er will.

    Von Geschäftsreisenden hat der Flughafen Lübeck sehr, sehr wenige, aber Geschäftsflieger werden durchaus regelmässig gesichtet und der eine oder andere hat das Flugzeug sogar dort stationiert.

  3. Genau so funktioniert Luftverkehr und so wie von Ihnen beschrieben wird es wohl eintreten.
    Die Privatreisenden werden per „Buchungssteuerung“ (also über den Preis) gleichmäßig auf alle Flüge verteilt und ermöglichen so einen relativ engen Flugplan, wie die Wirtschaft ihn braucht. Werden sie weggelockt, fehlt eine der beiden Säulen, auf denen der „wirtschaftsfreundliche Flugplan“ ruht.
    Aber um das zu erkennen, muss man natürlich seinen Jubelreflex einen Augenblick lang unterdrücken und kurz nachdenken.

    Ein Wort zu den Turboprops. Ja, die sind bei den Passagieren unbeliebt (Propeller = alt). Dabei ist der Einsatz auf Flügen wie dem hier diskutierten durchaus vernünftig, denn der spezifische Kraftstoffverbrauch ist etwa 30 % niedriger als bei einem Düsentriebwerk. Und da ein Propellerflugzeug genau so schnell rollt wie ein Düsenflieger und unter Flugfläche 100 (ca. 3.000 m) auch auf 250 Knoten angezeigte Geschwindigkeit (das Tempo 50 der Fliegerei) beschränkt ist, hält sich der Zeitgewinn bei Jets auf Kurzstrecke in Grenzen. Der Preis für den Gewinn ist hoch, aber das Publikum will es so.
    MfG, CC

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