Das neue Lärmproblem

Ein neues Problem zeichnet sich in Sachen Lärm an der Landewiese ab: Schulflüge. Deren Zahl ist in der letzten Jahren geradezu explodiert. Zwar machen die verwendeten Flugzeuge weniger Krach als die von Ryan- oder Wizz Air, doch bestehen diese Schulflüge oft genug aus Platzrunden – in der Regel so etwa zehn pro Stunde. Das heißt, alle sechs Minuten brummt der selbe Flieger vorbei, in Sicht- und Hörweite von bewohnten Gebieten. Hatten die Befürworter eines Großflughafens Lübeck also doch recht, als sie warnten, mit einem Rückgang der Linienflüge drohe ein „Hummelnest“ der Sportflieger?

Zunächst sieht es bei einem Blick auf die nackten Zahlen so aus. (Alle Daten stammen aus den Statistischen Jahrbüchern der Hansestadt Lübeck. Leider liegen Zahlen für 2013 nicht vor. Zwar ist, oh Wunder, das Jahrbuch 2013 bereits erschienen; Schulflüge werden aber nicht mehr gesondert ausgewiesen. Es ist jedoch anzunehmen, daß sich die Situation nicht wesentlich geändert hat.)

Der Einfachheit halber: wenn in diesem Beitrag von „Flügen“ die Rede ist, sind Flugbewegungen (Starts und Landungen) gemeint.

flugbewegungen
Orange: Linien- und Charterflüge / Blau: Schulungsflüge

Als Tabelle:

Jahr

Linie und Charter

Schulflüge

1996

15

881

1997

79

1.117

1998

452

1.688

1999

400

1.406

2000

1.352

2.008

2001

1.768

2.124

2002

1.784

1.830

2003

3.896

1.350

2004

3.988

4.070

2005

4.942

2.014

2006

4.780

2.416

2007

4.579

2.455

2008

4.065

3.419

2009

5.139

2.587

2010

3.967

5.527

2011

2.351

8.828

2012

2.459

9.964

Nicht enthalten in diesen Zahlen sind sonstiger gewerblicher Verkehr sowie nicht gewerblicher Verkehr – also die eigentlichen Sportflieger, deren Flugbewegungen nach einen Zwischenhoch um die Jahrtausendwende rückläufig sind und jetzt kaum höher liegen als im Jahr 1997. Die wurden in der Vergangenheit von Großflughafen-Fans mit den gewerblichen Schulflügen (wider besseren Wissens?) vermischt.

Dümmer als die Stellungnahme von Doris Böhmke (Ex-Geschäftsführerin des Flughafens) konnte es kaum werden:

[W]enn Blankensee zu einem Verkehrslandeplatz zurückgestuft wird, wird es lauter – durch die Sportflieger, die jeden Sonntag über den Gärten kreisen… Sportflieger kreisen kontinuierlich auf der Stelle.

Lübecker Nachrichten, 25. Oktober 2009

Aha! Fragen Sie mal die Sportflieger, ob denen das Spaß machen würde, „kontinuierlich auf der Stelle“ zu kreisen. Wäre kein allzu tolles Hobby, oder? Bleiben wir also bei den Schulflügen.

Vermeintliche Zusammenhänge

Wenn Sie nach einem ersten Blick auf die Grafik der „Hummelnest“-Theorie zuneigen, kann ich Ihnen das kaum übelnehmen. Die rechte Hälfte springt zweifellos ins Auge: da scheint es von 2005 bis 2010 eine spiegelbildliche Entwicklung gegeben zu haben, die ab 2011 regelrecht explodierte. Das läßt sich mit einer simplen spiegelbildlichen Entwicklung nicht mehr erklären.

Das menschliche Gehirn ist darauf trainiert, derartige Muster zu erkennen, auch wenn sie einer näheren Untersuchung nicht standhalten. Vor allem der zeitliche Verlauf scheint diesen Zusammenhang nahezulegen.

Aber wie lautete doch gleich die These, etwas anders ausgedrückt? Je mehr Linienflüge, desto weniger Schulflüge. Oder: Je weniger Linienflüge, desto mehr Schulflüge. Das sollte nicht vom Jahr abhängen, sondern nur von der Anzahl der Linienflüge, oder?

Also schmeißen wir die Zahlen alle in einen Topf bzw. ein Diagramm, das die (behauptete) Abhängigkeit der Anzahl der Schulflüge auf der y-Achse von der Anzahl der Linien- und Charterflüge auf der x-Achse darstellt.

schulfluege

Da ergibt sich optisch kein Zusammenhang mehr, und statistisch auch nicht. Zwar kann man eine Trendlinie (rot gepunktet) errechnen, die sagt aber aus, daß mit der Zahl der Linienflüge auch die der Schulflüge steigt – entgegen den Beschwörungen der Flughafen-Fanpersons. Sonderlich brauchbar ist die Trendlinie jedoch nicht, denn eine Regressionsanalyse zeigt, daß die Schwankung der Anzahl der Schulflüge fast gar nicht mit der der Linienflüge erklärt werden kann. (Mehr zur Regressionsanalyse hier.)

Man kann natürlich die beiden Ausreißer (2011 und 2012; rotes Viereck) ausschließen, aber das macht die Sache auch nicht besser. Nehmen Sie die Jahre 2003, 2004, 2008 und 2010, in denen es jeweils um die 4.000 Linienflüge gab (grünes Viereck). Die Zahl der Schulflüge lag in diesen Jahren jedoch zwischen 1,350 und 5,527. Da läßt sich beim besten Willen kein Zusammenhang herstellen.

Was steckt hinter der Explosion der Schulungsflüge? An den ortsansässigen Flugschulen kann es kaum liegen. Deren Kapazitäten sind begrenzt. Auch das hier ist keine Erklärung:

Mit der seit Mitte November durch das Luftfahrtbundesamt (LBA) erteilten Ausbildungsgenehmigung zum Erwerb der Instrumentenflugberechtigung IR(A) erweitert die FTO Nord Luftfahrtdienstleistungen GmbH ihr Angebot in der Schulung von professionellen Piloten ab dem 1. Januar 2013.

HL-Live, 17. Dezember 2012

Die verfügbaren Zahlen gehen aber nur bis Ende 2012.

Hauptverdächtige dürften die Lufthansa bzw. ihre Subunternehmen sein, die offiziell Sichtflugausbildung in den USA und Instrumentenflugausbildung in Rostock-Laage durchführen, deren Schulungsflugzeuge aber immer öfter in Lübeck gesehen und gehört werden. (Keine Sportpiloten also.) Laage leidet allerdings nicht gerade an Kapazitätsengpässen.

Und ja, auch deren Cessna 525 Citation Jets drehen hier Platzrunden und üben keineswegs nur abgebrochene Landungen im Instrumentenanflug, was etwas weniger nervig ist.

Beweist das aber nicht, daß die angebliche Strategie des neuen Investors, chinesische Piloten in Lübeck ausbilden zu wollen, Sinn macht? Ganz und gar nicht. Mit der Vervierfachung der Schulungsflüge von 2009 auf 2012 müßte der Flughafen längst schwarze Zahlen schreiben, oder wenigstens seine Verluste reduziert haben, wenn das Geschäft denn wirklich so lukrativ ist. Jubelmeldungen in dieser Hinsicht sind jedoch ausgeblieben. Man kann davon ausgehen, daß auch dieses Geschäft nicht kostendeckend ist.

Bleibt der Lärm. Das haben die Sportflieger dankenswerterweise erkannt und in der Lärmschutzkommission (schon vorher) Vorschläge zur Reduzierung eingebracht.

Der Vertreter des Lübecker Vereins für Luftfahrt e.V. stellt einen Vorschlag vor, den er gemeinsam mit drei anderen Kommissionsmitgliedern erarbeitet hat. Dieser Vorschlag sieht vor, in der Karte auf der Ostseite der Start-/Landebahn einen Pfeil für An- und Abflug einzutragen. Vergleichbare Pfeile für die Flugrichtung gebe es auch für andere Flughäfen, für die eine Kontrollzone eingerichtet sei. Hierdurch könnte bewirkt werden, dass an- und abfliegende Flugzeuge den zentralen Ortsbereich der Gemeinde [Groß Grönau] östlich umfliegen und beim Landeanflug erst auf Höhe der Landebahn nach Westen einschwenken.

Öffentliches Protokoll der 5. Sitzung der Kommission zum Schutz gegen Fluglärm und gegen Luftverunreinigungen durch Luftfahrzeuge – Verkehrsflughafen Lübeck – am 27. März 2014

Loriot forever

Im übrigen ist auch dieses neueste Protokoll ähnlich erbarmungswürdig wie das letzte – jeder Karnevalsverein erstellt bessere Protokolle seiner Sitzungen.

http://www.youtube.com/watch?v=vqE_O00F6ME

Und was kam bei der Fluglärmkommission heraus?

Der Vertreter der FTO Nord Luftfahrtdienstleistungen GmbH schlägt vor, stattdessen nur eine Notiz in die Karte aufzunehmen.

Der Vertreter der Luftfahrtbehörde erklärt, dass Pfeile in der Karte von Piloten eher wahrgenommen werden als Text. Gegebenenfalls sollten Pfeile und ergänzend ein Text in die Karte aufgenommen werden.

Die Kommission bittet die Luftfahrtbehörde, mit der Deutschen Flugsicherung abzustimmen, ob der Vorschlag, ggfs. zusätzlich mit dem zusätzlichen Textfeld, umgesetzt werden kann.

Hurra, Loriot lebt!