Donnerknispel!

Was, um Himmel Willen, macht die Lübecker Landewiese so attraktiv, daß sich bisher erfolglose Investoren aus dem Ausland die Klinke in die Hand geben – erst aus Neuseeland, dann aus Saudi-Arabien, und jetzt Chen Yongqiang aus China, Inhaber der Firma PuRen? Im aktuellen Privatisierungsversuch ist das Rätselraten wohl größer als je zuvor. Der jüngst seiner Alleinvertretungsberechtigung enthobene Flughafen-Geschäftsführer Markus Matthießen erzählt einiges, so jüngst in einem shz-Bericht. Wirklich nachvollziehen läßt sich das aber nicht.

Da ist zunächst das Übliche, seit Jahren im Standardrepertoire eines jeden Flughafen-Geschäftsführers: man sei „auf Messen“ vertreten, „im Gespräch…“. Donnerknispel! Hat‘s ja noch nie gegeben. Ach doch. Und hat ja auch so gut geklappt! (Ich hole mir erst mal einen Espresso, bevor ich noch einschlafe.)

Ex-Geschäftsführer Peter Steppe, plötzlich wieder aufgetaucht als Leiter „Airport Operations“, behauptete schon 2005,

Ständig habe seine Crew mit allen europäischen Fluggesellschaften Gespräche geführt, um Blankensee weitere Standbeine neben dem irischen Hauptkunden Ryanair zu schaffen.

Lübecker Nachrichten, 29. November 2005

Bla bla.

Daß hinter der Übernahme des maroden Pleiteflughafens zunächst kein offensichtliches betriebswirtschaftliches Kalkül steckt, ist klar:

93 Mitarbeiter sind in Blankensee beschäftigt – und sollen es auch bleiben. Womit die beschäftigt sind? „Der Airport unterliegt der Betriebspflicht“, sagt Matthießen und zählt Feuerwehr, Gepäck, Service und Wartung auf. „Wer kommt, muss abgefertigt werden.“ …

Zudem sehen sich die Lübecker in Bereitschaft, wenn Nachbarairports wegen schlechten Wetters nicht angeflogen werden können. Wann ist das zuletzt vorgekommen? „Seit ich hier bin, drei Mal“, sagt Matthießen …

shz online, 23. November 2014

Fürwahr ein tolles Geschäftsmodell. Aber dabei soll es nicht bleiben.

Grundsätzlich wolle sich PuRen neben dem klassischen Aviation-Business mit Linien- und Charterverkehr sowie Pilotenausbildung, Cargo und technischem Service weitere Geschäftsfelder aufbauen und sich breiter aufstellen als ein reiner Airport-Betreiber.

Uii, da wird der nächste Espresso fällig. Diese Müdigkeit! Das mit der Ausbildung chinesischer Piloten habe ich bereits hier seziert. Wieso die nicht in China oder einem beliebten Land für Pilotenausbildung, den USA, stattfinden kann, sondern ausgerechnet hier, hat mir noch niemand erklären können.

All das wurde vermutlich aufgefahren, um Politikern die Zustimmung zur erneuten Flughafenverschenkung zu erleichtern und hat vermutlich nichts mit wirklichen Plänen zu tun (falls es sie denn überhaupt gibt). Dazu gehört vor allem die betriebswirtschaftlich unsinnige Übernahme sämtlicher Mitarbeiter, wenngleich nur für ein Jahr. Mal sehen, was im nächsten August passiert, wenn die Zusage ausläuft. Mit dem Versprechen hat man wohl insbesondere die angebliche „Arbeiterpartei“ SPD ködern wollen. Aber die ist Stoff für einen separaten Beitrag.

Richtig toll wird es hier:

Von den 3,7 Millionen Chinesen die schon bisher Europa bereisen, soll Lübeck seinen Teil abbekommen: Er führe Gespräche mit den entsprechenden Tourismus-Partnern über Angebote für ein, zwei Tage in der Region, sagt Matthießen.

Wie bitte? Die fliegen aus China nach Lübeck, bleiben ein oder zwei Tage und fliegen dann zurück? Es dürfte wohl eher um Städtereisen gehen unter dem Motto „Acht Länder in zehn Tagen“ (dieser Artikel sei stellvertretend für viele ähnliche in den letzten Jahren zitiert):

Für chinesische Touristen und Geschäftsleute ist es üblich, an einem Tag in Deutschland gleich vier Städte zu besuchen“, sagt Cui Xiaoyue. „Morgens in Frankfurt den Römer, am späten Vormittag in Koblenz das Deutsche Eck, danach in Bonn das Beethoven-Haus und nachmittags in Köln den Dom. Jeweils eine halbe Stunde, um Fotos zu machen. Wichtig ist für Chinesen, dass sie mit drauf sind. Mehr brauchen sie nicht.“ …

„Die typische Tour ist: acht europäische Länder in zehn Tagen“, so Cui. …

„Chinesen kommen nicht in erster Linie nach Deutschland, sondern nach Europa,“ sagt Sylvia Lott, Autorin des Ratgebers der deutschen Handelskammern „Was sie schon immer über chinesische Touristen wissen wollten“. „In Deutschland sind Chinesen im Schnitt nur zwei Tage. Sie wollen sehen, wovon sie schon gehört haben.“ … Am wichtigsten sei jedoch das Einkaufen. Markenprodukte kosteten in Deutschland bis 30 Prozent weniger als in China.“ Chinesen arbeiten Einkaufslisten ab. Ihre zwei Tage Deutschland sind richtig stressig.“

taz, 23. Juli 2008

Und von Stadt zu Stadt gelangt man übrigens per Bus. Gut, warum sollte sich Lübeck da nicht irgendwie einklinken, wenn‘s auch nur ums Einkaufen geht, die Kultur wie das Marmeladenmuseum in Bad Schwartau nicht zieht und das Holstentor in China relativ unbekannt ist. Mag ja alles angehen. Aber wozu braucht man dazu einen Flughafen vor Ort? Völlig rätselhaft.

Beispiel 1, jede Menge Sightseeing-Touristen: Heidelberg. Eigener Flughafen? Fehlanzeige, Ankunft der Touristen, wenn nicht sowieso auf Rundreise, üblicherweise am Flughafen Frankfurt/Main (nicht Hahn).

Beispiel 2, jede Menge Shopping-Touristen: Metzingen. Nie gehört?

In Metzingen, Heimat der Modemarke Hugo Boss, haben 60 internationale Bekleidungsfirmen Factory-Outlets. Für asiatische Touristen ist dort das Mekka des Shoppings in Deutschland.

Eigener Flughafen? Fehlanzeige, Ankunft der Touristen, wenn nicht sowieso auf Rundreise, üblicherweise am Flughafen Stuttgart.

In beiden Fällen gibt es übrigens ein Riesengeschäft für Transportunternehmen, nur eben nicht in der Luft, sondern auf der Straße – für Buslinien und Taxis vom jeweiligen Flughafen zum Touristenziel.

Wenn sich man in der Hanselstadt™ ernsthaft ein Scheibchen vom China-Tourismus abschneiden wollte, bräuchte man keine eigene Landewiese, sondern

  1. Einkaufsmöglichkeiten, die es andernorts nicht gibt – und ich fürchte, Niederegger reicht da nicht;
  2. weltbekannte Sehenswürdigkeiten, und ich fürchte, das Holstentor reicht da nicht;
  3. eine womöglich kostenlose Buslinie vom Hamburger Flughafen in die Lübecker Innenstadt statt eines Flughafens in Blankensee.

Es wäre trotzdem relativ idiotisch, denn Hamburg wird immer die besseren Einkaufsmöglichkeiten für Luxus-Einkaufs-Touristen bieten. Warum dann nicht gleich in Hamburg landen… und einkaufen?