Neue Wizz-Air-Verbindung dank Subventionswahnsinn?

Noch ist es nicht offiziell, aber in diesem Jahr (frohes neues übrigens!) könnte Lübeck eine weitere Flugverbindung von Wizz Air bekommen, über die bereits bekannte geplante nach Riga hinaus. Vermutlich werden sich Landewiesen-Leiter, Bürgermeister und Fanpeople mal wieder überschlagen und das übliche von sich geben: „tolles Signal“, „Treuebeweis“, und was für ein Super-Flugziel Lübeck doch sei. Ein wenig gedämpft wird die Freude dann, wenn man hört, daß die Verbindung nach Skopje geht. Hä? Nichts gegen die Stadt, aber wer weiß denn schon auf Anhieb, in welchem Land die überhaupt liegt? Ich mußte nachsehen: es ist die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien. Und wenn man dann erfährt, was hinter der ganzen Nummer steckt, verbietet sich Jubel erst recht. Im Gegenteil, es wird eher peinlich.

Es mag erstaunlich klingen, daß es immer noch (um es ganz nett zu sagen) naive Politiker gibt, die glauben, sie müßten nur einem Billigflieger Geld in den Rachen schmeißen, um ihr Land oder ihre Stadt auf die Landkarte zu bringen. Die Erfahrungen, die man in halb Europa in den letzten 15 Jahren vor allem mit Ryanair gemacht hat, sollten vom Gegenteil überzeugt haben – die einzigen, die daran Geld verdient haben, waren die Aktionäre von Ryanair. Immerhin hat auch die Leitung der Firma selbst vor etwa zwei Jahren festgestellt, daß das bisherige Geschäftsmodell ausgelutscht ist und zumindest für weiteres Wachstum nichts taugt.

Aber die schlechten Erfahrungen machte man eben in halb Europa; die andere Hälfte besteht offenbar darauf, diese Erfahrungen wie ein Kind, das an die heiße Herdplatte partout nicht glaubt, lieber selbst zu machen. Also beschloß die Regierung Mazedoniens im Jahr 2012, mal richtig Kohle anzufassen und Wizz Air fürs Fliegen zu bezahlen.

Einmalig jeweils 40 000 Euro für Verbindungen nach Basel, „Mailand“-Bergamo, Dortmund, Eindhoven, Malmö und „München West“-Memmingen; jeweils 30.000 Euro für „Paris“-Beauvais, „Brüssel“-Charleroi, Köln/Bonn, „Göteborg“-Landvetter, „Frankfurt“-Hahn und „Stockholm“-Skavsta. Das ist vielleicht noch nicht so prickelnd, die durchschnittlich gezahlten acht Euro pro abfliegendem Passagier über einen Zeitraum von drei Jahren schon eher. Insgesamt umfaßte das Paket nach Regierungsangaben 5 Mio. Euro.

Und nochmal…

Weil‘s so schön und so erfolgreich (?) war, spielte man das ganze Spielchen Ende 2014 noch einmal. Wie schon das erste Mal als öffentliche Ausschreibung, versteht sich. Fünf Firmen waren qualifiziert, Gebote abzugeben: neben Wizz Air auch Ryanair, easyJet, Norwegian Air Shuttle und Pegasus Airlines. Das ganze ging dann relativ zügig über die Bühne, denn außer Wizz Air hatte keine Gesellschaft ein Gebot abgegeben. Allein das hat schon ein Geschmäckle.

Unter Bezugnahme auf lokale Medien berichtet der Blog EX-YU Aviation (danke an Jens für den Hinweis), daß der Gewinner Wizz Air Verbindungen nach Oslo-Torp, Barcelona, Nürnberg und „Hamburg“-Lübeck plant sowie zu einem weiteren, noch zu benennenden deutschen Flughafen.

Das alleine zeigt schon, daß die Geschichte nicht viel mit Lübeck zu tun hat; tatsächlich waren die Flugziele völlig unerheblich. Gewinner der Ausschreibung sollte ganz einfach der sein, der die meisten Verbindungen anbot – egal wohin. Und wieder kann sich Wizz Air über 5 Mio. Euro Staatsknete freuen: generell 40 000 Euro pro Verbindung plus im Durchschnitt 12 Euro pro abfliegendem Passagier über einen Zeitraum von drei Jahren. Losgehen soll es im Juni.

Was diese ebenso großzügig wie blindwütig aus der Gießkanne geschütteten Subventionen eigentlich bewirken sollen, ist unklar – mehr als das übliche Blabla ist nicht zu hören. Eine interessante Analyse findet sich in dem Artikel Airline Subsidies in Macedonia: Panacea or Pyrrhic Victory?

Einige Punkte daraus: der Entwicklung der mazedonischen Flughäfen (und des Luftverkehrs) kann das alles kaum dienen. Das, einschließlich der Gewährung von Subventionen, sollte nämlich Aufgabe der türkischen Holdinggesellschaft sein, die man mit dem Betrieb der Flughäfen des Landes auf 20 Jahre beauftragt hat.

Zudem entsprechen die gewährten staatlichen Subventionen nicht den aktuellen EU-Richtlinien. (Mazedonien ist zwar noch kein EU-Mitglied, hat wie andere Balkan-Länder aber ein „Common Aviation Area Agreement“ mit der EU unterzeichnet.) Es gibt auch schon die erste Beschwerde, und zwar aus dem Kosovo, dessen Hauptstadt Priština lediglich 75 km von Skopje entfernt ist. Der Flughafen Priština hat seit dem subventionierten Auftauchen von Wizz Air in Skopje mit erheblichen Einbußen bei den Passagierzahlen zu kämpfen.

Möglich, daß die Beschwerde Erfolg hat, denn eigentlich hätte eine Fluggesellschaft für die subventionierten Flugverbindungen

  • einen Geschäftsplan vorzulegen, aus dem hervorgeht, daß sie sich nach Auslaufen der Subventionen wirtschaftlich betreiben lassen;
  • oder eine Verpflichtung zu unterschreiben, die Verbindungen nach Auslaufen der Subventionen (hier also nach drei Jahren) über den gleichen Zeitraum weiterzubetreiben, nötigenfalls auf eigene Kosten.

Beides ist hier angeblich nicht der Fall. Und was die üblichen unbewiesenen Behauptungen über Arbeitsplätze und so weiter angeht, findet der oben erwähnte Artikel klare Worte:

… there’s still no official analysis to determine, identify and measure the eventual benefits from the airline subsidies (besides for the airlines themselves) for the economy of Macedonia so far.

Es liegt also keine offizielle Analyse über positive wirtschaftliche Effekte der Subventionierung auf die mazedonische Wirtschaft vor. Lediglich die wirtschaftlichen Vorteile für die Fluggesellschaft selbst liegen auf der Hand.

Und dann noch ein Satz, den man in Gold einrahmen und jedem Landewiesen-Bürgermeister in ständiger Sicht an die Bürowand hängen sollte („Skopje“ jeweils durch den Namen der Stadt ersetzt):

Besides, no matter how impressive it might seem, the number of passengers at Skopje airport and its continuous growth is just an individual parameter which does not represent an indicator outside a proper econometric context.

Egal, wie beeindruckend die Passagierzahlen und ihr Wachstum an einem Flughafen aussehen: sie sind lediglich ein einzelner Parameter, der außerhalb eines angemessenen ökonometrischen Zusammenhangs keine Bedeutung an sich hat.

Nicht mal am Flughafen selbst, möchte ich hinzufügen. Mehr Passagiere = mehr Einnahmen für den Flughafen? So simpel gesagt ist das Quatsch, und Lübeck ist nicht der einzige Gegenbeweis für diese These. Trotzdem verkauft man der staunenden Öffentlichkeit steigende Passagierzahlen grundsätzlich als Riesenerfolg, selbst bei explodierenden Verlusten des Flughafenbetreibers.

HeadinHands_id_4199675334_CC_NC_BY_AlexE.Proimos_34120957@N04Symbolfoto 😉 (Alex E. Proimos, Lizenz CC-NC-BY)

Wahnsinn

Vielleicht kommt das böse Erwachen in Skopje früher als gedacht. Der erste Vertrag mit Wizz Air läuft im Juni 2015 aus, und dann wird man sehen, was nach dem Wegfall der Subventionen passiert (wie gesagt, eine Garantie auf Weiterführung der Linien gibt es nicht). Spaßeshalber habe ich mal die für 2013 vorliegenden Daten für Verbindungen nach Deutschland aus der Statistik von Destatis herausgesucht. Und die Zahlen sind wirklich spaßig.

Auf der Linie Skopje-Memmingen gab es 202 Flugbewegungen bei 14 918 Passagieren; Skopje-Dortmund verzeichnete 216 Flugbewegungen und 16 182 Passagiere. Das macht pro Flug 74 bzw. 75 Passagiere – bei 180 Sitzen pro Airbus A320! So ähnlich war das bei Skavsta-Lübeck (Ryanair).

Hier wird der Wahnsinn schon auf der physikalisch-logistischen Ebene deutlich: da werden nicht mal zur Hälfte besetzte Flugzeuge quer über den Kontinent gejagt, großzügig mitfinanziert von einem Staat, der vermutlich nicht zu den reichsten gehört.

[Nachtrag 31. Januar 2015: Die Zahlen sind falsch – mein Fehler. Siehe hier.]
Genausogut könnte man Geldscheine auf dem Altar verbrennen in der Hoffnung, daß der nette Geruch die Götter besänftigt. Das ist krank. Nur noch krank.

Es geht wieder los

Jetzt warte ich bloß noch darauf, daß man auch in der bekanntlich chronisch überschuldeten Hanselstadt™ wieder auf den süßen Subventions-Geschmack kommt – spätestens dann, wenn die Deals diverser Flughäfen mit Wizz Air auslaufen. Daß sich die hiesige Landewiese in Privatbesitz befindet, muß kein Hindernis sein (siehe Skopje).

Es geht ja schon wieder munter los:

Mit rund 30.000 Euro im Jahr wird Lübeck fit gemacht, um ausländische Touristen besser zu empfangen. Dazu gehören mehrsprachige Speisekarten in den Restaurants, mehrsprachige Internetauftritte, zum Beispiel der Museen, und eine verbesserte Akzeptanz von Kreditkarten. [Das Geld geht dann ja wohl an die Restaurants, Geschäfte etc.-P.K.]

Mit jeweils rund 50.000 Euro im Jahr soll in Schweden, Dänemark und Niederlande für einen Besuch in Lübeck geworben werden. Für Norwegen, Schweiz, Italien, Finnland und Großbritannien sind jeweils 30.000 Euro eingeplant. In Frankreich und Österreich wird 20.000 Euro in Online-Kampagnen und Pressereisen investiert.

Insgesamt werden in den kommenden drei Jahren jeweils 550.000 Euro benötigt. Mindestens 50 Prozent sollen aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung stammen, 80.000 Euro pro Jahr geben Hotels, Kaufmannschaft, Lübeck Management und Unternehmen wie IKEA und die Sparkasse dazu. Die LTM wird intern 75.000 Euro pro Jahr umschichten.

HL-Live, 30. Dezember 2014 (Hervorhebung P.K.)

Bleiben ja wohl 120 000 Euro an der Stadt kleben, wobei man die 75 000 Euro der LTM getrost draufschlagen kann, befindet sich das Tourismus-U-Boot doch zu 90% in städtischem Besitz. Mal sehen, wann wer wieder anfängt, überflüssigen Luftverkehr zu subventionieren. Eigentlich nur noch eine Frage der Zeit.

2 Antworten auf „Neue Wizz-Air-Verbindung dank Subventionswahnsinn?“

  1. Skopje wird wahrscheinlich genau so ein „Burner“ wie
    Kattowitz. Ist da eigentlich jemals eine Maschine geflogen?
    Interessant finde ich auch die Oktober-Verbindungen nach Antalya.
    Wenn man dem Statistischen Bundesamt glauben darf, sind ab Lübeck in 5 Maschinen insgesamt 121 Personen geflogen.
    Auslastung also ca. 13% pro Flug. Wenigstens sind 430 Personen zurückgekommen was wohl einer Auslastung von 45% entspricht.
    Davon steht in unser hiesigen Lokalpresse natürlich nichts.

    1. Nein, die Linie nach Kattowitz wurde mangels Buchungen schon vor dem Start wieder eingestampft.

      Interessant finde ich, daß es in der Skopje-Geschichte bisher keine offizielle Ankündigung gibt – eigentlich war sie für Ende Dezember erwartet worden. Aber es fehlt ja noch eine deutsche Landewiese in der Liste. Da versucht man wohl, auch noch am anderen Ende Geld herauszuschlagen unter dem Motto „Wizz Air sucht den dümmsten deutschen Flughafen“. Mein Tip: Kassel-Calden. Vielleicht auch Erfurt/Weimar oder Zweibrücken (insolvent).

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