Glückwunsch, Landewiese: Gewerbliche Passagiere halbiert

Passagierzahlen sind für die Beurteilung der wirtschaftlichen Situation eines Flughafens ziemlich unerheblich, jedenfalls dann, wenn man sie isoliert betrachtet. Einen linearen Zusammenhang wie „doppelte Passagierzahl = doppelte Gewinne“ gibt es schon gar nicht, weder bei Flughäfen noch bei Fluggesellschaften. Daß Politiker, von denen viele generell keine Ahnung haben, trotzdem mit Passagierzahlen angeben, insbesondere wenn sie für das Strohfeuer den Steuerzahler haben blechen lassen, verwundert wenig. Doch auch so mancher Flughafen-Geschäftsführer prahlt, wenn‘s paßt, mit solchen Zahlen gerne wie mit der Länge seines, äh… Sportwagens. An der Landewiese droht diese Gefahr vorerst nicht: im Jahr 2014 schrumpfte die Zahl der abgefertigten gewerblichen Passagiere auf unter 170.000. Trotzdem ist die Bilanz aus Anwohnersicht nicht nur positiv, denn es wird nicht unbedingt leiser.

Hinweis: alle aktuellen Zahlen stammen vom Deutschen Statistischen Bundesamt, das in seiner monatlichen Luftfahrtstatistik (Fachserie 8, Reihe 6) lediglich gewerblichen Luftverkehr aufführt; es sind also keine Gesamtzahlen. Jedoch spielen nicht-kommerzielle Aktivitäten an der Landewiese seit Jahren keine bedeutende Rolle mehr – siehe weiter unten.

Man muß schon weit zurückgehen, nämlich ins Jahr 2000, um eine niedrigere Zahl zu finden; damals waren es 142.586 gewerbliche Passagiere. Die Zahl der gewerblichen Passagiere im Jahr 2014 lag bei 168.593, ein Rückgang um 52% gegenüber 2013, als noch 350.934 gewerbliche Fluggäste abgefertigt wurden.

Natürlich ist das, herzlichen Glückwunsch!, auch Negativrekord 2014 unter den bundesdeutschen „Hauptverkehrsflughäfen“ laut Statistischen Bundesamt. Ich sehe das eher positiv.

Gewerbliche Passagiere Lübeck, 1998 bis 2014
Gewerbliche Passagiere Lübeck, 1998 bis 2014

Wie die lübsche Landewiese überhaupt je in die Kategorie „Hauptverkehrsflughäfen“ rutschen konnte, ist mir völlig unklar. Aber immerhin ist Sylt-Westerland auch drin und droht sogar Lübeck-Blankensee als den größten Verkehrsflughafen des Landes abzulösen. Oh Schreck! 2014 verzeichnete man auf Sylt 150.390 Flugpassagiere!

Der Ryanair-Effekt

Andere Flughäfen mit zweistelligen Rückgängen sind übrigens Karlsruhe/Baden-Baden (-10,2%), Memmingen (-10,6%) und Weeze-Niederrhein (-27,0%) – allesamt hochgradig von Ryanair abhängig. Man darf sicherlich einen gewissen Zusammenhang vermuten.

In der Hanselstadt™ gab es mit der Insolvenz der Landewiese eine Sonderentwicklung, die Ryanair nutzte, um sich per 1. August 2014 bequem und legal aus einem bestehenden Vertrag zu verabschieden.

Allerdings hat das keinen großen Unterschied mehr gemacht. Selbst wenn Ryanair die im Sommer existierenden Verbindungen noch bis Ende Dezember 2014 weiter bedient hätte, wären kaum mehr als insgesamt 200.000 Passagiere zusammengekommen. Auch das hätte noch einen Rückgang von rund 42% gegenüber dem Vorjahr bedeutet.

Da meine Prognose für 2014 aus dem letzten Juli so schön paßte, traue ich mich mal an 2015 – natürlich nur auf Basis der bisher angekündigten Verbindungen:

Offiziell ist jedoch, dass Wizz Air ab dem 22. April 2015 zusätzlich zu den bisherigen Destinationen mittwochs und sonntags Flüge nach Riga anbieten wird. Ab Juli kommen außerdem zwei Mal wöchentlich Flüge nach Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, zum Angebot hinzu.

Die Welt, 24. Januar 2015

Das würde die Zahl der Wizz-Air-Starts von rund 330 im Jahr 2014 um etwa 125 erhöhen. Vorausgesetzt, diese neuen Verbindungen sind ähnlich ausgelastet wie die existierenden, komme ich auf etwas über 130.000 Passagiere insgesamt. Oder ganz generell gesagt: vorbehaltlich irgendwelcher Sensationen wird es 2015 noch weniger Passagiere geben als 2014.

Das war‘s also. Vergessen Sie das schöne Gerede von Einzugsgebieten, vom enormen Passagierpotential, und vom Flughafen Fuhlsbüttel, der angeblich längst hätte überlaufen müssen. Diese frommen Märchen verbreitet man schon seit den fünfziger Jahren. Alles dummdreistes Bla-Bla von angeblichen Experten, die ein Stückchen vom Phantasie-Kuchen abhaben wollten und gegen Entlohnung passende „Gutachten“ von der Stange anboten.

Was wir in den letzten rund 15 Jahren hier gesehen haben, war einzig und allein ein substanzloses Feuerwerk von Ryanair, das die Firma für ahnungslose Lokalpolitiker gezündet hat, die dafür allerdings Eintritt zahlen mußten. Nicht nur in Form notdürftig als „Marketingzuschüsse“ verbrämter Subventionen, sondern letztlich vor allem in Form einer Verlustübernahme der Landewiese. Während der Ära Ryanair fiel locker ein dreistelliger Millionenbetrag an, der jetzt irgendwo als Verlust im Haushalt der Hanselstadt™ Lübeck versteckt ist. Ohne Ryanair hätte es diese Verluste nie, jedenfalls nicht in dieser Höhe, gegeben.

Wizz Air übernimmt nahtlos und läßt sich die Verbindung Skopje-Lübeck vom mazedonischen Staat subventionieren.

Flugschul-Pest

Nochmal: Passagierzahlen sind nicht alles. Bedenklich ist, daß in Lübeck die Zahl der Bewegungen von Kleinflugzeugen wächst, von 2013 auf 2014 um 10,7% in der Klasse bis 2 Tonnen und um 5,7% in der Klasse 2 bis 5,7 Tonnen. In absoluten Zahlen: von den 7.130 Starts und Landungen in Lübeck entfielen 5.546 auf Flugzeuge unter 5,7 Tonnen; also über 15 Flugbewegungen am Tag.

Das sind übrigens keine nicht-kommerziellen Sportflieger. Die sind in der Statistik nämlich gar nicht enthalten. Man findet sie jedoch in den statistischen Jahrbüchern der Hansestadt Lübeck. Ende der neunziger Jahre lag die Zahl der nicht-kommerziellen Passagiere bei bis zu knapp 50.000 pro Jahr, schrumpfte inzwischen aber auf unter 10.000. Die Sportfliegerei ist zumindest in Lübeck auf dem Rückzug, aus verschiedenen Gründen vom Spritpreis bis hin zu politischer Absicht. Das glauben Sie mir nicht?

Vielleicht glauben Sie dem damaligen Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft, Peter Reinhardt, der sich augenblicklich gerne als Schutzpatron der Sportflieger aufspielt. 2004 erklärte er hingegen:

Die SPD-Bürgerschaftsfraktion … unterstützt entschieden und mit Beharrlichkeit den eingeschlagenen Kurs, weg von einem Landeplatz für Sportflugzeuge und Segelflieger hin zu einem Flugplatz für Linien- und Charterverkehr.

Lübecker Stadtzeitung, 29. Juni 2004

Leider geht so etwas im Getöse um die Passagierzahlen regelmäßig unter, wie auch die Tatsache, daß die Zahl „sonstiger“ gewerblicher Flugbewegungen in Lübeck (also ohne Linien- und Charterflüge) deutlich gestiegen ist, allerdings nicht kontinuierlich. Bis 2009 schwankte die Zahl meist um 5.000 Flugbewegungen. 2010 waren es über 7.000, in den folgenden drei Jahren jeweils um 11.000.

Es handelt sich bei den anwachsenden Flugbewegungen von Kleinflugzeugen um die Auswüchse der immer weiter um sich greifenden – und deutlich fast täglich zu hörenden – kommerziellen Flugschul-Pest von FTO Nord bis hin zu Lufthansa/Pilot Training Network, die sich leider inzwischen hier austobt.

Stellten etwa bis 2003 die kommerziellen Schulflüge etwa ein Drittel der sonstigen gewerblichen Flugbewegungen dar, waren es bis 2009 schon meist mehr als die Hälfte, und seit 2010 liegt die Quote zwischen 75% und 86%. In absoluten Zahlen haben sich die kommerziellen Schulflüge bis 2012 (neuere Daten habe ich nicht) gegenüber dem langjährigen Durchschnitt vervier- bis verfünffacht, von rund 2.000 bis 2.500 pro Jahr auf knapp 10.000.

3 Antworten auf „Glückwunsch, Landewiese: Gewerbliche Passagiere halbiert“

  1. Mal ganz am Rande, was benötigen denn eigentlich chinesische Flugschüler an Formalien, um überhaupt in Lübeck eine Ausbildung machen zu dürfen? Ein normales Touristenvisum wird ja sicher dafür nicht ausreichen und einer der Gründe gegen USA und für Lübeck ist, dass die USA mit Ausbildungs-Visa sehr restriktiv umgeht.

    Irgendwie erinnert mich die Lärmposse immer mehr an die Schliessung des Flugplatz Fürstenfeldbruck mit nachfolgender Einrichtung als BMW Teststrecke mit 10-facher Lärmbelastung …

    1. Tja, und wie genau kriegen Sie das Motodrom Blankensee rechtlich hin? Da die Landewiese de facto mitten im Naturschutzgebiet liegt, war doch die Argumentation immer, sie könne nur als Flughafen im Rahmen des Bestandsschutzes weiterbetrieben werden. Alles andere ginge gar nicht! Würde man es trotzdem versuchen, so die Verwaltung der Hanselstadt™, und wenn es nur ein Solarpark sei, dann würde die Fläche automatisch Naturschutzgebiet werden, das jede andere Nutzung ausschließt.

      Siehe das Gutachten von Lanham & Watkins vom 13. November 2012, das die Hanselstadt™ im Rahmen der Ersten Großen Flughafenverschenkung in Auftrag gab und das zu dem Schluß kam:

      Ca. 80% des Flughafengeländes steht unter Naturschutz und würde im Falle der dauerhaften Einstellung des Flugbetriebs am Flughafen Lübeck für eine gewerbliche oder wohnbauliche Nachnutzung ausscheiden. Für die Restflächen müsste ein Bebauungsplan erstellt werden, wobei unsicher ist, ob dieser planungsrechtlich genehmigungsfähig wäre wegen der möglichen Ausstrahlungseffekte auf das Naturschutzgebiet.

      Glauben Sie den Profis doch mal, oder wollen Sie die lübsche Verwaltung bzw. Lanham & Watkins etwa der Falschdarstellung des Sachverhalts bezichtigen?

  2. Wenn ich zwischen den Zeilen der Verlautbarungen der Puren richtig gelesen habe, ist ja wohl der kurzfristige Aufbau einer Flugschule für zahlungskräftige Chinesen geplant. Linienverkehr stört dann genauso wie Segelflug. Am 01.08.2015 endet auch die Übernahmegarantie der doch so wichtigen Arbeitsplätze, die man ohne Linienverkehr stark reduzieren kann.

    Bleibt ein für Anfänger-und auch Fortgeschrittenenschulung bestens geeigneter Verkehrslandeplatz mit ILS und großen Grundflächen zum Schnäppchenpreis.

    Muss nur noch irgendwie der Planstellungsbeschluss fallen,
    dann greift wieder die alte Genehmigung aus 1975. Na ja, und das bisschen Lärm der Platzrundenflieger ist dann halt ein Kollateralschaden.
    Herr Saxe und die doch so zahlreichen Lübecker Flughafenverschenker werden es verschmerzen.

Kommentare sind geschlossen.