Nichts Neues

Es gibt praktisch nichts Neues von der Landewiese zu vermelden. Die Vertreibung der Segelflieger schreitet plangemäß voran. Immerhin nimmt die (reichlich konstruiert klingende) Begründung der Landewiese Formen an. Die Verwaltung der Stadt sowie die meisten Parteien in der Bürgerschaft haben offensichtlich immer noch nicht kapiert, wie sehr sie sich mit ihren Flughafenverschenkungen blamiert haben und vermutlich erst recht noch blamieren werden. Denn hat der „Investor“ einmal eine eigentlich unmißverständliche Klausel in den Verträgen, wie rechtswirksam sie im Detail auch sein mag, erfolgreich umschifft, wird es in dem Stil munter weitergehen.

Bitte fallen Sie nicht auf hackevolle Huckebeine herein, die bei HL-Live nach teilweise jahrelanger Abwesenheit jetzt plötzlich wieder als Kommentatoren aufgeschlagen sind und laut krähen krächzen, der Flughafen sowie das Gelände sei nun mal verkauft (ich sage mal: verschenkt) worden und nun einmal futsch, quasi chinesisches Hoheitsgebiet.

Selbst auf einem gekauften Grundstück kann niemand tun und lassen, was er will; schon gar nicht, wie hier, auf einem gepachteten. Es gehört nach wie vor der Hanselstadt™ Lübeck, ebenso wie einige technische Flughafen-Einrichtungen, allen voran das Instrumentenlandesystem (ILS).

Aber selbst bei einem Komplettverkauf – der nicht stattgefunden hat – wäre die Landewiese eine öffentliche Infrastruktur, die nach wie vor im Auftrag der Stadt betrieben wird, und zwar von einer Privatfirma. Genau genommen war auch die städtische Flughafen Lübeck GmbH, die die Landewiese jahrelang betrieben hat, eine Privatfirma. De jure hat sich also nichts geändert.

Stellen Sie sich statt eines Flughafens einen privat betriebenen Autobahnabschnitt vor, oder einen (Herren-)Tunnel. Kann der Eigentümer einfach die Durchfahrt für rote Autos verbieten, weil er keine roten Autos mag oder sie gar für verkehrsgefährdend hält? Kann er die Durchfahrt für Fahrzeuge sperren, die von einer bestimmten Abbiegespur kommen, weil sie angeblich den anderen Verkehr aufhalten?

Daß es nicht ganz so einfach ist, haben offenbar auch die Strategen an der Landewiese eingesehen und fahren eine zweigleisige Strategie. Erst sollen die Gebäude der Segelflieger weg, und zwar ratzekahl. Man braucht die Fläche angeblich für eigene Zwecke – um 10 noch anzuschaffende Flugzeuge für eine Flugschule unterzustellen und die Maschinen zu warten.

Wenn die Flugschule aber im Herbst nicht wie angekündigt loslegt, wovon nicht nur ich ausgehe, welcher Hahn kräht dann noch nach den dann vermutlich bereits im Sommer abgerissenen Gebäuden der Segelflieger? … Eben.

Oh, natürlich dürfen die Segelflieger die Landewiese nach wie vor nutzen, wobei

zukünftig jeder Zugang zur Luftseite über die Zentrale Kontrollstelle nahe des Terminalgebäudes mit den erforderlichen Personen- und Fahrzeugkontrollen während der Betriebszeiten des Flughafens (08.00-22.00 Uhr) zu erfolgen hat.

Und diese Kontrollstelle ist natürlich weitestmöglich vom Segelfluggelände entfernt. Zudem sei die Einlaßkontrolle dem Landewiesenbetreiber auf Dauer wirtschaftlich nicht zumutbar. Schikane? Die Landewiese wäscht ihre Hände in Unschuld; das sei das Resultat eines erneuten Audits der Luftverkehrsbehörde, die ihre Meinung offenbar öfter mal wechselt – jeweils auf Anfrage des Flughafens? Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

Die ILS-Affäre

Endgültig zur Polit-Affäre wird die Sache aber durch den Versuch, den Segelflug mit Verweis auf eine Fehlplanung des neuen Instrumentenlandesystems unmöglich zu machen. Öffentlich wird die angebliche Sicherheit vorgeschoben, der Verwaltung gesteht man stattdessen betriebstechnische Gründe:

Weiterhin ist es nach Aussage von PuRen aus sicherheits- und betriebstechnischen [Gründen] heraus erforderlich, dass die gegenwärtige Gleitweg-Antenne für das Instrumentenlandesystem (ILS) der Kategorie II nördlich der Start- und Landebahn in den südlichen Bereich der Start– und Landebahn verlegt werden soll. Bei Verbleib der Antenne am jetzigen Standort wird der Betrieb schon jetzt auf dem Vorfeld eingeschränkt, in dem Bewegungen von Luftfahrzeugen in diesem Bereich nicht möglich sind.

Moment mal, Bewegungen von Luftfahrzeugen auf dem Vorfeld sind nicht möglich? Oder vielleicht nur in bestimmten Bereichen auf dem Vorfeld? Und nur, solange sich ein Flugzeug im Anflug unter Nutzung von ILS Cat. II befindet, was sowieso äußerst selten stattfinden dürfte?

ILSDas hat die Flughafenbetriebsgesellschaft im Planfeststellungsverfahren (PFV)

Alles kein Problem, laut Erläuterungsbericht Technische Planung Flughafenanlagen (Unterlage C-1.1.1, S. 36):

Die CAT II/III Senderschutzzone des Gleitwegsenders 07 überdeckt Teilbereiche der Rollbahn C, so dass durch die Installation von Haltebalken sichergestellt wird, dass keine Flugzeuge durch die Senderschutzzonen rollen, solange ein Flugzeug sich im Instrumentenanflug (CAT II/III) befindet.

Hervorhebung P.K.

Vom Vorfeld ist keine Rede, lediglich von Teilbereichen der Rollbahn C. Immerhin sollten mit dieser Lösung immerhin über drei Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden, eine Zahl, von der die Landewiese derzeit noch ein ganzes Stück entfernt ist. Oder, um eine aussagekräftigere Zahl aus dem PFV zu nennen: geplant waren 48 800 Flugbewegungen pro Jahr; rund sieben pro Stunde, alle achteinhalb Minuten eine – wenn es denn, wie versprochen, keinen Nachtflug zwischen 0 und 6 Uhr geben würde. Und jetzt, während sich die Landewiese de facto im Winterschlaf befindet (aus dem sie hoffentlich nie wieder aufwachen wird), geht nicht mal mehr ein Bruchteil dessen? Glaubwürdig klingt anders.

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Neuer Gleitwegsender im Osten im Aufbau (Aufnahme März 2012)

Von Engpässen auf dem Vorfeld zu schwadronieren ist angesichts der derzeitigen Auslastung nur lächerlich. Oder? Was ist mit den angeblichen zehn Maschinen der angeblichen neuen Flugschule, in denen ab Herbst angeblich chinesische Möchtegern-Piloten permanent in Platzrunden abheben sollen?

Selbst, wenn der ganze Käse ernst gemeint ist: genau diese Flugzeuge sollen eben nicht auf dem Vorfeld im Norden oder irgendwo daneben stationiert werden, sondern im Süden. Dort existiert das Problem mit dem derzeitigen ILS nicht. Bei einer Verlagerung der ILS-Sender in den Süden würde jedoch womöglich der Betrieb der Flugschule beeinträchtigt werden, da die Flugzeuge nunmehr dort durch eine Senderschutzzone rollen müßten. Ha, ha.

Ihr könnt uns mal

Eigentlich ist das alles egal. Auf das Signal kommt es an, und das ist eindeutig. PuRen ist gegenüber der Stadt auf Konfrontationskurs und sagt „LMAA“. (Man hat es angesichts des arroganten Auftritts des chinesischen Investors im Rathaus schon ahnen können.) Und wie sieht es jetzt aus?

Wie in der Sitzung des Hauptausschusses am 24.2.2015 beauftragt, hat die Verwaltung ein erneutes Informationsgespräch mit der PuRen geführt, um die offenen Fragen zu klären. Die PuRen wurde gebeten, sich hierzu schriftlich zu erklären, um diese Erklärung an den Hauptausschuss weiterreichen zu können. Das Schreiben liegt bislang noch nicht vor.

Und warum sollte PuRen überhaupt antworten? Die Hanselmännchen und -frauchen waren ja so blöde, den Betrieb ihrer Landewiese in kompletter Panik nicht nur ein-, sondern gleich zweimal zu verschenken – zu Bedingungen, die jedem vernünftigen Menschen die Haare zu Berge stehen lassen. Sanktionsmöglichkeiten gegenüber PuRen gibt es praktisch keine, es sei denn, der Pächter würde die (äußerst lächerlichen) Pachtzahlungen für das Flughafengelände oder den Flugbetrieb einstellen.

Ohne Fehler einzugestehen kommt man aus der Nummer nicht mehr raus und macht lieber gute Miene zum bösen Spiel und zum Vertrag mit PuRen, der das Papier nicht wert zu sein scheint, auf dem er gedruckt wurde.

Da wird es richtig spaßig. Abgesehen von der offenbar unwirksamen Klausel zur Wahrung der Interessen der Sportflieger, die wohl lediglich aufgenommen wurde, um einige schwankende Parteien zur Zustimmung in der Bürgerschaft zu bewegen, gibt es in den Verträgen noch etliche andere schwammige Appelle an den Flughafenbetreiber, die der nach Belieben ignorieren kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Ich nenne keine Beispiele, denn diese Themen kommen ganz schnell von selbst auf die Tagesordnung. Das dürfte kein Jahr dauern.

Offene Fragen

Nebenbei fragt sich, wer die angeblich nötige „Verschiebung“ der ILS-Gleitkurssender bezahlen soll. Treffender wäre übrigens folgende Bezeichnung: „komplette Neuinstallation der Sender im Süden inklusive Kabel-Neuverlegung und außerplanmäßigen Einmeßflügen“; ein oder zwei Milliönchen Euro dürfte das schon kosten, angesichts der bisher angefallenen über 10 Millionen Euro für das neue ILS, die übrigens die Stadt bzw. das Land bezahlt hat. Nein, falsch… Sie und ich haben das bezahlt! Und wer bezahlt den neuen Spaß?

Das ILS gehört, wie erwähnt, nach wie vor der Stadt und wird vom Flughafenbetreiber lediglich gepachtet, und zwar de facto zum Nulltarif. Leider hat man weder von der städtischen Verwaltung noch von irgendeinem Politiker auch nur ein Wort zu diesem Thema gehört. Kann der Flughafenbetreiber so einfach über technische Einrichtungen der Stadt verfügen und nach Belieben deren Verlegung veranlassen? Wo findet sich denn auch nur ein Bürgerschaftsabgeordneter, der sich mal solcher Fragen annimmt?

9 Replies to “Nichts Neues”

  1. Ich bin verwirrt (was aber angesichts der Gesamtlage wohl auch manchmal gewollt ist). Von welchem Vorfeld ist denn bei dieser ganzen Diskussion überhaupt die Rede, dem heute asphaltiertem Teil, oder dem noch im Graszustand befindlichen Teil? Bei dem aktuell für die Airliner in Betrieb befindlichen Teil habe ich auch große Fragezeichen, aber für den noch nicht asphaltierten Teil des Vorfelds ist die Argumentation doch in sich stimmig? Wenn die Flächen, nach endlich erfolgter Entwässerungsmaßnahmen, endlich befestigt werden, sind sie sehr nahe an den Sendern.

    1. Festzuhalten ist doch, daß laut Planfeststellungsantrag alles in Ordnung war – inklusive geplante Erweiterung des Vorfelds. Da war keine Rede davon, daß es in dem Fall Probleme mit dem ILS gäbe. Auch die mir vorliegenden Karten aus dem Antrag sehen dort keine Schutzzone vor. Darf ich Ihnen einige Erklärungen anbieten?

      • Man hat seinerzeit geschlampt, sowas kommt vor.
      • Man hat seinerzeit absichtlich geschlampt bzw. Probleme verschwiegen, die zu Mehrkosten beim Ausbau führen würden. Die gab es beim ILS ja ohnehin.
      • Man führt jetzt aus noch zu untersuchenden Gründen eine Schmierenkomödie auf. Beachten Sie die Wortwahl in Bezug auf das Vorfeld, daß es „schon jetzt“ zu Verzögerungen komme.
      • Wahrscheinlichste Variante: eine Mischung aus allen oben angeführten Szenarien, die mit Absicht angerührt wurde.

      Wenn Sie verwirrt sind, geht es Ihnen nicht alleine so. Sie sollten sich fragen, ob nicht genau das – Verwirrung also – von interessierter Seite so gewollt ist.

  2. Hallo Herr Klanowski,
    die Flugschulen werden im Herbst natürlich nicht eröffnet, denn bei der Ausschussitzung in Ratzeburg hat Herr Matthießen erklärt, dass die Ausbildung zunächst durch die ortsansässigen Flugschulen erfolgen soll. Ich nehme mal an, dass man zunächst mal abwarten will, wie groß die Schlange der chinesischen Anwärter ist. Einen ähnlichen Fall gibt es übrigens in Augsburg, mit der Fa. Heli Aviation, bei der Hubschrauberpiloten ausgebildet werden. Hier
    gab es im Jahre 2013 ebenfalls die Jubelmeldung, über einen riesigen Bedarf chinesischer Anwärter.
    Inzwischen hat diese Fa. eine Flugschule in China,
    weil der Spaß in Deutschland zu teuer war.
    In einem Jahr wissen wir mehr.
    Vielleicht hat man ja auch bis dahin das komplette
    ILS CAT II zurückgebaut, wozu sich der Flughafen ja
    verpflichtet hat, sollte es keinen PFB geben.
    Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Gericht diesen PFB noch durchwinkt.
    Herr Matthießen hat in Ratzeburg übrigens weiter erklärt, dass Ratzeburg und die Region vom Fluglärm
    nicht betroffen werde, da von den Flugschulen in erster Linie Platzrunden geflogen würden.
    Jetzt bin ich gespannt, was er den Grönauen bei der Sitzung des Ausschusses-Flughafen erzählen wird.
    wird.
    MfG
    Gerhard Haase

    1. Ach ja, Herr Matthießen. Ich beneide ihn nicht. Wie erklärt er dann die angebliche Anschaffung von zehn Schulungsflugzeugen, die ja so dringend auf dem Gelände der Segelflieger im Süden untergestellt werden müssen? Werden die den ortsansässigen Flugschulen geschenkt? Welche Rolle spielt die im Handelsregister eingetragene Flugschule, die dem „Investor“ Chen gehört? Warum antwortet PuRen nicht mal auf schriftliche Anfragen der Stadt?

      Hier wird künstlich (absichtlich?) Verwirrung geschaffen, und man kann nur hoffen, daß sich dieser ganze Schwachsinn – denn um nichts anderes handelt es sich – so schnell wie möglich in Luft auflöst. Selbst ein sofortiger Abflug des „Investors“ mit seinen halbgaren Plänen dürfte die Hanselstadt™ immer noch besser stellen, als wenn er noch lange Jahre bleibt und die Daumenschrauben ansetzt, auf Anfragen erst nach Ewigkeiten antwortet, Vertragsklauseln nach Gutdünken interpretiert bzw. ignoriert und zudem (das kommt garantiert) weitere Subventionen für unsinnige Maßnahmen fordert.

      1. Wenn die angekündigten Flugzeuge (10?) denn gekauft werden, dann ja wohl wahrscheinlich von der im Handelsregister eingetragenen Flugschulen, die die Flugzeuge dann an die Flugschulen für die Ausbildung übertragen/ausleihen könnte (mal schauen wie lange die Behörde braucht, um die Flugzeuge dann offiziell bei den Schulen einzutragen und die Schulungen starten können, da kann schon der Behördengang ein Weilchen dauern …). Das von Herrn Haase angeführte Augsburger Vergleichsbeispiel dürfte wohl auch an ausländerfeindlichen Erfahrungen gescheitert sein – aber ob die Lübecker da besser sind mit ihrer Historie sowieso alles abzulehnen?

        Ich möchte auch einen Wunsch äußern, im Zusammenhang mit dem immer wieder auftauchenden Seitenhieben gegen die angebliche Vertragskreativität der chinesischen Partner: eine Glosse über typisches Verhalten und das Selbstverständnis zu Verträgen wie sie in China üblich sind, würden manch einem helfen andere Welten zu verstehen. Ich sehe die Probleme eher deutlich bei denjenigen am Platz, die die Schnittstelle zu Herrn Chen & Co darstellen und weniger bei den Chinesen selber.

        1. Selbst 10 gebrauchte Schulflugzeuge werden sehr viel Geld kosten. So etwas schaft sich PuRen nur an, wenn die zahlungskräftige Kundschaft aus China schon quasi gebucht hat. Vom Vertrieb der Ausbildung redet keiner. Ob dafür in China schon die Werbetrommel gerührt wurde ist mehr als Fraglich.

          1. Wo kommt eigentlich immer dieser Irrglaube vom ach so teueren Fliegen her? Wenn da 10 typische Schulflugzeuge angeschafft werden, dann wird das in Summe vielleicht 2 Millionen Euro kosten – für neue Flugzeuge. Vor dem Hintergrund des gesamten Kosten dürfte das fast schon nichts mehr ausmachen.

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