Vom Kopf auf die Füße

Jahrelang gab es in der Hanselstadt™ Lübeck hehre Prophezeiungen des (dank Millionen von Passagieren) vom Himmel auf die Landewiese regnenden Geldes. Es blieb trocken, und die Stadt bewässerte künstlich. Irgendwo in der Wüste würden wundersamerweise doch noch ein paar Blümchen sprießen, die das ganze Theater rechtfertigen würden? Man wurde bescheiden, extrem bescheiden. Praktisch jeder einzelne Flug wurde (und wird) als Erfolg bejubelt. Ein bißchen WizzAir nach Skopje hier, ein bißchen Erlebnisreisen da, Medizintouristen oder Flugschüler, nichts wird ausgelassen. Das ganze hektische Getue braucht man eigentlich nicht weiter zu diskutieren, denn es verdeckt den Blick aufs Wesentliche: kein deutscher Regionalflughafen verdient Geld (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Diskussion gehört vom Kopf auf die Füße gestellt.

Im September 2014 stellte die Webseite Zukunft Mobilität eine Übersicht der Wirtschaftsdaten aller deutschen Regionalflughäfen zusammen, die (a) ganz oder teilweise in öffentlichem Besitz waren und die (b) Linienverkehr anboten. (Zu den anderen später mehr). Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2012 – leider sind deutsche Firmen extrem langsam im Veröffentlichen ihrer Jahresabschlüsse im elektronischen Handelsregister. Vermutlich kriegt man auch derzeit, also im März 2015, keine komplette Übersicht über das Jahr 2013. Es gibt aber keinen Grund, für 2013 oder 2014 eine wesentliche Änderung zu erwarten, zumal sich der Hauptkunde vieler Provinzflughäfen, Ryanair, von etlichen ganz oder teilweise zurückgezogen hat.

Die Bilanz ist ernüchternd bis vernichtend: ein einziger Regionalflughafen – Niederrhein-Weeze – fuhr auf dem Papier einen bescheidenen Gewinn ein, der aber keineswegs aus dem Flugbetrieb stammte, sondern aus einem unwiderruflichen Forderungsverzicht der Muttergesellschaft „Airport Niederrhein Holding GmbH“.

Burn, baby, burn

Insgesamt verbrannten die 18 aufgeführten Flughäfen 162 Mio. Euro, was allerdings ebenfalls einer Sonderentwicklung geschuldet ist. Im Ergebnis für den Flughafen Leipzig/Halle GmbH (Verlust: über 66 Mio. Euro) sind Abschreibungen für den Bau eines neuen Vorfeldes und eines Flugzeughangars in Höhe von 52 Mio. Euro enthalten. Doch selbst ohne diese außerordentlichen Kosten wäre wohl kein Gewinn angefallen.

Zwei Flughäfen fehlen in der Liste: die Geisterpiste von Kassel-Calden war seinerzeit noch im Bau, ergo fand kein Flugbetrieb statt. (Tut er heute praktisch auch nicht, aber na ja… man kann nicht alles haben.) Durch Abwesenheit glänzt außerdem, wer wohl, unsere liebe Landewiese. Mit Sicherheit gibt es einen Jahresabschluß für die bis Ende 2012 existierende städtische Flughafenbetriebsgesellschaft, nur rückt ihn die Dooffühlhauptstadt nicht raus. Begründung: man müsse ja nicht, denn die Firma sei aufgelöst.

Wer so wie die Verwaltung so argumentiert, riskiert natürlich, daß böse Kritiker annehmen, hier solle etwas verborgen werden. Vielleicht ein Rekordverlust? Wie anders wäre die kleinkindlich anmutende, störrische Rechthaberei insbesondere der zuständigen „Flughafenkoordinatorin“ (ja, es gibt sie trotz „Privatisierung“ der Landewiese immer noch) zu erklären? Keine Ahnung.

Doch auch mit „nur“ dem Verlust des Vorjahres – über 6 Mio. Euro – hätte es auf der Liste locker für den fünften Platz gereicht. Und selbst im Jahr 2013 kostete die Hansestadt Lübeck der Betrieb des angeblich privatisierten Flughafens mindestens 1.690.200 Euro an Abschreibungen.

Unvollständig

Auch aus einem anderen Grund ist die Liste leider unvollständig – sie umfaßt keinerlei direkte oder indirekte Subventionen, die die öffentliche Hand den Flughäfen gewährt hat, von „Werbekostenzuschüsse“ bis hin zu den beliebten Grundstücksverschiebungen rund um Flughäfen.

Schon vor knapp zehn Jahren warnte Deutsche Bank Research:

  • Regionalflughäfen fehlt kritische Größe zum Erfolg.
  • Regionalflughafenausbau verschlingt Subventionen.
  • Überkapazitäten bei Flughäfen.
  • Deutschland braucht Flughafenpolitik aus einem Guss.

Hat leider niemanden interessiert. Damals nicht und heute wohl auch nicht. Allerdings hat man sich, typisch für eine Bank, auch neoliberal verrannt: „Privatfinanzierung führt zu mehr Effizienz“. Das ist bis heute nicht bewiesen.

Liegt das Problem dieser Provinzflughäfen in der öffentlichen Trägerschaft? Nicht primär. Den wenigen privatisierten geht es kaum besser, wie meine Übersicht vom Juli 2014 zeigt. Dort findet sich auch mehr zum Flughafen Weeze, der in der Liste von Zukunft Mobilität aufgrund einer geringen öffentlichen Beteiligung geführt wird. Ähnliches gilt für Memmingen.

Und natürlich hindert niemand diese „privaten“ Flughäfen daran, unter Hinweis auf ihre – freilich nie bewiesene Bedeutung – weitere staatliche Subventionen zu fordern. Die aber werden in den Bilanzen dann aber nicht als Verlust, sondern als Einnahme auftauchen.

6 Antworten auf „Vom Kopf auf die Füße“

  1. Hallo Herr Klanowski,
    Ich finde es sehr schade, dass Kommentare, die nicht unbedingt in den „Juhu-Bereich“ fallen und auch mal kritische Anmerkungen ihrer Texte beinhalten, sofort in den Trollbereich geschoben werden.
    Es ist schon klar, dass Sie große Freude an der unklaren Situation des Flughafens haben, aber trotzdem fände ich eine angemessene Wertschätzung anderer Leute und Meinungen durchaus geboten.
    Schöne Grüße

    1. Tut mir leid, aber es verwirrt mich, wenn hier ausführlichst über Symbol(!!!)fotos diskutiert wird und der eigentliche Artikelinhalt – in dem es ja nicht mal spezifisch um Lübeck geht, sondern um deutsche „Regionalflughäfen“ allgemein – ignoriert wird.

      Will man sich nicht mit der unbequemen Wahrheit befassen, daß es viel zu viele Regionalflughäfen im Lande gibt, und daß der Lübecker dazu gehört? Oder bin ich nur zu negativ eingestellt, und das Ausbleiben von inhaltlichen Kommentaren stellt eine stillschweigende Zustimmung zu dieser Aussage dar (qui tacet, consentire videtur)?

      Ach so, und „große Freude an der unklaren Situation des Flughafens“ unterstellen Sie mir zu Unrecht. Ich hätte es viel lieber gesehen, wenn er schon vor sechs Jahren in aller Klarheit von der Stadt abgewickelt worden wäre, als sich nach dem Ausstieg von Infratil noch eine relativ günstige Gelegenheit dazu bot. Die hat man verpaßt.

      Mal ehrlich: was danach kam, war alles ziemlich daneben und hat eher Glücksritter angezogen. Aber die Hanselmännchen und -frauchen wollten es ja so.

  2. Ich gestehe, Euer Ehren! Ich habe einen leeren Stuhl mit Baumstamm fotografiert, um die Landewiese (übrigens im Hintergrund zu sehen) schlechtzumachen. Und das – welch ein Skandal! – in einem Artikel, der die Landewiese bestenfalls am Rande erwähnt. Im vorhergehenden Artikel habe ich gar ein Foto vom Mond mißbraucht, obwohl der mit der Landewiese auch nichts zu tun hat. Wie perfide von mir! Hier ein passenderes Symbolfoto: der Parkplatz vorm Terminal.

    1. Dann sollte hier aber auch ein Bild des Parkplatz vor dem Terminal erscheinen, und nicht eines von dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude (der nun mal den meisten nicht bekannt und oft nur von Angestellten genutzt wird – die Aufnahme scheint also nicht wochentags zu gewöhnlichen Arbeitszeiten zu sein) …

  3. Die Vorderansicht des Bildes mit Stuhl und Baumstamm
    gehört nicht zum Gelände von LBC. Aber sicher paßt dieses
    Foto besser in Ihr Gesamtkonzept, alle Aktivitäten des Airport
    schlecht zu machen.

    Wolfgang Wilkens

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