Gaga

Nach einer Recherche (ja, sowas gibt‘s noch, nur nicht bei den LN) von NDR und Zeit Hamburg bestehen gewisse Zweifel an der Seriosität des Betreibers der Lübecker Landewiese… um es nett auszudrücken. Waren die hier genannten Pläne schon offensichtlich absurd und wurden von Politikern und Papagei-Papageien der Presse (Kurt Tucholsky nannte sie so) trotzdem unter Ausschaltung des gesunden Menschenverstands nachgeplappert, sind die Äußerungen des Herrn Chen in China noch abstruser.

Die Videos zum Nachsehen:

Fangen wir mit der ursprünglichen Trumpfkarte an, die schon fast in Vergessenheit geraten war: Medizintourismus. Das klang so schön glaubhaft, weil PuRen (die chinesische Gruppe, in der Flughafen-„Investor“ Chen Geschäftsführer ist) in China Krankenhäuser betreibe. Nur: laut NDR stehen die bislang bloß auf dem Papier. (Übrigens auch ein von PuRen geplanter Flughafen in China.)

Kontakte zum nächstliegenden Kooperationspartner für Medizintourismus, dem UKSH Lübeck/Kiel, gibt es nicht. Aber wozu auch; für wohlhabende Medizintouristen aus dem Ausland gibt es einen Abholservice des UKSH vom Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. (Ich gehe jede Wette ein: Patienten, die sich das leisten können, werden auch per Hubschrauber direkt zum UKSH transportiert.) Wer braucht da eine lübsche Landewiese?

Phantom-Verbindungen

Herr Chen vor Angestellten in China:

Turkish Airlines will Verbindungen zu unserem Flughafen in Deutschland bringen.

Blöd nur, daß Turkish Airlines auf Anfrage des NDR davon nichts weiß.

Wieder in Lübeck, fabuliert Herr Chen von einer Zusammenarbeit mit einem chinesischen Flugzeughersteller, dessen Delegation er die Landewiese zeigte:

Diesmal geht es am Lübecker Flughafen um die Zusammenarbeit mit COMAC, mit Focus auf Wartung und Flugtraining.

Irgendwie hat man den Eindruck, Herr Chen weiß nicht so genau, was an der Landewiese läuft – obwohl er dort ab und an auftaucht. Einen Wartungsbetrieb hat man dort tatsächlich eingerichtet – mit drei Mitarbeitern und einer Zulassung lediglich für einmotorige Flugzeugmuster. Während die vornehmlich von Sportfliegern genutzt werden, plant COMAC die Herstellung von kommerziellen Regionaljets ab 70 Passagieren aufwärts. (Die Nachricht, daß PuRen Airlines Interesse an COMAC-Flugzeugen hat, kam für den NDR-Beitrag wohl etwas zu spät, aber die Geschichte ist nicht minder absurd.)

Wie so oft, wenn es brenzlig wird, verweigert der Herr Bürgermeister ein Interview. Stattdessen darf sich Senator Schindler vor laufender Kamera blamieren:

Die haben mir ein kleines Modell von einem Flugzeug in die Hand gedrückt, und das ist das einzige, was ich an Erkenntnissen mitnehmen durfte. Ob tatsächlich Wartungsarbeiten oder die Herstellung von Flugzeugteilen realistisch ist, davon hat man uns nichts mitgeteilt.

Aber wie hieß es vor genau zwei Wochen in der Monopolpresse?

„Ich gehe nicht davon aus, dass in Lübeck demnächst Flugzeuge gebaut werden“, sagt Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD). Er könne sich aber vorstellen, dass durchaus Flugzeugteile in Blankensee produziert würden.

Lübecker Nachrichten online, 10. Juni 2015

Geschichtlicher Exkurs

Herr Schindler läßt sich übrigens gerne mal was in die Hand drücken, ohne nachzufragen.

Als der SPD-Politiker vor drei Jahren seinen Kontrolljob [im Flughafen-Aufsichtsrat] antrat, wurde ihm vom damaligen Flughafen-Chef Peter Steppe eine vierseitige Vereinbarung zwischen Airport und Ryanair in die Hand gedrückt. Schindler: „Da stand nur Banales drin.“ Von gesonderten Rabatten kein Wort.

Lübecker Nachrichten, 2. September 2006

Die Mega-Flugschule

Weiter geht‘s mit den angeblichen 500 Flugschülern in Blankensee, von denen ebenfalls Herr Schindler unlängst zu berichten wußte – und die schon rein rechnerisch Unsinn waren.

Sagte jemand 500? Nein, 5000 pro Jahr sollen es sein! Herr Chen:

Dieses Jahr [2015] sollen es 1000 bis 2000 Schüler sein, künftig wollen wir 5000.

 

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Ob hier jemandem ein Licht aufgeht? Yongqiang Chen, Sven Schindler auf einem PR-Termin in Peking

Auch Senator Schindler war bei dem Termin in Peking anwesend… zumindest körperlich. Ob auch geistig, ist unklar.

Schindler: Das, was wir wissen, ist mit der Flugschule, 500 Flugschüler, wenn Sie sagen, 2000 im Jahr, dann ist das etwas, was mir zumindest heute neu ist.

NDR: Also, die 2000 Schüler hat er ja während Ihres Peking-Besuchs erwähnt. Da gibt es auch Filmmaterial drüber.

Schindler: Pro Jahr?

NDR: Ja, pro Jahr. Und in Zukunft sollen es 5000 pro Jahr sein.

Schindler: M-hm.

Die Ausbildung der Flugschüler, auch das wieder eine neue Zahl, soll nun zwischen fünf und zwanzig (!) Monaten dauern. Völlig gaga. Das bestätigt auch Michael Erb vom Verband der Allgemeinen Luftfahrt e.V.:

2000 Privatpiloten werden im Schnitt in der ganzen Bundesrepublik Deutschland pro Jahr ausgebildet … von daher finde ich, daß das jede Dimension sprengt. …

Wir sehen halt auch nicht, daß die Flugplatzkapazität das hergibt; wir sehen nicht, wo die benötigten ungefähr 100, 200 Fluglehrer herkommen sollen, genauso die Flugschulmaschinen.

Übrigens: die Flugschule hat nicht nur, wie bereits erwähnt, noch keine Lizenz – laut NDR wurde sie bisher noch nicht einmal beantragt! Und im Juni im Herbst soll‘s losgehen?

Fazit

Leider bringt uns das keinen Schritt weiter in der Beantwortung der Frage, was plant der „Investor“ wirklich? Das, was der Öffentlichkeit bisher serviert wurde, ist alleine in den genannten Dimensionen Käse.

Ist Herr Chen so naiv, läßt er sich von schlechten Beratern (ich nenne keine Namen) irreführen? Oder läuft es genau entgegengesetzt – er hat die kruden Ideen und seine hochdotierten Berater sagen „Klar Chef, super Chef, machen wir“, obwohl sie wissen, daß es sich um hochgradigen Blödsinn handelt?

Sehr schön fand ich diese Leserkommentare beim NDR:

Ein Chinese am Flugplatz Lübeck, einer in Parchim, wo schlägt der nächste zu?

Darauf die mehr als passende Antwort:

Die Frage ist nicht, wo schlägt der nächste Chinese zu! Die Frage ist, wo sind die nächsten dummen Deutschen, die naiv und dumm sind und auf den nächsten Chinesen reinfallen…

Oder irgendeinen anderen Investor – die Herkunft spielt keine Rolle. Bestimmender Faktor ist die Naivität deutscher Provinzfürsten, und die Geschäftstüchtigkeit sogenannter „Berater“. Meist sind das auch Deutsche.

Auf die Auflösung des Falls werden wir wohl noch etwas warten müssen.

Auf jeden Fall: Danke, NDR. Danke dafür, daß ihr das traurige Totalversagen unserer hiesigen Monopolpresse wenigstens ab und an kompensiert.

Fotos: NDR / Panorama 3


Nachtrag, 25. Juni 2015: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, bei der rechts im Beitragsbild (über dem Artikel) abgebildeten Person handele es sich um Siegmar Weegen. Es handelt sich jedoch um den Flughafen-Ex-Geschäftsführer Markus Matthießen. Ich bitte, diesen Irrtum zu entschuldigen.

Infolge dessen sind zwei Absätze im Beitrag, die sich mit dem Werdegang von Herrn Weegen am Flughafen Lübeck beschäftigten, überflüssig geworden und wurden gestrichen, obwohl sie m.W. faktisch korrekt sind. Zu Ihrer Information, und um jede Befürchtung von Zensur zu zerstreuen, hier die entfernten Absätze.

Tja, und wer steht in dem Videoclip neben Herrn Chen und grinst verhalten? Nun, unser guter alter Bekannter Siegmar Weegen, ehemals Mitarbeiter von Flughafen-Co-Geschäftsführer Peter Steppes Hamburger Firma AAA, in der Funktion auch Berater des vorherigen Investors Amar. Nachdem Weegen pro forma AAA verließ, wurde er Geschäftsführer der Landewiese – Amar hatte sich gerade von Geschäftsführer Friedel getrennt. Wie es so schön hieß, in gegenseitigen Einvernehmen (da ahnt man schon, was wirklich los gewesen sein könnte).

Wenig später jedoch dankte Herr Weegen aus „gesundheitlichen Gründen“ ab, nur um nach der Insolvenz des Flughafens in einem äußerst ungewöhnlichen Verfahren zu dessen „Notgeschäftsführer“ ernannt zu werden. Danach verschwand er wieder in der Versenkung, ist aber jetzt dem Vernehmen nach „Head of Business Development“ der Landewiese. Was für ein Stehaufmännchen!

13 Antworten auf „Gaga“

  1. Hallo Herr Klanowski,
    […] Sehen sie der Lokalpresse nach, dass sie mit dem Thema überfordert ist: über allgemeine Themen, wie Verkehrsunfälle, Fahrraddiebstahl und Taschendiebstahl kann man leicht und schnell berichten. Wenn es aber um Dinge geht, an denen Politiker beteiligt sind, hält man lieber die Klappe oder redet ihnen nach dem Mund.
    Man befindet sich eben in der Provinz, jeder kennt jeden.

  2. Hallo Herr Klanowski,
    sind Sie sicher, dass der Mann auf dem oberen Bild Weegen ist?
    Ich hätte eher gedacht, das wäre Matthiessen?
    An der „Erfolgsstory“ von Weegen ändert das natürlich nichts
    Für mich persönlich, unter Berufung auf das Recht der freien Meinungsäußerung ,ist Weegen eine sehr negative schillernde Figur in dem ganzen Geschehen.
    Es soll laut einiger Medien ja auch Anklagen gegen ihn gegeben haben, leider wurde nie von den Ergebnissen berichtet.
    Vom Flughafenpersonal war zu erfahren, dass er es verstanden hat, einige Mitarbeiter unter Androhung von Sanktionen mundtod zu machen, das spricht in einem Chef – Angestelltenverhältnis für sich.

    1. Von Anklagen weiß ich nichts; halte ich auch für unwahrscheinlich. Es gab im Rahmen der Insolvenzwirren einige Strafanzeigen, u.a. wegen Verdachts auf Insolvenzverschleppung. Allerdings gibt es im deutschen Recht Anzeigen gegen bestimmte Personen nicht, obwohl sich dieser Irrtum hartnäckig im Sprachgebrauch hält.

      Lediglich ein Ermittlungsverfahren, das evtl. aufgrund der Anzeige eröffnet wird, richtet sich dann gegen bestimmte Personen, so sie bekannt sind. Sollte es Ermittlungsverfahren in dieser Sache gegeben haben, gegen wen auch immer, kennen wir deren Fortschritt bzw. Ausgang nicht.

      1. da haben Sie natürlich Recht, es musste Anzeigen heißen,
        wie in der Presse derzeit berichtet, auch gegen Pannen.
        Das könnte nach neuesten Erkenntnissen auch wieder einen neuen Sinn ergeben.

        1. Na ja. In Sachen Chen-Show: könnte die Stadt nachweisen, daß ihr írgendein finanzieller Schaden entstanden ist (z.B. durch das Handeln von Insolvenzverwalter Pannen)? Ich sehe das im Moment nicht – eher im Gegenteil. Jedenfalls solange die Pacht gezahlt wird.

  3. Moin, ja, ich habe mir den Beitrag im NDR auch angesehen, und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Wäre ich literarisch begabt, würde ich zum Thema Landewiese ein zweiten Buddenbrook Roman beginnen, Parallelen zum Original gibt es genug, einen „Bendix Grünlich“ hätte ich auch schon auserkoren.
    MfG, CC

    1. Ich denke eher, der Stoff reicht für eine vertitable Comedy-Serie und nehme, in Ergänzung meiner vorhergehenden Titelschutzanzeige unter Hinweis auf § 5 Abs. 3 MarkenG Titelschutz in Anspruch für:

      • Neues aus Blankensee
      • Neues von der Landewiese

      Ich habe noch jede Menge unveröffentlichte, humoristisch wertvolle Anekdoten auf Lager. Kennen Sie diese? Da wollte man vor Jahren abends ein Konzert einer Band im Terminal veranstalten, mußte dann aber leider feststellen, daß das Terminal noch für die Passagierabfertigung benötigt wurde. Die Veranstaltung wurde kurzfristig in eine Flugzeughalle verlagert… was leider erforderte, daß sämtliche in der Halle befindliche Flugzeuge personalintensiv aufs Vorfeld verschoben werden mußten. Einmal mit Profis arbeiten! Es gibt noch jede Menge ähnlicher Brüller.

  4. Moin Herr Klanowski,
    kleine Korrektur:
    Auf dem Videoclip-Bildausschnitt ist nicht Herr Weegen,
    sondern Herr Matthießen zu sehen. 🙂

  5. Die lustigen Pläne werden natürlich allesamt nicht realisiert, das ist wohl klar. Aber es gelingt dem Besitzer ganz offensichtlich, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Man denke alleine mal an die Lohnkosten. Dazu muss er schon irgendwoher das Geld haben. Das gleiche Bild zeigt sich in Parchim. Dort funktioniert das schon recht lange so. Sollten wir mit „unserem“ Betreiber in Lübeck jemanden von der gleichen Sorte erwischt haben, wie dem aus Parchim, dann ist wohl vorerst kein Ende in Sicht. Einziger Trost: Wir werden stets gut unterhalten.

    1. Zu den Flughafeninvestoren von Amar über Pang bis Chen habe ich eine Theorie entwickelt, die ich das Grabbeltisch-Prinzip nenne. (Fast hätte ich „Brabbeltisch“ geschrieben.) Kennt man ja vielleicht: auf dem Grabbeltisch im Supermarkt sieht man etwas und denkt, „na gut, das brauche ich jetzt nicht unbedingt, aber später vielleicht mal, und kosten tut’s auch fast nix… also nehme ich das mal mit.“ Und wenn’s ein geschenkter Flughafen ist.

      Man mag diese Kunden Glücksritter nennen; das ist nicht mal negativ gemeint, andere würden vielleicht „mutige Unternehmer“ sagen. Dann liegt das Ding aber trotzdem im Schrank rum wie die unglaublich günstige Schachtel Reißzwecken, Heftpflaster oder Topfschwämme und wird erstmal nicht gebraucht.

      Nun sind da aber, wenn es um Flughäfen geht, die ungeduldigen Provinzpolitiker, die schnelle Ergebnisse sehen wollen. Da kommt dann der Brabbeltisch ins Spiel: es werden vom Eigentümer quartalsweise neue, immer verrücktere Ideen ventiliert, die Otto Normalverbraucher als Humbug entlarven kann – die Politiker übrigens auch, aber sie wollen ja nicht zugeben, daß sie sich geirrt haben. (Ansonsten würden in Genin-Süd heute bekanntlich sechs Möbelhäuser oder so stehen.)

      Zu Parchim habe ich einen Beitrag in Arbeit. Um zusammenzufassen: finanziert wurde die Nummer bisher aus einem Teilerlaß des Kaufpreises… und dem Weiterverkauf von Grundstücken in Flughafennähe, denn komischerweise enthalten diese Flughafen-Deals oft auch üppige Grundstücksbeigaben, die der Investor weiterverkloppen kann und so ein bißchen Geld für ein paar Jahre hat. Laß‘ dann noch mal so ein paar Steuersparmodelle hinzukommen… Laut Bundesanzeiger schrieb die Gesellschaft („Baltic Airport Mecklenburg“ Gesellschaft mit beschränkter Haftung) 2013 eine schwarze Null. So etwas kann man natürlich auch absichtlich hinzirkeln.

      Und wer weiß, ob PuRen Germany nicht schon Grundstücke rund um den Flughafen, die im Rahmen des Kaufs aus der Insolvenzmasse der Yasmina übernommen hatte, weiterverkauft hat? Würde die Öffentlichkeit das mitbekommen?

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