Vor zehn Jahren (Teil 1)

Sommer 2005 an der Lübecker Landewiese. Es brummt, es dröhnt, es heult. Fast im Stundentakt starten oder landen Linienmaschinen, allesamt von Ryanair. Oft genug kann man sogar zwei auf einen Streich fotografieren. Bei oberflächlicher Betrachtung ein Flughafen „im Aufwind“ (um eine von Bratwurstjournalisten gerne verwendete Phrase zu bemühen) mit stark ansteigenden Passagierzahlen. Das Jahr 2005 stellte den Höhepunkt der Entwicklung dar, der gleichzeitig den Niedergang der Landewiese einleitete. Denn es wurde auch klar: der Betrieb kostete immer mehr Geld.

Daß die damals zugrundeliegenden Geschäftsmodelle auf Dauer nicht funktionieren können, war absehbar, sofern man sich nicht von Passagierzahlen hatte blenden lassen.

Vorgeschichte: Jahrelang Jubelarien

Das war angesichts des medialen Trommelfeuers aber fast unmöglich. Eine Auswahl von Schlagzeilen der hiesigen Monopolpresse aus den Jahren zuvor:

Gutachten hält rapiden Zuwachs an Passagieren in Blankensee für möglich
Der Aufstieg des Airports

LN, 15. Juni 2001

Boom in Blankensee: Jetzt fliegt auch Air Berlin ab Lübeck

LN, 16. August 2001

Der Aufstieg des Airports

LN, 12. Januar 2002

Ja richtig, gebetsmühlenartig nochmal die selbe Schlagzeile wie im Juni 2001.

Noch mehr Flüge mit Ryanair
* Neue Mittagsmaschine nach London-Stansted
* Kapazität wird nahezu verdoppelt
* Startbahnverlängerung offiziell beantragt

LN, 29./30. März 2003

Darunter ein Foto von Geschäftsführer Steppe mit einem Ryanair-Flugzeugmodell. Und nebenbei die triumphale Botschaft: „Kiel abgehängt“. Ha-ha! In Blankensee wurden mehr Passagiere befördert als in Kiel-Holtenau, und das böse Kiel auf welchem Feld auch immer zu schlagen, ist ja seit jeher Kernpunkt lübscher Staatsraison.

Die Iren feiern glänzende Zahlen und planen neue Drehkreuze
Ryanair hebt ab
… und was wird aus Lübeck?

LN, 4. Juni 2003

Neue Abfertigung: Flughafen reagiert auf Passagierzuwachs
Abflug aus dem Festzelt

LN, 4. Juli 2003

Anfang 2005

Um 8 Uhr morgens brachte ein Bote das lang ersehnte Papier ins Büro von Flughafen-Geschäftsführer Peter Steppe. 32 Monate hatten Steppe und seine Mitarbeiter auf den Planfeststellungsbeschluss für den Flughafen-Ausbau gewartet. … Nach der Lektüre rätselten die Experten des Flughafens, was man damit anfangen soll.

LN Online, 26. Januar 2005

Wozu überhaupt Flughafenausbau? Sehr einfach: das war der alleinige Wunsch von Ryanair. Einige wenige Ziele am Mittelmeer („Warmwasserziele“) waren für die Fluggesellschaft von Lübeck aus nicht erreichbar, jedenfalls nicht mit nahezu voll besetzten Maschinen. Daher forderten die Iren eine Verlängerung der Start- und Landebahn um 224 Meter in Richtung Osten auf rund 2300 Meter; und außerdem einen Ausbau des Rollwegs C, was die Abfertigungszeit am Boden verkürzt hätte. Im Gegensatz dazu hatten Charterflieger, die ihre Kisten nicht aus Kostengründen unbedingt bis zum Rand vollkriegen und nicht 25 Minuten nach der Landung wieder abheben mußten, mit den Verhältnissen vor Ort keine Probleme – auch nicht bei Warmwasserzielen.

Zwar wurden Einwendungen der Anwohner (wie üblich in solchen Verfahren) fast komplett zurückgewiesen; nur: wie gewünscht mit der Kettensäge sofort vollendete Tatsachen zu schaffen und Bäume abzuholzen, blieb dem wackeren Landewiesen-Geschäftsführer Steppe verwehrt. Denn bis Ende Juni war für einen betroffenen Kranich-Brutplatz Schutz angeordnet worden, aus Baumschutzgründen durfte dann frühestens ab Oktober gerodet werden. Bis dahin allerdings sollte sich der Planfeststellungsbeschluß schon wieder erledigt haben – was man allerdings noch nicht wissen, bestenfalls hoffen konnte.

[D]er Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hatte beim OVG bereits eine Klage angekündigt. „Wir hätten etwas mehr als sechs Stunden Zeit gehabt“, erinnert sich Flughafenchef Peter Steppe an den Tag, an dem der Planfeststellungsbeschluss kam. Um 8 Uhr brachte ein Bote das 240 Seiten starke Papier. Um 14.30 Uhr klingelte das OVG an und fragte, ob der Flughafen sofort loslegen wolle, und verwies auf die vom BUND angekündigte Klage.

„Wir hätten gerne sofort gebuddelt, aber das OVG hat uns klargemacht, dass uns dann eine Stilllegung der Baustelle droht“, bestätigt Bürgermeister Bernd Saxe.

LN Online, 17. Februar 2005

Öko-Ferkeleien

Daß am Rande der Landewiese mal wieder, wie schon seit Jahren, einige Öko-Ferkeleien stattfanden, wurde wenn überhaupt nur am Rande erwähnt. Hans-Jürgen Schubert, Bündnis 90 / Die Grünen:

Als Mitte März der Blankensee als Schaumbad erschien, fiel es auch hartnäckigen Schönrednern schwer, dies als Naturgeschehen zu deuten. … [F]ür die Startbahn gibt es die behördliche Genehmigung, die Chemikalien unbehandelt in den Blankensee und die umgebende Landschaft zu leiten. Und das sind nicht nur Glykole: die Startbahn wird mit Natriumformiat und einer Kaliumacetat-Mischung eisfrei gehalten, erfuhr der Umweltausschuss am 17. März von einem Besucher aus Groß Grönau.

Lübecker Stadtzeitung, 29. März 2005

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Überreste des Schaumbergs am Blankensee (12. März 2005)

Natürlich gab es nie eine offizielle Klärung des Sachverhalts, der sich nicht nur in Schaumbergen, sondern auch in toten Fischen und Fröschen in der Nähe der Einleitungsstelle seit mindestens 2001 äußerte. (Welch ein Zufall: 2001 ging‘s ja so richtig los mit dem Ryanair-Flugverkehr.) Anwohner beobachteten zudem, daß der Blankensee anders als früher im Winter nicht mehr schnell zufror – insbesondere an den dem Flughafen zugewandten Ufer mit seinen Abwasser-Einleitungsstellen.

Immerhin wurde seitdem an der Entwässerung herumgedoktert, doch selbst der derzeitige Zustand ist lediglich ein Provisorium, das nicht dem Stand der Technik entspricht, obwohl es das Gesetz so verlangt. Immerhin wurden Schaumberge nicht mehr gesichtet.

Merkwürdigerweise mahnen gerade die organisierten „Umweltschützer“, denen ihre Zustimmung für einen abgespeckten Flughafenausbau immerhin 2,5 Mio. Euro in die Kassen spülte, den Ausbau der Entwässerung nicht mehr an, obwohl er ihnen 2008 in einem Mediationsvertrag mit dem Flughafen und der Stadt sogar vertraglich zugesichert worden war. Derzeit sieht es sogar so aus, daß der auf zehn Jahre angelegte Vertrag 2018 auslaufen könnte, ohne daß irgend etwas geschieht. Die Stadt erteilt solange Ausnahmegenehmigungen für den Flughafen, und gewisse Naturschutzverbände segnen sie ab.

Derweil lagerte 2005 am anderen Ende des Geländes jede Menge schadstoffbelasteten Schutts aus einer früheren Startbahn„sanierung“ (das wäre eine eigens zu behandelnde Geschichte).

Die Anwohner des Lübecker Flughafens schlagen Alarm: Seit 18 Monaten würde dort das Fräsgut der Landebahn ohne Abdichtung zum Grundwasser gelagert, obwohl es mit polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) kontaminiert ist. …

Besorgte Bürger ließen daraufhin eine Probe von diesem Fräsgut chemisch untersuchen. Das Ergebnis war erschreckend, 587 mg/kg OS polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthielt die Probe.

HL-Live, 17. Oktober 2005

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Mit Plastikfolie notdürftig abgedeckte Fräsguthalde (17. September 2005)

Immerhin hatte man später die Schuttberge notdürftig mit Folien abgedeckt, aber auch nur aufgrund von Beschwerden. Das Gelände gehörte sehr viel früher zum Flughafen, wurde später aber unabhängig davon bis in die 90er Jahre von der Bundeswehr und teilweise Bundesgrenzschutz genutzt. Die Schuttabladeflächen gehörten 2005 jedenfalls dem städtischen Beteiligungs-U-Boot KWL. Das Oberflächenwasser von dort wird über den Blankenseegraben letztlich in den Blankensee geleitet. Die Asphaltberge sind längst verschwunden, aber immer noch wird die Fläche als Schuttablage vermietet, und immer noch entwässert sie in den Blankensee.

In beiden Fällen (Schaumberge und Fräsgut) gab es dann irgendwann auch mal offizielle Messungen, die nichts Greifbares ergaben. Wohlgemerkt: keine Entlastung, sondern widersprüchliche Ergebnisse, die dann aber ohne weitere Nachforschungen einfach hingenommen wurden.

Im Fall des giftigen Fräsguts beispielsweise führte man erhöhte Schadstoffwerte des in den Blankensee eingeleiteten Regenwassers auf verschmutzte Rohre zurück; offensichtlich ohne je zu fragen, wer oder was die Rohre denn derart verschmutzt hatte. Einmal mit Profis arbeiten!

Verkauf an Infratil

Ansonsten war 2005 war der Ponyhof Blankensee, oberflächlich betrachtet, in idyllischster Ordnung. Mit einem Schönheitsfehler. Zwar stieg die Zahl der Passagiere, die Ryanair aus Lübeck in andere europäische Gefilde beförderte, jährlich an – die Verluste der städtischen Flughafen Lübeck GmbH aber leider auch.

Dem gegenüber standen Durchhalteparolen:

Auch der Ausblick für das Jahr 2005 ist mehr als zufriedenstellend“, so der Flughafengeschäftsführer Dr. Peter Steppe.

„Wegen der verbesserten Eigenkapitalausstattung und den erhöhten Passagierzahlen, die für 2005 erwartet werden, wird der Verlust um ca. weitere 30% verringert“, heißt es weiter.

HL-Live, 30. März 2005

Das war alles Quatsch. Immerhin hatte die Lokalpolitik kapiert, daß man sich das Steppesche Dauer-Desaster nicht länger leisten konnte, und versuchte, den Flughafen abzustoßen.

Das schien Anfang 2005 gelungen zu sein. 13 Mio. Euro zahlte die neuseeländische Firma Infratil für einen 90%-Anteil an der Landewiese. Im Gegenzug übernahm die Hanselstadt™ Lübeck jedoch die Altschulden und weitere Kosten in Höhe von 32 Mio. Euro. Wenig beachtet wurde eine Ausstiegsklausel, die sich Infratil hatte einräumen lassen. Was sollte denn da schon schiefgehen?

Immerhin hatte Infratil auch einen Vertrag mit Ryanair im Gepäck.

Infratil also negotiated a separate deal with Ryanair to set up a base at Lubeck Airport. Under the 10-year deal, Ryanair has agreed to guarantee a minimum number of passengers each year.

„The initial passenger guarantee is for 1 million departing passengers in year to October 2006, increasing by 200,000 departing passengers each year,“ Infratil said.

Dow Jones, 15. April 2005

Von Anfang an waren die Angaben jedoch verwirrend. Während obige Aussage rechnerisch über einen Zeitraum von zehn Jahren auf ein Ziel von drei Millionen Passagieren hindeutete, hieß es von Infratil:

Ryanair … announced it has reached agreement with Infratil to base up to 4 new 737 aircraft and deliver up to 2 million passengers per annum to Luebeck airport.

Bis zu vier Flugzeuge sollten hier stationiert werden, die bis zu zwei Millionen Passagiere pro Jahr befördern würden. Man beachte das „up to“ („bis zu“). Ob je ein Minimum vereinbart war, wissen wohl nur die Vertragspartner; ebensowenig, was Ryanair für die erbrachte Dienstleistung verlangt hat – denn ohne das ging‘s bei Ryanair nun wirklich nicht. Und von wem. Daß weitere Subventionen an Ryanair nicht von Infratil gezahlt worden wären, dürfte klar sein.

Unglaubliche Erwartungen

2005 fuhr die Landewiese knapp fünf Millionen Euro Verlust pro Jahr ein, im Vorjahr knapp vier Millionen. So viel zu der oben erwähnten Prognose des Herrn Dr. Steppe. Aber zum Glück hatte Infratil eine Gelddruckmaschine mitgebracht:

Infratil plant in den ersten fünf Jahren Erträge von rund 36 Millionen Euro – über sieben Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: 2004 erwirtschaftete der Airport Erträge von 2,5 Millionen Euro. Die Steigerung soll durch die höheren Fluggastzahlen, aber auch durch mehr Mieteinnahmen und höhere Parkgebühren erwirtschaftet werden.

LN Online, 8. Mai 2005

Erträge, das kling für den Laien nach Gewinnen. Darum ging es natürlich nicht, sondern um Einnahmen. Ich mag mich täuschen, aber für mich stellt sich die Rechnung für 2005 wie folgt dar: Ausgaben von insgesamt 7,5 Mio. standen Einnahmen von 2,5 Mio. gegenüber, also erwirtschaftete man einen Verlust von 5 Mio. Euro. Selbst Einnahmen von 7 Mio. Euro hätten die Landewiese also nicht in die Gewinnzone befördert (zumal die Abfertigung von deutlich mehr Passagieren auch wieder Mehrkosten nach sich gezogen hätte).

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Verluste der Flughafen Lübeck GmbH bis 2011

Auch ansonsten verwirrten die Aussagen der Firmenverantwortlichen. Munter wurde weiterhin mit verschiedensten Passagierzahlen jongliert.

Matthias Seidenstücker, Europa-Chef von Infratil sieht positiv in die Zukunft: „Die Fluggastzahlen werden steigen“. Er rechnet bereits 2005 mit 2,5 Millionen Passagieren, 2004 waren es 600.000.

Stadtzeitung Lübeck, 19. April 2005

Selbst, wenn es sich um einen Tippfehler handelt und 2006 statt 2005 gemeint war, wäre das sehr ambitioniert gewesen. Noch verrückter wurde es im folgenden Jahr:

Zwischen vier und sechs Millionen Passagiere will Infratil in zehn Jahren in Blankensee abfertigen.

LN Online, 9. März 2006

2014 waren es keine 170.000. Sic transit gloria mundi.

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Ein weiteres Ärgernis im Jahr 2005: wildes Parken rund um die Landewiese (31. März 2005)

Weiterlesen: Teil 2

Eine Antwort auf „Vor zehn Jahren (Teil 1)“

  1. Sehr schöne Übersicht, die zeigt, welch unglaublicher Dilettantismus hier seit Jahr(zehnt)en Regie geführt hat und führt.
    Mich überrascht das Stillhalten der Steuerbürger, die – zumindest wenn sie sich offenen Auges durch die Welt bewegen – zusehen können, wie ihr Geld hier von „interessierten Kreisen“ sinnlos verfeuert wird.
    Ich freue mich schon auf den zweiten Teil.

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