NOlympia: Hamburger stimmen gegen durchgeknalltes Großprojekt

Sie konnten es selbst kaum fassen: „Gewonnen. Unglaublich, aber gewonnen!“ Und: „Olympia in Hamburg am Ende – Eliten unter Schock“, so die Webseite der Initiative FAIRspielen.de. Entgegen allen Vorhersagen haben sich die Hamburger in einem Volksentscheid mit 51,6% der abgegebenen Stimmen gegen die Bewerbung der Freien und Hansestadt um die Olympischen Spiele 2024 ausgesprochen. Und obwohl die Bewerbung Lübecks um die dazugehörigen Segelwettbewerbe schon frühzeitig scheiterte, wäre die Hanselstadt™ weiter im Spiel geblieben. Raten Sie mal, warum.

Ich gehe jede Wette ein: hätte Hamburg sich beworben, hätten sofort Lübecker Lokalpolitiker gefordert, die hiesige Landewiese mindestens bis 2024 weiterzubetreiben, da Hamburg-Fuhlsbüttel die luftfahrttechnische Last der Olympischen Spiele nie und nimmer alleine würde schultern können. (Obwohl… was ginge uns das an?)

Auch in Hamburg wurde die Diskussion wohl ein wenig unter der Decke gehalten (von wem wohl?)

Olympia der kurzen Wege, so wird offiziell geworben. Der Flughafen wird dabei fast vergessen und damit nicht nur die Klimabelastungen, sondern auch der Lärm.

FAIRspielen, 23. November 2015

„Daran ist nicht zu rütteln: Bis zum Jahr 2024 wird Hamburg keinen neuen Flughafen bauen können“, so beginnt ein Artikel, der Anfang Februar im Abendblatt erschienen ist und in dem der Flughafenchef Michael Eggenschwiler versichert: Der Hamburger Flughafen kann das! Man müsse lediglich ein paar Zusatz- und Sonderflüge machen und ein paar größere Jets einsetzen. Zudem gibt es ja noch die Idee, dass Sportler, Trainer und Funktionäre bei Airbus in Finkenwerder landen können, um dann mit Barkassen ins olympische Dorf geschippert zu werden. Eine sympathische Idee, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick stellen sich jede Menge Fragen: Ist das rechtlich, logistisch und – extrem wichtig für die Spiele – sicherheitstechnisch überhaupt möglich? Auch bringt die Einflugschneise über Hamburgs Innenstadt enorme Lärm- und Abgasbelastungen mit sich.

FAIRspielen, 19. Februar 2015

Da hätte man vielleicht wirklich Verkehr nach Lübeck abgeschoben, obwohl hier ebenfalls eine Nachtflugregelung gilt. Das an sich wäre gar nicht mal das größte Problem gewesen. Nur halte ich bestimmte Lübecker Politiker für fehlgeleitet genug, eine weitere Subventionierung der hiesigen Landewiese als Ergänzungsflughafen zu fordern für Olympische Spiele, die erst in neun Jahren in der näheren Region stattfinden sollen (auch ohne Segelwettbewerbe in Lübeck). Und das für lediglich ein paar Wochen Pracht und Protz in einer anderen Stadt.

Diese Begründung fällt jetzt zum Glück weg. Alleine dafür: danke, Hamburg!

Begossene Pudel

Davon abgesehen: 51,6% klingt knapp. Wirklich? Lediglich die Hamburger Linke (sie erreichte 8,5% bei der letzten Bürgerschaftswahl) hat sich klar gegen Olympia positioniert, alle anderen in der Bürgerschaft vertretenen Parteien waren dafür, selbst die Grünen warben im Netz („6 Gründe für Olympia“). Aber die sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sogar der Lobbyverein „Bund der Steuerzahler“ äußerte sich zuletzt positiv. Sie stehen jetzt alle da wie begossene Pudel.

Hinzu kam eine millionenschwere PR-Kampagne der Befürworter, gegen die die Aktivisten auf der Gegenseite mit eher bescheidenen Mitteln anstinken mußten. Umso erstaunlicher und ermutigender ist das Ergebnis des Volksentscheids, zumal auch die Wahlbeteiligung bei über 50% lag. Da haben die meisten Parteien die Stimmung in der Bevölkerung, was allerdings nicht verwundert, komplett falsch eingeschätzt.

Ach ja, da waren diese Umfragen. Im Frühjahr lag die Zustimmung angeblich bei knapp zwei Dritteln, und das ZDF trompetete noch bei Schließung der Wahllokale von 56% Zustimmung. Hat sich da wirklich etwas kurzfristig verschoben? Oder haben die Meinungsforschungsinstitute, wissentlich oder unwissentlich, die Lernfähigkeit und Unabhängigkeit der Bürger unterschätzt? Vielleicht haben die ja inzwischen folgendes begriffen:

Am Anfang sieht alles wunderschön aus: opulente Modelle, liebevoll dekoriert mit Plastikmännchen – der Bahnhof oder der Flughafen sehen perfekt aus. Die Kosten scheinen erträglich, Politiker präsentieren ihr Projekt euphorisch. …

Und dann läuft es doch wie immer. Einsprüche, neue Wünsche, andere Anforderungen. Der Bahnhof, die Bahnstrecke, der Flughafen oder das Konzerthaus werden nicht fertig. Und die Kosten steigen. Aufs Doppelte, aufs Vierfache. …

Die falschen Berechnungen haben offensichtlich System. Experten wie der Karlsruher Wirtschaftswissenschaftler Werner Rothengatter haben öffentliche Großprojekte in aller Welt untersucht. Rothengatter verweist auf die Mechanismen, die gerade in Demokratien zu beobachten sind. Demnach werden die Bürger oft regelrecht an der Nase herumgeführt. Selten kommen die Kostensteigerungen überraschend – das zeigen Beispiele wie die Elbphilharmonie in Hamburg, Stuttgart 21 oder der Berliner Großflughafen. Ergebnis seiner Untersuchungen: In den allermeisten Fällen rechnen Politiker den Preis möglichst klein, um Zustimmung zu dem Projekt zu bekommen, Risiken blenden sie offenbar bewusst aus.

Spiegel Online, 9. Januar 2013

In Hamburg haben diese Täuschungsmanöver jetzt nicht mehr funktioniert, wie schon zuvor in Bayern in Sachen Olympische Winterspiele 2022. „Das Volk, der große Lümmel“ (Heinrich Heine) spielt offenbar nicht mehr mit.

Das läßt für die Zukunft hoffen.

Beitragsbild: Dieter Schütz / pixelio.de

4 Antworten auf „NOlympia: Hamburger stimmen gegen durchgeknalltes Großprojekt“

  1. Ich würde mal sagen: Hamburg kann glücklich sein, dass die Bürger so abgestimmt haben, denn die heutige Zeit zeigt uns leider immer öfter auf, dass es scheinbar nicht mehr möglich ist, ganz normale Bauprojekte zuverlässig zu planen, Kosten dafür zu ermitteln und dann auch dementsprechend auszuführen.
    Wenn ich das geplante Olympiaprojekt so sehe, frage ich mich, wie Hamburg das in 8 Jahren hätte umsetzen wollen.
    Denkt man an die Elbphilharmonie, wie war das noch mit Terminen, Kosten usw???
    Vom Verkehr ganz zu schweigen, es ist doch ein Glücksspiel, zu kalkulieren, wann man in Hamburg am Ziel ankommt; von Süden aus steht man eventuell auch mal zwei Stunden zwischen Maschen und den Elbbrücken im Stau. Von Lübeck aus weiß man auch nicht, in welcher Zeit man über die Autobahn Hamburg erreicht.(Baustellenstau, Unfälle usw.)
    Braucht man da wirklich so ein Megaprojekt?
    Man stelle sich mal vor, ein Teil der Besucher Athleten, Offiziellen usw. sollte über Lübeck einfliegen, das ist logistisch genauso ein Schwachsinn, wie der Gipfel in diesem Jahr in Lübeck.
    Politiker profilieren sich gern, aber der normale Bürger kann dadurch nur Probleme bekommen.

  2. Was mich in diesem Zusammenhang wundert, ist dass trotz einer deutlichen Medienkampagne für Millionen von Euro und massiver Unterstützung von Seiten der Politik trotzdem gegen Olympia gestimmt worden ist. Das halte ich für sehr bemerkenswert.

    In Lübeck war die mediale Stimmung ja auch damals pro Ausbau/Erhalt….

    1. Ich bin immer noch ein naiver Idealist und glaube, daß meine Mitbürger im Falle eines erneuten Bürgerentscheids den selben Fehler nicht noch einmal machen würden. Once bitten, twice shy.

  3. Es müssen bei solchen Entscheiden aber auch immer ein paar äußere Umstände gegeben sein, damit die Vernunft siegt. Dass Olympia in Hamburg abgelehnt wurde, konnte nur gelingen, weil gerade die Korruption der Sportverbände in den Schlagzeilen steht. Ein grüner Ministerpräsident in BW wurde nur gewählt, weil seinerzeit die Katastrophe in Fukushima den Irrweg der Kernkraft so deutlich aufgezeigt hatte. Es sind also Unglücke oder Skandale, die bei solchen Entscheiden eine Rolle spielen, leider.

    Und anders herum: Stuttgart21 wäre nicht gekommen, hätten nur die Stuttgarter abstimmen dürfen. Aber für die Mehrheit der Menschen in der Provinz war das Bauvorhaben ok und so kam es durch. In Memmingen/Allgäu wurde erst kürzlich darüber abgestimmt, ob Stadt und Landkreis Flughafenflächen aufkaufen dürfen, um auf diesem Umweg den Betrieb zu subventionieren. Nur 26% der Wahlberechtigten stimmten ab, von diesen wenigen Menschen waren 53% dafür. In Lübeck lief es beim Bürgerentscheid zum Flughafen ganz ähnlich ab. In diesen Fällen fehlen also die Begleitumstände, die die Menschen aufrütteln und zum kritischen Hinterfragen bewegen. Man erkennt statt dessen Teilnahmslosigkeit und Desinteresse. So läuft es leider meistens ab.

    Fazit: Es sind vor allem auch glückliche bzw. unglückliche Umstände, die solche Bürgerentscheide beeinflussen. Wenn diese nicht gegeben sind, geht es meistens für die Vernunft schlecht aus, weil nicht genügend Menschen Anteil nehmen und aktiv werden.

Kommentare sind geschlossen.