Es knirscht: Landewiese im Notbetrieb

Nein, es läuft wohl doch nicht so rund wie bei der letzten Insolvenz und dem plötzlichen Auftauchen des mildtätigen Retters aus dem Reich der Mitte, seinerzeit vermittelt von Teilen der Lauenburger CDU, der großzügig alle Mitarbeiter übernahm. Fest steht eigentlich nur eines: Insolvenzverwalter Prof. Pannen hat 25 von derzeit noch 76 Flughafenmitarbeitern gekündigt und möchte die Landewiese quasi im Notbetrieb auch noch im Januar offenhalten (shz redet bereits vom Februar). Und der Herr Bürgermeister bereitet polit-psychologisch schon mal eine neue Verschenkung vor – diesmal die des angeblich wertlosen Flughafenbetriebsgrundstücks. Es knirscht offenbar.

Die Kündigungen sind für die Betroffenen natürlich gerade in der Weihnachtszeit eine ganz üble Nachricht, aber so schlimm sie ist – überraschend ist sie leider kaum zu nennen. Daß noch zum dritten Mal ein deus ex machina auftaucht, der aus eher politischen denn aus wirtschaftlichen Gründen die Übernahme aller Mitarbeiter verspricht, war eher unwahrscheinlich. Und gemessen an den Zahlen, die beim Einstieg des letzten „Investors“ im Sommer 2014 genannt wurden, haben offenbar rund 20 Mitarbeiter seitdem von sich aus gekündigt.

Konkret führen die Entlassungen zu einem Notbetrieb, in dem ab sofort die Öffnungszeiten (nunmehr nur noch 7 bis 19 Uhr) als auch die Brandschutz-Kategorie (nunmehr nur noch 4) reduziert wurden. Es muß gespart werden, denn womöglich wird es doch nichts mit dem neuen „Investor“ vor Jahresende, und Prof. Pannen möchte noch einen Monat dranhängen.

„Die Entscheidung fiel aus Sicherheitsgründen“, sagt Pannen gegenüber den LN. Es habe nichts damit zu tun, dass kein Investor gefunden werden könne. Vielmehr liege es am bevorstehenden Weihnachtsfest. In zwei Wochen ist Heiligabend, da könnte die Zeit knapp werden.

LN Online, 10. Dezember 2015

Allerdings dürfte Prof. Pannen die Tatsache, daß Weihnachten hierzulande gemeinhin Ende Dezember gefeiert wird, schon seit geraumer Zeit bekannt gewesen sein. Andere Äußerungen verwirren auch wieder, nicht zum ersten Mal:

Die Zahl der Mitarbeiter werde laut Pannen in Absprache mit dem Betriebsrat um ein Viertel reduziert — von derzeit 75 auf etwas mehr als 50 Angestellte.

LN Online, 10. Dezember 2015

Ähh… Kopfrechnen mangelhaft? Der NDR spricht von 76 Mitarbeitern und 25 Entlassungen. In jedem Fall ist die Quote deutlich höher als ein Viertel, nämlich rund ein Drittel. Aber gut, vielleicht können die Medienvertreter auch nicht rechnen oder Zahlen korrekt zitieren. Das sei vorerst dahingestellt.

Die Zahl der Interessenten für eine Übernahme der Landewiese fluktuiert ständig. Jetzt sollen es wieder fünf sein – dann verwundert es aber, daß Prof. Pannen nicht so etwas gesagt hat wie „wir brauchen mehr Zeit, weil wir uns vor Interessenten kaum retten können.“ Stattdessen das:

„Wir führen zwar Gespräche“, sagt Pannen, „aber die sind nicht leicht.“

LN Online, 10. Dezember 2015

Kein Wunder, denn jetzt kommt wieder die Stadt ins Spiel – eher unfreiwillig. Denn zwei der Bewerber wollen offenbar das Flughafengelände nicht pachten, sondern kaufen. Ha, ha. „Verkaufen“ kann es aber nicht Prof. Pannen, sondern nur der jetzige Eigentümer, die Hansestadt Lübeck.

Negativer Kaufpreis durch die Hintertür?

Natürlich weiß jeder, was der Begriff „kaufen“ im Zusammenhang mit der Landewiese Lübeck bedeutet, nämlich im Prinzip „geschenkt bekommen“. Das hat man in der Vergangenheit hinlänglich gesehen. Und schon beackert der Herr Bürgermeister das Terrain, offenbar in der psychologischen Vorbereitung einer Verschenkung der Betriebsflächen, denn deren Wert läge, so möchte der Herr Bürgermeister der Öffentlichkeit vorsorglich glauben machen, bei Null.

Komisch. Wer hat denn bis vor kurzem damit geworben, eine Verpachtung des Geländes brächte immerhin etwas Geld ein? Die Verwaltung unter Leitung des Herrn Bürgermeisters.

Die Hansestadt Lübeck erwirtschaftet während der verbliebenen Pachtdauer bis zum Jahr 2042 (Laufzeit 30 Jahre) umgerechnet einen Barwert von 6,7 Millionen € …

Bürgerschaftsvorlage VO/2014/01791, 4. Juli 2014

Aber vielleicht glaubt man nicht mehr die Seriosität von Investoren und pünktlich eingehende Pachtzahlungen; verständlich wäre das.

Ich frage mich ernsthaft, ob der Herr Bürgermeister von HL-Live überhaupt korrekt zitiert wurde, denn so einen unglaublichen Unsinn wie den folgenden ist man selbst von ihm eigentlich nicht gewöhnt. Fangen wir mal an:

Für die Stadt hätte ein Verkauf des Geländes Vorteile: Es stehe unter Naturschutz…

HL-Live, 10. Dezember 2015

Aua, aua. Natürlich steht der Flughafen (genauer: die eingezäunte Betriebsfläche) nicht unter Naturschutz, denn dann dürfte kein Flugbetrieb stattfinden. Der Flughafen genießt Bestandsschutz und ist nach allen mir vorliegenden Karten nicht Teil des Naturschutzgebiets Grönauer Heide, mit Ausnahme einiger Flächen im Besitz der Hansestadt Lübeck außerhalb der Einzäunung (siehe Karte weiter unten). Und die wird ein „Investor“ sowieso nicht „kaufen“.

Möglicherweise (da würde ich aber gerne vorher die entsprechende Rechtsvorschrift sehen) würden Teile des eingezäunten Betriebsgeländes dem Naturschutzgebiet zugeschlagen werden müssen, sollte der Flugbetrieb eingestellt werden. Die Schätzungen schwanken zwischen 50% und 80% – letztere Zahl wurde von der Lübecker Verwaltung selbst genannt. Ob sich das auf die Gesamtfläche oder die einzäunte Betriebsfläche bezieht, wäre die Frage:

Der Flughafenbetrieb hat insoweit einen Bestandschutz, der im Falle einer anderen Nutzung entfiele. Rund 80 % des bisherigen Flughafengeländes würden dann dem naturschutzrechtlichen Regime unterliegen.

Bürgerschaftsvorlage VO/2014/01791, 4. Juli 2014

Bei einer Gesamtfläche von über 220 Hektar blieben selbst in der Variante der Verwaltung 44 Hektar übrig, die nicht schützenswert wären! Das wäre doch ein veritables Gewerbegebiet. Zum Vergleich: das zweitgrößte in Lübeck, Genin Süd, umfaßt 32 Hektar. Grundstücke werden dort derzeit für 61 Euro pro Quadratmeter angeboten, hochgerechnet auf die verwertbare Flughafenfläche von 44 ha wären das knapp 27 Mio. Euro. Anschluß an Autobahn A20, Bundesstraße B207, Bahn – alles vorhanden! Nix wert? Pah.

Der Herr Bürgermeister ergeht sich derweil in Nihilismus.

Verkaufen kann sie [die Stadt] die Naturschutz-Fläche dann wohl kaum noch. „Sie ist dann ökonomisch wertlos“, so Saxe.

HL-Live, 10. Dezember 2015

Es ist aber kompletter Blödsinn, anzunehmen, eine unter Naturschutz stehende Fläche sei automatisch ökonomisch wertlos. Das hat übrigens auch eine Schattenseite, wobei wir wieder bei den organisierten Naturschützern und Stiftungen und ihren teils ebenso teuren wie dubiosen Projekten wären… aber diese Kiste will ich hier und heute nicht aufmachen. Abgesehen könnten die dann zu schützenden Flächen evtl. als Ausgleichsflächen für andere Infrastrukturprojekte dienen; Gebiete also, die man anderenfalls erst teuer ankaufen müßte.

Warum kein neues Wohngebiet? Das dürfte noch mehr Geld abwerfen. Ganz abgesehen davon: muß man immer alles unter ökonomischen Gesichtspunkten sehen? Wie wäre es mit einem naturschutzverträglichen Naherholungsgebiet anstelle des Flughafens? Oder alles zusammen?

Und wieder der Griff in die Horrorkiste

Sollte der Flugbetrieb eingestellt werden, müsse die Stadt als Eigentümer alle Anlagen zurück bauen.

HL-Live, 10. Dezember 2015

So der Herr Bürgermeister. Verständnisfrage: viele Flughafen-Anlagen, vor allem praktisch alle Bauten auf dem Gelände, gehören der Stadt gar nicht mehr, sondern der Pleitefirma Puren Germany GmbH i.I., die sie seinerzeit gekauft hat? Hallo?! Wieso sollte da eine Rückbauverpflichtung seitens der Stadt bestehen? Legt das doch mal dem derzeit für die Anlagen Verantwortlichen, Prof. Pannen, unter die Nase. Der wird sich freuen.

Und was den Rest angeht, es dürfte sich im wesentlichen um die Start- und Landebahn handeln, zitiere ich mich mal selbst:

Dann frage ich mich nur, wieso der alte Teil des Flughafens, der nicht mehr genutzt wird und bereits jetzt im Naturschutzgebiet liegt, nicht zurückgebaut wurde? Da gibt es riesige Betonflächen, auf denen früher Hangars standen, eine asphaltierte Rollbahn, jede Menge unterirdischer Anlagen wie Tanks…

Wozu abbauen, das tut die Natur schon ganz alleine. Teilweise können solche Flächen sogar gerade von Wert für den Naturschutz sein, so z.B. eine auf dem alten Gelände vorhandene Beton-/Asphaltfläche, die scherzhaft als „Schlangengrill“ bekannt ist.

blankensee.info, 3. Oktober 2015

Behauptung des Herrn Bürgermeisters: die Flächen haben keinen ökonomischen Wert und würden uns evtl. noch mit Kosten für den Rückbau belasten. Übersetzt: verschenken wir sie doch lieber gleich!

Spekulative Übersicht

Mit der folgenden Karte spekuliere ich zugegebenermaßen, aber für eine Korrektur bin ich natürlich jederzeit dankbar. Sie sehen die fragliche Fläche des Flughafens, im Besitz der Hansestadt Lübeck, orange mit Schraffur. Die rot, grün und schwarz markierten Teile markieren das eingezäunte Gelände, also die eigentliche Betriebsfläche. Die Gebiete außerhalb der Einzäunung liegen bereits im Naturschutzgebiet (nur in dem Punkt hat der Herr Bürgermeister recht).

aufteilung

Der schwarz markierte Teil würde vermutlich ebenfalls dazugehören, sollte der Flughafen abgewickelt werden. Wenn hier aber überhaupt etwas zurückgebaut werden müßte, dann nur die Start- und Landebahn (blau markiert). Mit der entsprechenden Maschinerie dauert das wenige Tage, wenn es denn nötig wäre. Nochmal: ich bezweifle das.

Ob es eine fachliche Begründung dafür gäbe, den grün markierten Teil ebenfalls zum Naturschutzgebiet zu erklären, halte ich zumindest für zweifelhaft. Ziemlich sicher wird aber der rot markierte Teil nicht dazugehören; dort finden sich heute im Wesentlichen das Terminal, Vorfeld, Hallen, Verwaltungsgebäude und Parkplätze. Die rot markierte Fläche entspricht rein rechnerisch übrigens den 20% der Gesamtfläche, die laut früheren Aussagen der Verwaltung nicht dem Naturschutz anheimfallen würden.

Die wäre wohl durchaus ökonomisch verwertbar, gerade auch im Zusammenhang mit den violett markierten Grundstücken nördlich der Blankenseer Straße (auf der Karte links oben), die die Stadt sich als der Insolvenzmasse für nur einen Euro hätte zurückholen und anderweitig verkaufen können.

Vabanque-Spiel

Aber es kommt ja noch übler. Gesetzt den Fall, die Hanselstadt™ verkauft die Flughafengrundstücke, die sie jetzt noch besitzt. Kann man folgendes Szenario ausschließen?

Die XYZ GmbH „kauft“ den Flughafen samt Betriebsfläche für wenig Geld. Nach ein, zwei oder drei Jahren stellt man fest, daß das mit der Landewiese doch keine so tolle Idee war. Da muß die GmbH gar nicht in Insolvenz gehen, sondern mangels wirtschaftlicher Perspektiven einfach nur den Laden dichtmachen, dann erlischt die Betriebsgenehmigung/-pflicht automatisch – und dann kann man das Grundstück an jemand anderen verkaufen.

Vielleicht an die Hansestadt Lübeck, die im Laufe der Zeit festgestellt hat, daß sie dann doch einen Bedarf an Flächen für Gewerbe- oder Wohngebiete oder Flüchtlingsunterkünfte hat? Für ein paar Euro „verkauft“, dann für Millionen zurückgekauft? Ist das so unvorstellbar? Für mich nicht.

Ich würde mir wünschen, das Vorgehen des Herrn Bürgermeisters und seiner BeraterInnen wenigstens Kirchturmpolitik nennen zu können, aber das wäre falsch. Selbst der Begriff Gartenzwergpolitik wäre eine Beleidigung für die zipfeltragenden Wichtel im Vergleich zur hanselstädtischen™ Verwaltung.

Beitragsbild: Thorben Wengert / pixelio.de

10 Antworten auf „Es knirscht: Landewiese im Notbetrieb“

  1. Wann nimmt man den Saxe endlich mal sein Spielzeug weg .
    Für mich ist es unverständlich wie man einer Stadt so einen großen Finanziellen Schaden zufügen kann . So ein Flughafen wird nie Gewinn abwerfen . Dazu ist er viel zu klein . Bei der nächsten Wahl würde ich nicht einen einzigen davon mehr wählen . Und das hat nichts mit Wahlmüdigkeit zutun . Ich wähle doch keinen der meine Steuergelder so sinnlos verbrennt .

    1. Hallo Frank Koeller,
      vielleicht muss man Saxe sein Spielzeug gar nicht wegnehmen.
      Ich glaub, er hat schon ein neues, die MuK.
      Vielleicht sollte Herr Pannen überlegen, den „Investoren“, die den Flughafen nicht wollen, die MuK zu verscherbeln, wäre doch ein schöner Nebenverdient.

  2. Zuversicht sieht anders aus. Man braucht die laufenden Meldungen (1/4 von 75 = 25%), Abstufung auf Brandschutz ICAO CAT 4 ( reicht das für den A320 ?) und sonstige Meldungen mit den Schlagzeilen der letzten Wochen vergleichen:

    …soll im dem Dezember verkauft werden, 5 ernsthafte Interesenten

    …gute Chancen, verkauf zum Jahreswechsel, Verhandlungen mit 4 Investoren

    …hofft auf einen Verkauf im Dezember mit möglichen Käufern.

    Aus „ernsthaft“ wurde „hoffen“ und „Interessenten“ wurde „mögliche Käufer“.

    Zuversicht geht anders.

    http://www.shz.de/schleswig-holstein/verkehr/flughafen-luebeck-soll-im-dezember-verkauft-werden-id11117396.html

    Der Flugbetrieb ist bis zum Jahresende gesichert. Fünf ernsthafte Interessenten sind in Verhandlungen mit Klaus Pannen.
    ———————–

    http://www.shz.de/lokales/luebeck/luebecker-flughafen-verkauf-zum-jahreswechsel-id11506726.html

    Der Insolvenzverwalter verhandelt mit vier Investoren – und sieht gute Chancen für einen Abschluss.
    ———————-

    http://www.shz.de/lokales/luebeck/flughafen-luebeck-bleibt-bis-februar-2016-in-betrieb-id12177471.html

    Insolvenzverwalter Klaus Pannen verhandelt mit möglichen Käufern – und hofft einen Vertragsabschluss im Dezember.

      1. Ich bin zwar kein Fachmann, möchte aber ergänzen, daß laut NOTAMs eine höhere Brandschutzkategorie auf Anfrage zur Verfügung steht, also bspw. bei A320-Landungen. Wie das in der Praxis durchgeführt wird, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

        1. Vorausgesetzt, die Fahrzeuge und technischen Gerätschaften sind sind in Ordnung und einsatzbereit, kann die Kategorie
          durch die Personalstärke mit entsprechender Ausbildung (Atemschutz usw.) auch temporär für gewisse Starts und Landungen erhöht werden.
          Sind aber die Fahrzeuge und Geräte noch vorhanden und einsatzbereit?
          Sind die entsprechend geschulten Leute noch in Lohn und Brot?
          Sind diese Leute auch logistisch einsatzbereit, oder verrichten sie gerade andere Dienste, die das Eingreifen in der vorgeschriebenen Zeit unmöglich machen?
          Diese Fragen kann nur Herr Pannen oder sein Berater beantworten, hoffentlich positiv.
          Im Übrigen stand auch mal die lübecker Berufsfeuerwehr zur Unterstützung unter Vertrag. Wie man hörte, wurde dieser Vertrag aus finanziellen Gründen nicht erneuert.
          Eine offiziell Kontrolle dürfte mehr als angebracht sein.

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