Tragschrauber, kleine Brötchen, und ein Sahnehäubchen

Über Weihnachten steht meist nur Vorproduziertes in den Zeitungen. Verständlich, es passiert ja nicht viel. Oft sind diese Artikel, pardon, reiner Müll, wie zum Beispiel dieser aus den Lübecker Nachrichten vom 24. Dezember 2015: „Mit dem Weihnachtsmann im Tragschrauber.“ Aber andernorts gibt es durchaus Interessanteres zu lesen, was die lübsche Landewiese angeht.

Worum geht es in dem Artikel der LN, der krampfhaft unterhaltend sein will, aber vermutlich nicht einmal Sechsjährigen ein müdes Lächeln entlockt? Da gibt es einen Tragschrauberpiloten namens Bernd Koop, und der posiert samt seinem in Lübeck stationierten Tragschrauber als Weihnachtsmann. Äh… ja,. das war‘s, und das füllt rund ein Drittel der Seite 13 des Lübecker Lokalteils (nicht die Kinderseite!)

Kostprobe:

Er belädt den Tragschrauber am Lübecker Flughafen [also echt jetzt, das heißt doch Airport!-P.K.] mit zahlreichen bunten Geschenken. Hilfe beim Verteilen der Gaben bekommt er von Weihnachtsengel und Tochter Eefje.

Zum Glück klärt der Artikel dann auf, daß es sich gar nicht um den echten Weihnachtsmann handelt, sondern daß sich Herr Koop

bloß für das LN-Foto zur Verfügung gestellt hat.

[Ironie ein] Ach! Und für einen Moment dachte ich, er sei tatsächlich der Weihnachtsmann, so raffiniert war diese Fälschung! [Ironie aus]

Aua, aua, aua, aua. Und so etwas setzt man erwachsenen Lesern vor. Immerhin hat man auf Schleichwerbung verzichtet – Herr Koop bietet nämlich gegen Bezahlung Erlebnisrundflüge in seinem Tragschrauber an.

Alte Brötchen oder so

Interessanter ist da schon der Beitrag „Insolventer Flughafen Lübeck: Absturz oder Steigflug?“ auf shz.de. Viele alte Bekannte tauchen dort auf, und siehe da, die meisten backen inzwischen ganz kleine Brötchen.

Daß die Herren Jan Lindenau (SPD) und Andreas Zander (CDU) ihre rosaroten Brillen immer noch nicht abgelegt haben – geschenkt. Letzterer meint:

Die Tatsache, dass es noch fünf Interessenten gibt, zeigt, dass Bedarf für den Flughafen gesehen wird.

shz.de, 26. Dezember 2015

Da würde einen doch glatt interessieren, welches Interesse die beiden vorgehenden Pleite-Investoren an der Landewiese gehabt haben mögen, und ob ihnen das geholfen hat.

Erstaunlich kurz angebunden der Herr Bürgermeister, Bernd Saxe (SPD): er

will sich zur Zukunft des Flughafens nicht äußern. „Das ist allein Sache des Insolvenzverwalters“, sagt er knapp.

Das stimmt natürlich nicht, läßt aber tief blicken. Denn selbstverständlich besitzt die Stadt nach wie vor das Flughafen-Betriebsgelände sowie einige technische Anlagen wie z.B. das Instrumenten-Landesystem, über die der Insolvenzverwalter Prof. Pannen garantiert nicht nach Gutdünken verfügen kann. Selbst dann, wie der Herr Bürgermeister offenbar erwägt, das Grundstück an einen Investor verschenkt werden soll, weil es ansonsten „ökonomisch wertlos“ sei.

Der Geschäftsführer des Allgäu Airport in Memmingen und Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Regionalen Flugplätze (IDRF), Ralf Schmid, meint:

„Ein Regionalflughafen kann erst ab einer Größenordnung von einer halben bis einer Million Passagieren im Jahr Geld verdienen“ … Das funktioniere aber nur mit Hilfe der öffentlichen Hand. „Man kann von einem Privaten kaum erwarten, dass er die Infrastruktur für einen ganze Region vorhält und das Risiko allein trägt.“

Anmerkung 1: das hatten wir doch schon. Lübeck hatte zwischen 2003 und 2010 jedes Jahr über eine halbe Million Passagiere, und unabhängig vom Eigentümer (mal Hansestadt Lübeck, zwischendurch auch Infratil) waren Gewinne nicht mal ansatzweise in Sicht. Wenn Herr Schmid nach der öffentlichen Hand ruft, kann er nur Subventionen bis hin zu Verlustübernahmen meinen. Ketzerische Frage: wozu dann noch ein privater Investor?

Anmerkung 2: Ja, Herr Schmid ist der Geschäftsführer der Landewiese im Allgäu, die uns in Lübeck von hiesigen Offiziellen und natürlich der Monopolpresse („Der Allgäu Airport taugt als Vorbild für Blankensee“ – LN, 22. Oktober 2012) noch vor wenigen Jahren als hehres Beispiel eines sich selbst tragenden Flughafens gepriesen wurde, der von einer Interessengemeinschaft lokaler Unternehmer betrieben und bezahlt wird. Es war aber schon damals absehbar, daß das so nicht funktioniert. Heute weiß man es.

Bescheidenheit ist eine Zier

Auch bei der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK) klingt es nicht mehr nach Großflughafen. Ihr Sprecher, Can Özren, plant schon mal den Notbetrieb nach Plan B:

Politik, Verwaltung und alle Kräfte der Stadt [sollten] ein Konzept entwickeln, um wenigstens die Verkehrsfähigkeit des Flughafens zu erhalten, wenn sich kein neuer Betreiber findet.

Und wer soll‘s bezahlen? Die IHK bzw. ihre Mitglieder? Doch das Sahnehäubchen kommt aus einer vollkommen unerwarteten Ecke angeschwebt.

Der ehemalige Blankensee-Geschäftsführer und Luftfahrtberaten [sic] Jürgen Friedel schlägt vor, der Airport sollte sich von der Großluftfahrt verabschieden und sich auf Geschäftsflieger konzentrieren.

Ja klar, das hat er damals schon gesagt… äh, oder? Egal. Hon.-Prof. Dr.-Ing. Friedel kam nach seinem Abgang an der hiesigen Landewiese als Leiter eines Kaufhausprojekts in Görlitz unter, das rein zufällig von Euroimmun-Chef Prof. Dr. Wilfried Stöcker betrieben wird, einem langjährigen vehementen Unterstützer des Flughafens Lübeck. Und der trat auch mal als potentieller Landewiesen-Investor auf, zeitweise im Tandem mit dem Unternehmer Björn Birr von Bismarck.

Damals hieß es:

Birr von Bismarck will gemeinsam mit dem jetzigen Flughafen-Chef Jürgen Friedel die Geschäftsführung übernehmen …

Lübecker Nachrichten, Lokalteil HL, Druckausgabe 24. November 2012, S. 10

Zwar zählt sich Birr von Bismarck nicht zu den Interessenten, die derzeit bei Prof. Pannen angeblich auf der Matte stehen, wobei noch zu definieren wäre, wer für ihn als Interessent zählt – jemand, der nur mal eben angefragt hat?

Zu vermuten ist, daß es eine zweite Reihe von Interessenten gibt, die sich eher darauf vorbereitet, daß der Insolvenzverwalter doch keinen Wundertäter findet, der ihm einige Millionen für die Reste der Landewiese bezahlt. Dazu könnte das Netzwerk Stöcker-Birr-Friedel gehören, andererseits die Tönisvorster Szene um InAvia (auch die Webseite von Lübeck Airways gibt es noch), und letztlich die ortsansässigen Sportflieger.

Aber vielleicht, wer weiß, ist Hon.-Prof. Dr.-Ing. Friedel auch nur gelangweilt damit, den Eröffnungstermin des Stöckerschen „Kaufhauses des Ostens“ in Görlitz jedes Jahr um ein weiteres Jahr zu verschieben; jetzt soll es 2017 soweit sein (nach früheren Ankündigungen für 2015 und 2016).

10 Antworten auf „Tragschrauber, kleine Brötchen, und ein Sahnehäubchen“

  1. Hallo, erst mal Glückwunsch zur Neugestaltung dieser Seite, gefällt mir gut.

    Seit 3 Monaten standen 4, manchmal 5 „Investoren“ Schlange und keiner hat bisher den Zuschlag bekommen!? Klar, es geht ums Geld, ohne Zuschüsse will wohl keiner anbeißen, weil Steuergelder als Subventionen es nicht geben soll. Hoffentlich bleiben Lübeck (hoch verschuldet, müsste eigentlich auch Insolvenz anmelden) und Kiel bei ihrer Linie.

    Der in allen Zeitungen gedruckte Artikel (Die Tatsache, dass es noch fünf Interessenten gibt, zeigt, dass Bedarf für den Flughafen gesehen wird.) stammt von dpa und ist heute im Hamburger Abendblatt gleichlautend zu lesen.

      1. 85 % der Hamburger können sich nicht irren, wenn knapp über 51 % schon gegen Olympia waren. Über den o.a. Link kommt man nicht wirklich zur Umfrage, weil das HA online extra kostet. Bei Google eingeben:

        umfrage+hamburger+abendblatt+flughafen+Lübeck

        bei mir war es der 2. Link, da wurde der komplette Artikel und die Abstimmung angezeigt. (Kannte vorher nur die Papier-Form).

          1. ne, geht nicht. Nach kurzer Zeit (oder Abruf über gleiche IP) kommt wieder……

            nur online kostenpflichtig. Ich suche nur mit Google, klappt meistens, aber nicht immer.

          2. Jetzt ist mir der Begriff wieder eingefallen: Paywall. Das ist der Grund, weshalb ein direkter Link erst mal geht und dann nicht mehr. Über die Anzahl der Begriffe wird in Cookies gespeichert, ab einer bestimmten Zugriffszahl geht es dann nicht mehr.

            Manchmal hilft es, diese zu löschen oder über Suchbegriffe von Google aus anzuklicken. Aber auch nicht immer……..

  2. Tja, das war ja schon länger zu erwarten, dass Herr Friedel mal wieder zu Worte kommt. Schon werbewirksam, so mit Bild.
    Merkwürdig ist eigentlich, dass er als „Luftfahrtberater“ heute ein Kaufhaus in Görlitz aufbaut und wieder Statements zum LBC abgibt.
    Der Mann ist ein Tausendsassa, warum hat er in seiner Zeit als Geschäftsführer den Flughafen nicht in den Griff bekommen? Weder für die Stadt Lübeck, noch für Amar??
    Kann es sein, dass sich die alten „Clans“ (in der ehemaligen DDR hätte man Seilschaften gesagt), wieder zusammenfinden?
    Ich frage mich, ob Herr Pannen das Ganze nicht durchblickt, oder ob System in den ganzen Abläufen besteht, die er unterstützt.
    Wie gesagt, nur meine persönliche Frage.

    1. Ich will nicht unhöflich klingen, aber nicht jeder Luftfahrtberater, der Zeitungen etwas sagt (gerade in Zeiten der Unsicherheit und Spekulation), hat auch wirklich etwas zu sagen 😀

      Ich fand es trotzdem interessant, von Herrn Hon.-Prof. Dr.-Ing. Friedel mal wieder etwas zu hören, auch wenn es unerwartet kam. Bei allen derartigen Vorschlägen vermisse ich aber immer einen Finanzierungsvorschlag, ein Geschäftsmodell, das bitteschön die Stadt außen vor läßt. Und nein, auch das vielzitierte Beispiel Egelsbach als Geschäftsflughafen für Frankfurt/Main operiert m.W. defizitär und ist auch nicht komplett privatisiert.

      Übrigens: ex-Landewiesen-Geschäftsführer gibt’s auch andere, und zumindest einer ist jetzt ein ziemlich hohes Tier in Hamburg-Fuhlsbüttel. Von dem hat man nie wieder etwas in Lübeck gehört.

      Ansonsten gilt immer noch der alte Spruch: Wenn Dir ein Zauberer seine rechte Hand zeigt zum Beweis, daß sie leer ist, schau‘ genau auf seine linke. Das gilt für die gesamte Horde von Zauberern, die sich derzeit hier herumzutreiben scheint.

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