Jahresrückblick 2015 (Teil 1)

Demnächst können Sie hier den mehrteiligen Jahresrückblick 2015 lesen. Das muß leider sein. Zur Vorbereitung möchte ich im ersten Teil etwas weiter zurückgehen, nämlich bis zum Auftauchen des chinesischen „Retters“ der Landewiese Lübeck im Spätsommer 2014. Weil ich faul bin Im Interesse eines optimierten Leseflusses verzichte ich mal auf Quellenangaben. Sie finden sich allesamt in früheren Artikeln, oder fragen Sie bei Bedarf einfach danach.

Das Jahr 2014 war für die Landewiese recht turbulent. Doch wer gedacht hatte, daß alle die Absurditäten wie Firmenbestatter, Notgeschäftsführer und Insolvenz nicht zu toppen sein würden, dürfte von den Ereignissen des Jahres 2015 eines besseren belehrt worden sein. Schlimmer geht‘s nimmer? Von wegen!

Wenn man bösartig wäre, könnte man sagen, daß der Kern des Scheiterns bereits angelegt war, als Politiker der Lauenburger CDU im Sommer 2014 einen chinesischen Investor namens Yongqiang Chen für die insolvente Landewiese anschleppten, die der vorherige Investor Amar hinterlassen hatte. Allen voran Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede, dem so mancher einen China-Tick nachsagt. Was nichts heißen muß, denn in weiten Teilen der deutschen Politik und Wirtschaft scheint das Urteilsvermögen aufgrund unrealistischer Erwartungen deutlich zu leiden, sobald jemand nur „China“ sagt.

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Herr Chen (li.) und Herr Thiede amüsieren sich prächtig in einem Hangar der Lübecker Landewiese (Quelle: Youku)

Vorspiel 2014: Landewiese Blankenburg

Nichts gegen China, nichts gegen Lauenburg, nichts gegen die CDU, aber um Luftfahrtexperten handelte es sich bei sämtlichen (offiziell) Beteiligten nicht gerade. Ob es auch inoffiziell Beteiligte im Hintergrund gegeben hat?

Der Verdacht drängt sich auf, denn mindestens zwei „Experten“ trieben sich weiterhin in Blankensee herum, die auch schon im Zusammenhang mit dem vorherigen Investor Amar gesichtet wurden: einerseits Dr. Peter Steppe, in grauer Vorzeit schon mal Geschäftsführer der städtischen Flughafen Lübeck GmbH; andererseits Siegmar Weegen, ehemals Angestellter in einer Firma des Dr. Steppe und als solcher Berater von Amar. Neuer Investor, alte Gesichter.

Ja, der neue Investor hatte Geld, kein Zweifel. Genug, um dem Insolvenzverwalter Prof. Pannen technische Einrichtungen am und Grundstücke rund um den Flughafen für – so war später zu hören – für über 3 Mio. Euro abzukaufen. PuRen Germany hieß der neue Flughafenbetreiber.

Als Sahnestück erwarb Investor Chen, nicht privat, sondern für PuRen Germany, außerdem den idyllisch gelegenen Sandkrughof in Schnakenbek an der Elbe für rund eine Million Euro. Als Firmen-, vielleicht sogar als persönlichen Wohnsitz. Und wer soo viel Geld hat, ist per definitionem seriös, so offenbar die Denke der Provinz-Heroen in Lübeck und Lauenburg.

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Idylle an der Elbe: Sandkrughof in Schnakenbek (Quelle: NDR)

Von Anfang an, wir schreiben immer noch 2014, fiel der Investor durch erratisches Verhalten und merkwürdige Aussagen auf. Nichts an ihnen war sonderlich plausibel, weder die versprochenen Touristenströme aus China, noch der Medizintourismus oder die Sache mit den Flugschülern; alles zusammengerührt aus den Versatzstücken, mit denen „Experten“ die Existenz notleidender Landewiesen begründen.

Alarmglocken hätten von Anfang an läuten müssen. Die Behauptung, an dem Deal habe die Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) mitgewirkt, dementierte die Gesellschaft postwendend. Die hiesige Uni-Klinik wußte überhaupt nichts von Plänen für Medizintourismus, dabei wäre sie doch wohl der erste Ansprechpartner gewesen.

Am stärksten wirkte jedoch die immer wieder angeführte Öffnung (oder besser: Deregulierung) des unteren Luftraums in China. Bald würden Millionen von Chinesen mit privaten Flugmöhren durch die Luft bohren, und daher bestünde Bedarf für den Erwerb von Privatpilotenlizenzen. Dummerweise gäbe es in China kaum Flugschulen.

Bis hierher ist die Darstellung nicht mal falsch, an der Oberfläche durchaus glaubwürdig. Nur die Schlußfolgerung, diese Privatpiloten ausgerechnet in Lübeck ausbilden zu wollen, war logisch nicht nachzuvollziehen. Die Öffnung des unteren Luftraums hat natürlich gerade in China die Möglichkeit zur Ausbildung vor Ort geschaffen. Flughäfen sind dort sowieso dutzendweise geplant.

Das einzige, was fehlt, sind Fluglehrer, aber da hätte man die selbe Vorgehensweise anwenden können wie bei Berufspiloten: man heuert sie im Ausland an. Das macht China seit langem in großem Maßstab (sehr zum Mißvergnügen der einheimischen Berufspiloten, die deutlich weniger verdienen und sich über die „Langnasen“ beschweren).

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Abstimmung hinter verschlossenen Türen: Sondersitzung der Lübecker Bürgerschaft am 10. Juli 1024 (Quelle: NDR)

Ein schlüssiges Konzept legte der Investor nie vor – warum auch. Fast keiner hätte es sehen wollen. Schon gar nicht die Mehrheit der Lübecker Bürgerschaft. Hauptsache weg mit dem Krempel, damit man sich einreden konnte, nichts mehr damit zu tun haben… und daß einem das Ding nicht nochmal auf die Füße fällt. Was es nur ein paar Monate später trotzdem krachend tat.

Zu den Leckerlis für die Lokalpolitiker der Hanselstadt™ gehörte einerseits die Erklärung des Investors, sämtliche Flughafenmitarbeiter (damals 92) übernehmen zu wollen – so etwas kommt beim Wähler immer gut an, auch wenn es sich nicht gerade nach einem glaubwürdigen Sanierungskonzept anhört, zu dem leider auch ein Abbau von Arbeitsplätzen gehören kann.

Zudem gab es im Vertragswerk von PuRen mit der Stadt eine Klausel, derzufolge die Interessen der ortsansässigen Sportflieger angemessen zu berücksichtigen seien. Auch das klang gut. Keine drei Monate später fanden sich die Segelflieger des Aero-Club von Lübeck (ACvL) de facto aus ihrem Vereinsgelände ausgesperrt, das bisher vom Flughafenbetreiber unterverpachtet worden war – und nicht direkt von der Stadt, die aber nach wie vor Eigentümer der Fläche war und ist.

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Eingezäunt und ausgesperrt: Segelfluggelände des ACvL (Teilansicht)

Die Begründungen für den Rausschmiß wechselten und klangen von Mal zu Mal absurder. Mal sollte ein Sendemast des Instrumentenlandesystems (ILS) auf das Segelfluggelände im Süden versetzt werden, dann wieder wurde die Vereinsfläche des ACvL angeblich für die inzwischen sprichwörtlichen Flugschüler aus China benötigt. Auch hier wieder keine Nachfrage, auch nicht von der Stadt, die sich trotz Klausel im Vertrag mit PuRen für nicht zuständig erklärte.

Im Januar 2015 zündete dann die Chen-Show. Die de jure vom Flughafen unabhängige PuRen Airlines gründete zwei Tochtergesellschaften, PuRen International Flight Academy GmbH und PuRen International Aviation Maintenance GmbH – eine Flugschule und einen Wartungsbetrieb. Das Investitionsvolumen betrage eine Million Euro, hieß es. Und die Eintragung der Firmen im Handelsregister war doch genügend Beweis für ernsthafte Absichten.

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Investor Chen freut sich (Quelle: NDR)

Wird fortgesetzt