Jahresrückblick 2015 (Teil 2)

Und jetzt geht‘s nach einem Vorspiel wirklich los mit dem Jahresrückblick 2015. Dabei hasse ich Jahresrückblicke und halte sie weitgehend für überflüssig. In diesem Fall aber ergeben sich aus einer durchgehenden, leicht lesbaren Geschichte vielleicht neue Zusammenhänge, die sich in einer Tag-für-Tag-Berichterstattung z.B. in einem Blog nicht sofort erschließen. Manches weiß man eben erst Monate später.

Im Januar 2015 zündete die Chen-Show. Die de jure vom Flughafen unabhängige PuRen Airlines (Eigentümer: Yongqiang und Weilu Chen) gründete zwei Tochtergesellschaften, PuRen International Flight Academy GmbH und PuRen International Aviation Maintenance GmbH – eine Flugschule und einen Wartungsbetrieb. Das Investitionsvolumen betrage eine Million Euro, hieß es. Und die Eintragung der Firmen im Handelsregister war doch genügend Beweis für ernsthafte Absichten.

It‘s showtime!

Der hiesige Wirtschaftsklüngel jubelte in höchsten Tönen. Bürgermeister Bernd Saxe freute sich, Senator Sven Schindler war angetan, der Chef des Koordinierungsbüros Wirtschaft (KWL) Dirk Gerdes begrüßte die Bewegung am Flughafen, und Lübecks Tourismus-Chef Christian Lukas freute sich besonders auf die chinesischen Flugschüler, die bis zu einem halben Jahr in der Hansestadt bleiben würden. Der Leiter der IHK-Standortpolitik, Rüdiger Schacht, lobte, daß die Geschäftsführung der Landewiese ihren Ankündigungen konkrete Taten folgen lasse. Burkhart Eymer (CDU), Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Bürgerschaft, war überzeugt, daß der Investor zu seinen Plänen stehe, und Peter Reinhardt (SPD) ließ sich mit dem merkwürdigen Satz zitieren, jede Entwicklung sei für den Flughafen positiv.

Alle diese Experten-Elogen finden sich in einem einzigen (!) Artikel der Lübecker Nachrichten, verfaßt von Jubelexpertin Josephine von Zastrow. Und weil man bei den LN stets ausgewogen berichtet, klebte man noch einen kurzen Absatz ans Ende, in dem der Bürgermeister von Groß Grönau, Eckhard Graf (SPD), in zwei Sätzen Lärmschutz für die Anwohner einfordern darf. Mal kurz durchgezählt: sieben Stellungnahmen pro, eine contra.

Das war erst der Anfang. Lokalgrößen und unkritischen Regionalzeitungen ließ Showmaster und Puppenspieler Chen kaum Zeit zum Nachdenken. Die nächste Inszenierung ließ nicht lange auf sich warten. Sie fand Anfang Februar in Peking statt und sollte den anwesenden Wirtschaftssenator Schindler hinterher an eine Bambi-Verleihung erinnern. Aber erst später, als es peinlich wurde.

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Yongqiang Chen (li.), Sven Schindler auf der Bambi-Verleihung. Dem Herrn Senator ging seinerzeit offenbar kein Licht auf.

Im Februar ebenfalls mit dabei: Flughafengeschäftsführer Markus Matthießen, der zum 1. November 2014 ernannte „Leiter Airport Operations“ Dr. Peter Steppe, sowie Tower-Unit-Manager Thomas Viertbauer und Vice-Tower-Unit-Manager Patrick Czupkowski, außerdem der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Lübeck GmbH, Dirk Gerdes.

Konkrete Ergebnisse für Lübeck und seine Landewiese gab es nicht außer der pompösen „Eröffnung“ der Flugschule, die zu dem Zeitpunkt lediglich auf dem Papier existierte und nicht einmal eine Betriebsgenehmigung hatte, aber immerhin schon mal Anmeldungen von Interessenten annahm. Gegen Anzahlung?

Wenig später beackerte Markus Matthießen die Anwohner im Süden Lübecks in einer Veranstaltung, die Beobachtern kaum weniger seltsam vorkam als die Pekinger Seifenoper des Herr Chen. Auf Einladung des gemeinnützigen Stadtteilvereins „Initiative für Lübecks ländlichen Raum e.V.“ erschien er zu einem Einwohnergespräch in Lübeck-Kronsforde, das sich aber (nicht zuletzt auf Wunsch des Veranstalters) eher als Monolog entpuppte.

Wobei der Vortragende nicht viel zu sagen hatte. Außer, daß für die berühmte Flugschule zehn einmotorige Flugzeuge angeschafft werden sollen. In der Lokalpresse, hier HL-Live, wurde kurzerhand die Schlagzeile daraus: „Flughafen kauft zehn Flugzeuge für Pilotenausbildung“.

Die solle nunmehr im Herbst starten, obwohl es nur wenige Tage zuvor noch geheißen hatte, es solle im Sommer losgehen. Schon wieder wurde also rumgeeiert, und niemand fragte nach.

Ähnlich verlief auch ein Auftritt des Herrn Matthießen auf der Sitzung des Sonderausschusses Planfeststellungsverfahren Flughafen Lübeck der Gemeindevertretung Groß Grönau am 30. März 2015, Seit‘ an Seit‘ mit Dr. Steppe. Beobachter der Veranstaltung waren erstaunt über die Ahnungslosigkeit der beiden Herren, die nichts Substantielles mitzuteilen hatten. Anwesende berichteten, geredet habe vor allem Dr. Steppe – „in einer äußerst abfälligen und abweisenden Art“. Die kannte man allerdings in der Gegend schon aus seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der städtischen Flughafen Lübeck GmbH von 1993 bis 2005.

Im April 2015 wurde Geschäftsführer Matthießen von niemand anderem als Herrn Dr. Steppe abgelöst. Das freundlich-unbedarfte Lauenburger CDU-Aushängeschild Matthießen mit seinem ländlich-rustikalem Bausparkassen-Charme hatte nach weniger als einem Jahr ausgedient und wurde von einem altgedienten Luftfahrt-Wadenbeißer abgelöst. Historiker mögen sich in kommenden Jahren streiten, ob das von Anfang an so geplant oder nur Zufall war. Aber wer glaubt an der Landewiese noch an Zufälle?

Der Mann fürs Grobe kehrt (offiziell) zurück

Vielleicht hat Herr Matthießen auch nur seinen guten Ruf retten wollen. Denn etwa zur selben Zeit, spätestens im Mai 2015, stellte die PuRen Germany ihre (im Voraus zu entrichtenden) Pachtzahlungen an die Hanselstadt™ Lübeck ein – wieder mit fadenscheinigen Begründungen, wie bei allen Ausreden der PuRen Germany zuvor. Für die war jetzt ausschließlich Dr. Steppe zuständig. War Markus Matthießen zu integer, den Unsinn zu erzählen, den Herr Dr. Steppe dann verkünden durfte? Möglicherweise hat Matthießen den anbrennenden Braten gerade noch rechtzeitig gerochen.

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Yongqiang Chen (li.), Markus Matthießen auf der Bambi-Verleihung im Februar 2015 in Peking

Aber die Chen-Show lief vorerst noch unermüdlich weiter. Ende April 2015 reiste Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) nach Peking, Presseberichten zufolge mit 40 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Dort versprach Flughafeninvestor Chen auf einer neuen Bambi-Verleihung bis zu 100 Millionen Euro für den Bau eines Hotels und einer Hefefabrik im Raum Lauenburg.

Politiker und Regionalzeitungsredakteure zeigten spätestens jetzt reflexhafte Speichelbildung vor ihren Mündern. Chen sei der größte Glücksfall für Lauenburg seit Jahrzehnten, befand der Lauenburger Bürgervorsteher Bernd Dittmer. Es wurde stattdessen der wohl größte Unfall seit Jahrzehnten, wie sich nur wenige Monate später herausstellen sollte.

Bereits am 12. Juni stieg Investor Chen als Geschäftsführer aus der Lauenburger „Hotel am Fürstengarten“ Verwaltungs-GmbH aus. Planer des Projekts war Gert Prantner, ehemaliger Direktor des Hamburger Hotels Vier Jahreszeiten, doch das Geld sollte Chen anbringen. Mit dem hat Prantner nie zu tun gehabt, nie mit ihm gesprochen oder verhandelt. „Das ist alles Sache des Lauenburger Bürgermeisters“ Thiede, so Prantner. Der oberste Verwaltungsbeamte der Stadt als Finanzmakler für einen privaten Hotelbetreiber?

Zu dem Zeitpunkt waren weder der Ausstieg des Herrn Chen aus dem Lauenburger Hotelprojekt sowie die ausbleibenden Pachtzahlungen in Lübeck öffentlich bekannt, und so lief Anfang Juni die Chen-Show noch auf Hochtouren. Am 10. Juni war der Herr Investor sogar selbst in Blankensee vor Ort und präsentierte einer Delegation des chinesischen Flugzeugherstellers COMAC und der Fluggesellschaft Chengdu Airlines „seinen“ Flughafen.

Die lokalen Medien drehten endgültig durch. PuRen Airlines hatte einen Letter of Intent (also eine unverbindliche Absichtserklärung) mit COMAC unterzeichnet, der die Bestellung von 14 größeren Maschinen – jeweils sieben C919 und sieben ARJ21-700 – beinhaltete. Die kleinere ARJ21-700 wird bereits produziert, die größere C919 noch nicht, und international zugelassen sind beide nicht. Und selbst wenn PuRen Airlines die Maschinen kaufen sollte, wäre es nicht ausgemacht gewesen, wo sie letztlich stationiert werden.

HL-Live machte daraus die Schlagzeile: „14 neue Maschinen am Flughafen Lübeck“ – ursprünglich mal mit Fragezeichen, das wenig später entfernt wurde. In den Lübecker Nachrichten tirilierte Josefine von Zastrow in höchsten Tönen: „Flugzeugbau in der Hansestadt? Direktflug nach Peking? Die Spekulationen rund um den Besuch einer chinesischen Delegation kennen kaum Grenzen.“

Natürlich war auch China- und Bambi-Experte sowie Wirtschaftssenator Sven Schindler wieder dabei und dämpfte die überbordenden Erwartungen: er gehe nicht davon aus, „dass in Lübeck demnächst Flugzeuge gebaut werden.“ (Nein, und Flüge zum Mars standen wohl auch nicht auf dem Programm, möchte man hilfreich ergänzen.) Aber vielleicht könnten Flugzeugteile hier hergestellt werden. Für wichtiger hielt der Herr Senator die 500 chinesischen Flugschüler, die man im Herbst würde begrüßen können.

Fünfhundert? Immer mehr sollten es werden und immer länger sollten sie bleiben, statt ursprünglich drei bis sechs Monate nunmehr ein ganzes Jahr oder noch länger. Kleines Problem, auch gerne übersehen: Chinesen erhalten deutsche Touristen-Visa lediglich für maximal drei Monate; ein Problem, mit dem auch Herr Chen höchstpersönlich zu kämpfen hatte – er hätte es also wissen müssen.

Senator Schindler stutzte nicht ob dieser absurden Pläne, die jedem gesunden Menschenverstand widersprechen mußten. Wie soll man fünfhundert Schüler gleichzeitig an einem Flughafen unterrichten, Schulungsflüge eingeschlossen? Wo sie unterbringen? Und wenn sie ein Jahr lang bleiben, was machen sie außerhalb ihrer Ausbildung, die sie wohl kaum rund um die Uhr in Anspruch nimmt? Kein offizieller Schönredner fragte sich das.

Es war der Höhepunkt der Chen-Blase, das Crescendo. Etwa gleichzeitig geschah nämlich Unerhörtes. Journalisten hatten recherchiert und nicht, wie in der Regionalpresse üblich, pure Hofberichterstattung betrieben. Und sie förderten Erstaunliches zutage.

Wird fortgesetzt