Jahresrückblick 2015 (Teil 3)

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Nach außen war Ende Juni noch alles Friede, Freude, Eierkuchen an der Landewiese sowie in Lauenburg. In die traute Idylle platzten die erstaunlichen Ergebnisse einer mehrmonatigen Recherche („Über einen mysteriösen Investor und eine Stadt, die es lieber nicht so genau wissen will“) von NDR und Zeit. Das PuRen-Firmenimperium des Herrn Chen entpuppte sich bei näherem Hinsehen nicht als das, als was es dargestellt und in der Hanselstadt™ bereitwillig geglaubt wurde.

Keine Spur von Krankenhäusern oder anderen Unternehmen, die man angeblich betreibt. Für solche und ähnliche Vorhaben, unter anderem auch eine Flugschule in den USA, warb man allerdings chinesische Anleger an und lockte stets mit 12 bis 14% Rendite.

Die Blase platzt

Immerhin, einen Fernsehsender betrieb man offenbar, und der kam beim Produzieren von Werbevideos wohl ganz gelegen, wie sich noch zeigen sollte. Es gibt ein kleines Büro, es gibt Angestellte. Von einem gigantischen Firmenkonglomerat mit einem angeblichen Eigenkapital von umgerechnet 800 Mio. Euro jedoch keine Spur. Interviewanfragen lehnt Chen ab. „Niemand der Gesprächspartner kennt Chen und die Firma genauer. Alle, die mehr wissen könnten, lehnen Interviews ab. Auf kritische Nachfragen reagieren die Beteiligten gereizt,“ stellte die Zeit fest.

Auch die Versprechungen in Bezug auf Medizintourimus und Flugschüler in Blankensee wurden als das entlarvt, was sie von Anfang an waren, nämlich unrealistisch. Flugschüler sollte es 2.000, mittelfristig gar 5.000 geben. Alleine für 2.000 Schüler hätte man 80 Schulflugzeuge, 100 Lehrer und schönes Wetter das ganze Jahr über benötigt. In Sachen Medizintourismus war die Uniklinik noch immer nicht kontaktiert worden.

Dann tauchten in China auch noch Videos auf, zum Beispiel ein professionell gemachtes Reklamefilmchen, das Anlegern die darbenden Landewiese als brummenden internationalen Flughafen verkaufte und das laut Hamburger Abendblatt „hart an der Fälschung“ war.

Ein Handyvideo zeigt Chen auf einer Veranstaltung der PuRen, Unsinn erzählend. Turkish Airlines wolle eine Linienverbindung nach Lübeck einrichten. Blöd nur, daß Turkish Airlines auf Nachfrage nichts davon wußte. Er, Chen, habe zudem gerade 270 Rassepferde für 2,8 Mio. Euro pro Tier gekauft.

Veröffentlicht wurde der Zeit-Artikel am 25. Juni 2015, und vermutlich wußten die Autoren noch nicht, daß sich auch in Lauenburg dunkle Wolken rund um die dortigen Pläne des Herrn Chen zusammenzogen. In Lübeck weigerte sich Bürgermeister Saxe, die Recherche von NDR und Zeit überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Erstaunlich, denn wie sich wenig später herausstellen sollte, zahlte die PuRen Germany bereits seit Mai keine Pacht mehr für das Flughafengelände. Einen Verwaltungschef sollten weitere Informationen über einen säumigen Pachtzahler doch interessieren, würde man annehmen.

Der Lauenburger Bürgermeister Thiede zeigte sich unbeirrt: „Diese Vereinbarungen wurden vertraglich festgehalten. Ich habe keinen Grund, die Investitionen [von PuRen] in Lauenburg in Frage zu stellen.“ Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) sekundierte: „Ich habe keinen Grund, an den Ankündigungen von Investor Chen zu zweifeln.“

In Lübeck erklärte der flughafenpolitische Sprecher der BfL-Bürgerschaftsfraktion, Lars Ulrich, seine Fraktion sei „weiterhin zuversichtlich, dass sich der Flughafen Lübeck-Blankensee weiterentwickeln und sicher in die Erfolgsspur gelenkt wird. … Eine Flugschule für rund 5000 chinesische Flugschüler kann nicht einfach aus dem Boden gestampft werden.“

Abgelenkt wurde die Lokalpolitik für einige Weile noch durch vermeintliche Erfolgsmeldungen: ab 1. Juli flog Wizz Air die aufregende Tourismus-Destination Skopje in Mazedonien an. Für die Flugschüler, die im Herbst kommen sollten, wurde die Errichtung eines Wohndorfs auf einem Flughafenparkplatz (!) beantragt, der aufgrund ausbleibender Passagiere nicht mehr benötigt wurde.

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Lauschiges Wohndorf für chinesische Flugschüler?

Außerdem hatte das Luftfahrtbundesamt der Puren International Aviation Maintenance GmbH am Flughafen Lübeck die Zulassung als Wartungsbetrieb für Flugzeuge erteilt. Klang toll, aber es ging gerade mal um drei Mitarbeiter und die Wartung von Kleinflugzeugen.

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Immerhin wachten nach der Veröffentlichung des Artikels in der Zeit nun auch die Lübecker Nachrichten auf und fanden Anfang Juli heraus, daß die Pachtzahlungen der PuRen Germany einem nicht-öffentlichen Papier der Verwaltung der Hanselstadt™ zufolge seit Mai ausgeblieben waren. Ähnlich wie im Fall der ausgesperrten Segelflieger gab es wieder jede Menge absurder Begründungen.

Dabei hatte sich der Herr Bürgermeister beim vorgehenden Investor Amar, der seinerzeit ebenfalls mit der Pacht im Rückstand geblieben war, durchaus zerknirscht gezeigt: er habe die Sache

nicht ernst genug genommen. „Wir haben zwar jeden Monat eine Mahnung geschickt, doch im Nachhinein hätte ich das als Alarmsignal werten müssen“, räumte Saxe ein. „Hinterher ist man leider immer schlauer.“

Und, war „man“ diesmal schlauer? War bei PuRen Germany vielleicht einfach kein Geld mehr da? Die Verwaltung gab sich jedenfalls mit fadenscheinigen Begründungen zufrieden. Die Stadt, so forderte Landewiesen-Chef Steppe, habe „Altlasten“ einschließlich der Anlagen der Segelflieger zu entsorgen, einsturzgefährdete Hallen sowieso. Vermutlich stand im Pachtvertrag „gepachtet wie besehen“ und daß der Flughafenbetreiber für die Wartung und Instandhaltung von Gebäuden aufzukommen habe, aber egal. Realitätsverweigernd blamierten sich sowohl Dr. Steppe als auch der Herr Bürgermeister.

„Das sind Dinge, die seit 1994 bekannt sind und längst hätten behoben sein müssen“, kritisiert Steppe.

Der Geschäftsführer damals war, und blieb bis 2005…? Genau. Dr. Steppe.

Auch für Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) ist der aktuelle Streit „noch kein Alarmsignal“, sagte er den LN.

Wie war das doch gleich von wegen „hinterher ist man immer schlauer“? Einen Fehler einmal begehen ist in Ordnung – wenn man daraus lernt. Beim zweiten Mal wird‘s peinlich.

Auch in Lauenburg wurden die Probleme langsam öffentlich, die unter anderem schon von Anfang an in mangelnder Transparenz begründet lagen. Die Lauenburger Wählergemeinschaft (LWG) wollte im Juli von Bürgermeister Thiede wissen, was in Sachen Hotel und Hefefabrik eigentlich überhaupt vereinbart wurde:

„Ich habe nur auf einem Foto gesehen, dass unser Bürgermeister und Chen ein Dokument unterzeichnet haben. Ich habe dies bisher weder gesehen, noch weiß ich genau, was vereinbart wurde“,

so LWG-Fraktionschef Niclas Fischer.

„Die Bürger erwarten Klarheit und konkrete Ergebnisse. Sie sind nicht mehr bereit, sich mit chinesischen Briefkastenfirmen abspeisen zu lassen.“

Am 21. August erklärte Hotel-Projektentwickler Prantner den Deal mit Chen für offiziell geplatzt.

„[W]enn Dinge dann nicht passen, muss man es eben akzeptieren“, so Thiede zum Ende des Engagements des Investors in Lauenburg. Wie Thiede erklärt, will er sich aber nicht an Spekulationen beteiligen, warum sich der Investor nun zurückzieht.

Und aufklären, so möchte man in Gedanken ergänzen, will er die ganze Sache wohl auch nicht unbedingt.

Die Gehalts-Affäre

In Lübeck machte Dr. Steppe im Sommer immer noch gute Miene zum bösen Spiel. Die Flugschule habe 13 Fluglehrer „an Bord“ geholt (nach Festanstellung klingt das nicht gerade); im Herbst solle es losgehen. Neunzig Flughafen-Mitarbeiter sollen weiter beschäftigt werden, so Dr. Steppe in den LN vom 1. August. Ob es zu dem Zeitpunkt aber wirklich so viele waren, erscheint im Rückblick eher zweifelhaft.

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Beschwerden bitte hier abgeben

Die noch verbliebenen Mitarbeiter erhielten am Abend des 14. August aus heiterem Himmel eine Email von Dr. Steppe, die endgültig nahelegte, daß PuRen Germany sich in einer Finanzklemme befand:

Wie ihr wahrscheinlich bemerkt habt ist kein Augustgehalt bisher auf eurem Konto eingegangen. Die Gehaltszahlung wird erst Ende August erfolgen.

Bislang erhielten viele Mitarbeiter ihr Gehalt Mitte des Monats. Wieder einmal mußte eine fadenscheinige Begründung zur Erklärung herhalten: Herr Chen möchte alle künftigen Gehaltszahlungen auf das Ende des Monats legen, weil das so üblich sei. Das stimmt zwar, aber so eine Umstellung kann (und sollte) man auch geregelt in aller Ruhe durchziehen und nicht hoppla-hopp unter dem Motto „ach übrigens, Ihr kriegt euer Geld zwei Wochen später“. Hinzu kam dieser seltsame Hinweis:

Ich möchte alle Mitarbeiter bitten hierüber Stillschweigen zu bewahren, da eine Veröffentlichung die Zulassung unser Flugschule mehr als gefährden würde und uns somit ein wichtiges künftiges Standbein fehlen würde.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist unklar; die Flugschule ist ein separates Unternehmen. Trotz Steppescher Beschwörungen fand die Email fast sofort ihren Weg in die Medien. Aussagen wie diese hat man wohl nicht mehr allzu ernst genommen:

[I]ch glaube für jeden ist nun mal das Wichtigste, dass sein Gehalt sicher ist, auch wenn es etwas später kommt.

Dr. Steppe, in früheren Jahren bei der Belegschaft durchaus beliebt, hatte es sich jetzt auch noch mit den Mitarbeitern verscherzt. Das sah er selbst in einer weiteren Email genauso:

Ich möchte mich … noch herzlich für dieses Misstrauensvotum bedanken. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stelle ich mir anders vor.

Aber Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit. Ob Herr Dr. Steppe – auch gegenüber der Belegschaft – stets mit offenen Karten gespielt hat, weiß ich nicht. Die weitere Entwicklung spricht aber Bände.

Zwischendurch gab‘s mal wieder ein Leckerli für die weitgehend kritiklose Presse. Die Flugschule habe ihre Zulassung erhalten, und im Oktober würden die ersten fünf Flugschüler erwartet, hieß es Anfang September. Nicht 500, nicht 5,000… fünf. Der Lehrbetrieb fände mit zwei kleinen Sportflugzeugen statt.

Auf der Webseite der Flugschule in China (inzwischen abgeschaltet) stellte sich derweil alles ein paar Nummern größer dar:

  • Der Flughafen strebe drei Millionen Passagiere im Jahr an, plus Luftfracht. Im Moment gäbe es 16 innereuropäische Flugverbindungen ab Lübeck, und im Laufe des Jahres sollten zudem einige nach China eingerichtet werden.
  • Der Wartungsbetrieb sei zugelassen für Maschinen von Boeing, Airbus, Lockheed Martin, Cessna und anderen.
  • Die Flugschule verfüge über über insgesamt 40 Flugzeuge und verschiedene High-Tech-Flugsimulatoren.

Davon stimmte natürlich praktisch nichts. Auch die auf der Seite reichlich vorhandenen Fotos hatten fast alle nichts mit der Lübecker Landewiese zu tun, standen also zumindest im Gegensatz zum Text. Bewußte Falschaussagen oder chinesische Mentalität, die Westler einfach nicht verstehen?

Der Anfang vom Ende

Spätestens Ende September tauchte auf diversen Immobilienportalen ein „Traumhaftes Anwesen in Elblage“ zum Verkauf für 1,1 Mio. Euro auf – der idyllisch gelegene, aber teils renovierungsbedürftige Sandkrughof in Schnakenbek bei Lauenburg, der eigentlich als Firmenzentrale für PuRen Germany vorgesehen war. Ein paar Tage später stellte sich heraus, daß Herr Dr. Steppe versuchte, das Anwesen (in seinen eigenen Worten) zu „versilbern“, nachdem der Kontakt mit Investor Chen offenbar abgerissen war und insbesondere kein Geld mehr floß. Die Rede war von monatlich 300.000 Euro, die Chen in den Verlustbetrieb pumpte.

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Am 30. September konnte PuRen Germany offenbar die fälligen Gehälter nicht mehr bezahlen und meldete Insolvenz an. Im Gegensatz zu den Aussagen von Dr. Steppe von Anfang August, in denen von 90 Mitarbeitern die Rede war, waren es jetzt auf einmal nur noch 70, anderen Berichten zufolge 76. (Die Medien runden gerne recht großzügig.)

Nun ist Chen weg. Er hat den Flughafen in Lübeck in die Pleite geschickt, sein Anwesen in der Nachbargemeinde Schnakenbek steht zum Verkauf. Und Lauenburg steht vor den Trümmern einer Geschichte aus Hoffnung, Größenwahn und Blamage,

resümierte die Zeit Ende Oktober 2015. Für den Flughafen Lübeck gilt der letzte Satz übrigens auch, aber das ist man hier längst gewohnt. Es ist seit Jahrzehnten der Normalzustand.

Wird fortgesetzt