Endlich kratzt mal jemand an den Schockzahlen der Verwaltung

Heute muß ich nach dem halben Verriß von gestern den NDR wieder mal loben, und zwar wegen eines kleinen, aber potentiell millionenschweren Details.

Richtig viel Neues bringt der Artikel Flughafen Lübeck: Aller guten Dinge sind vier? (Link führt auf archivierte Version) eigentlich nicht. Prof. Pannen verhandelt immer noch; ja gut, wissen wir. Bürgermeister Saxe ist auf einmal merkwürdig schweigsam und will gar nichts mehr sagen, aber das kennt man von ihm in bestimmten Situationen.

Prof. Pannen darf derweil seine Interpretation der Ereignisse um den letzten Investor darlegen; nun schön, sei‘s drum:

Auch der Auftritt des Chinesen Chen sei kein totaler Misserfolg gewesen: „Chen hatte angefangen, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Das waren nicht nur Träumereien.“ Ihm sei lediglich das Kapital ausgegangen.

Nein, 500 bis 5.000 chinesische Flugschüler in Lübeck-Blankensee waren sicherlich keine Träumerei, ebenso Flüge von Lübeck nach China mit der eigenen Fluggesellschaft. Oh Moment, ich muß gerade mal eine neue Ironiesicherung eindrehen, die alte ist eben durchgebrannt.

* schraub quietsch schraub *

Okay, erledigt. Rückblende:

Nach Angaben des Insolvenzverwalters Klaus Pannen steht die in Hongkong registrierte PuRen-Group hinter der [PuRen Germany] GmbH. Sie habe ein Stammkapital von umgerechnet 660 Millionen Euro, so Pannen.

NDR, 4. Juli 2014 (Link führt auf archivierte Version)

Und das hat sich innerhalb von etwas über einem Jahr, bis zur Insolvenz am 1. Oktober 2015, komplett in Luft aufgelöst? (Selbst das wäre keine Erklärung für den unrühmlichen Abgang des Herrn Chen. Zu dem Zeitpunkt war er neben Dr. Steppe Geschäftsführer der Flughafenbetriebsgesellschaft, hätte also Insolvenz anmelden müssen. Stattdessen verschwand er einfach. Kein sonderlich seriöses Verhalten, was die Annahme nahelegt, daß dieser Kandidat von Anfang an unseriös war. Aber ehrlich gesagt hat das niemanden hier interessiert, auch wenn es von Anfang an Anzeichen dafür gab.)

Andere Erklärungen scheinen mir glaubhafter, z.B. daß es dieses Kapital nie gab, sondern daß man es sich von unbedarften chinesischen Anlegern und Möchtegern-Flugschülern besorgen wollte, denen man in Oscar-verdächtigen Videos einen brummenden Flughafen vorschwindelte. Dabei scheint dann in der Tat etwas schiefgegangen zu sein.

Auch das ist nicht wirklich neu. Das folgende schon:

Außerdem rechnet die Stadtverwaltung in internen Papieren vor, dass bei einem Betriebs-Stopp der Rückbau des Flughafens erfolgen müsse. Kosten: Mehr als 30 Millionen Euro. Allerdings bezweifeln Flughafen-Kritiker wie Gerhard Haase, dass ein Rückbau zwingend vorgeschrieben wäre. Und auch Thorsten Fürther [sic], Fraktionsvorsitzender der Lübecker Grünen, sagt: „Es gibt keinen Automatismus, dass sofort Millionen für den Rückbau fällig werden.“

Das ist das erste Mal (jedenfalls meines Wissens), daß die Horrorzahlen der Verwaltung bezüglich einer Abwicklung der Landewiese in einem Medium hinterfragt werden, von diesem unbedeutendem Blog mal abgesehen. Zwar nur zart, aber immerhin. Endlich! Vielleicht dringt das ja endlich in die öffentliche Diskussion durch. Danke, NDR.

Zusammengefaßt dazu…

Ich fasse mal aus einigen älteren Beiträgen dieses Blogs zusammen:


[V]iele Flughafen-Anlagen, vor allem praktisch alle Bauten auf dem Gelände, gehören der Stadt gar nicht mehr, sondern der Pleitefirma Puren Germany GmbH i.I., die sie seinerzeit gekauft hat? Hallo?! Wieso sollte da eine Rückbauverpflichtung seitens der Stadt bestehen?“ …

[W]enn sich jemand für die verwertbaren Flächen interessiert, gut, dann obliegt eben ihm der Rückbau.

(11. Dezember 2015)

Der dickste Knüppel sind angebliche Rückbaukosten in Höhe von 6,0 bis 33,8 Mio. Euro. Ungenauer geht‘s wohl nicht mehr? Sie seien jedenfalls fällig, „da nur der Flughafen naturschutzrechtlichen Bestandsschutz genießt. Der Flughafen stellt einen naturschutzrechtlichen Eingriff dar.“

Dann frage ich mich nur, wieso der alte Teil des Flughafens, der nicht mehr genutzt wird und bereits jetzt [i.e. seit 2006] im Naturschutzgebiet liegt, nicht zurückgebaut wurde? Da gibt es riesige Betonflächen, auf denen früher Hangars standen, eine asphaltierte Rollbahn, jede Menge unterirdischer Anlagen wie Tanks…

Immerhin erklärte auch Herr Saxe vor dem Wirtschaftsausschuß des Schleswig-Holsteinischen Landtags am 29. Februar 2012:

Denkbar sei auch, eine Industriebrache zu hinterlassen.

(3. Oktober 2015)

[D]as bißchen, was dort steht, holt jeder Altmetallhändler mit Kußhand kostenlos ab.

(4. Januar 2016)


Das muß man alles nicht so sehen, ich mag mich ja irren, aber das Thema gehört auf den Tisch, und zwar jetzt – vor der nächsten kostspieligen Fehlentscheidung unter Hinweis auf die nie detailliert dargelegten Grusel-Schock-Schock-Horrorzahlen der Verwaltung. Und natürlich unter Einbeziehung möglicher Einnahmen aus Grundstücksverkäufen etc. nach einer Abwicklung, und dem Wegfall des 5,5-Mio.- Reinhardt-Bonus.

 

Beitragsbild: Abstellflächen für die sog. Rosinenbomber aus den Zeiten der Berlin-Blockade 1948/1949 südlich des heutigen Flughafengeländes. Teile dieser Fläche befinden sich im jetzigen Naturschutzgebiet Grönauer Heide; sie wurden nie zurückgebaut, ebensowenig eine Rollbahn im NSG, die bis nach Groß Grönau führt. Auch eine große Betonplatte nördlich des Blankenseer Dorfplatzes, ebenfalls im NSG, existiert noch heute.

18 Antworten auf „Endlich kratzt mal jemand an den Schockzahlen der Verwaltung“

  1. Heute wurde der Schlüssel des Rathauses für 5 Tage an die Narren übergeben. (HL Live)
    Herr Saxe meinte:“Viel ändert sich also nicht“.
    Selten habe ich einen so wahren Spruch gehört,das Stadtoberhaupt ist also doch im Bilde.
    Lasst doch die Narren auch weiterhin an der Macht, Herr Saxe könnte sich auch da zum Oberhaupt wählen lassen, er bekommt bestimmt die Stimmenmehrheit.
    Das musste ich mal los werden.

    1. Einen hab ich noch, so auf die schnelle,
      Macht bitte daraus keine große Welle.

      Bürgermeister Saxe,
      wünscht sich viele Paxe

      Drum, sei es ihm vergeben
      haben die Narren vergessen, 2015 den Schlüssel abzugeben !

      Und wenn die Narren ziehn von dannen,
      hofft der Bürgermeister auf Hn. Pannen.

      Bevor mit einem Blick in die Glaskugel seh‘,
      hier den Blog lesen, der nennt sich Blankensee.

      Hier wurde schon alles vorher aufgeschrieben,
      wo ist bei einigen der Verstand geblieben ?

      taataaaaa taataaaaa taataaaaa

      😉

      1. Noch ’n Gedicht! (Vier Zeilen sind von W. Busch geklaut.) Ist alles nur Karneval! Nicht ernst gemeint! Narhallamarsch! Lübeck Ahoi!

        Die Legende vom Luftfahrt-Peter

        I.
        Wer schreitet so spät auf finstrem Wege?
        Es ist der Peter mit seiner Kettensäge.
        Grad in Nacht und Nebel
        findet sich so mancher Hebel.
        Den bösen Baum zu fällen, das ist sein Ziel
        denn jeder Baum ist ein Baum zu viel.
        Auch Pfützen, Teiche, Tümpel
        sind überflüssiges Gerümpel.
        „Mit Erde muß man sie verfüllen“,
        hört man den Luftfahrt-Peter brüllen.
        Das niedere Gewürm in diesen Teichen
        muß nun dem hehren Fortschritt weichen.

        II.
        Das gilt auch für den bösen Segelfug,
        denn Luftfahrt-Peter hat davon genug.
        Will man effektiv entscheiden,
        muß man die Salami schneiden.
        Wie? Die Stadt will Pacht für das Gelände?
        Peter setzt dem flugs ein Ende,
        denn solch enorme Summen
        zahlen wirklich nur die Dummen.
        Jeder Trick wird weidlich ausprobiert,
        beim Land wird kräftig abkassiert.
        In Luftfahrt-Peters Wolkenkuckucksheim
        zieht manch Senator gerne ein.
        So auch der Herr Schindler,
        aber für den fällt mir partout kein Reim ein.

        III.
        Aber wehe, wehe, wehe!
        Wenn ich auf das Ende sehe!!
        Ach, das war ein schlimmes Ding,
        Wie es Luftfahrt-Peter ging!
        Sein Investor aus dem fernen Osten
        war nicht mehr auf seinem Posten.
        Groß ward Peters Jammer,
        die Kassen immer klammer.
        Die böse Pleite schnell zu bannen,
        bat man Professor Pannen.
        Selbst des Investors Nobel-Benz
        kam letztlich in die Insolvenz.
        Luftfahrt-Peter, gar nicht doof,
        schlich sich sofort vom Hof.

        IV.
        Da ruht sie nun, die Landewiese
        und macht weiter kräftig Miese.
        Keiner weiß, was jetzt passiert.
        Wer wird diesmal angeschmiert?

  2. Es wird immer enger. Sowohl für Hr. Pannen genauso wie für die Mitarbeiter der Landewiese . Das Gebäude in der Blankeneser Str. 100 stand gestern noch bei Immobilien scout zum Kauf . Sollte mit dem Verkauf nicht die nächsten Löhne bezahlt werden ? Irgendwas muss der Hr. Pannen ja verscherbeln um zu Geld zukommen . Nach meinen Wissensstand ist ja noch nicht mal ein Käufer für die Landewiese in Aussicht. Und was da antrabbt ist doch nur Kleinvieh . Für mich ist das Sterben auf Raten .

    1. Na, ich weiß nicht. Klar ist nur, daß es nicht so reibungslos läuft, wie das Herr Prof. Pannen in seinen früheren Äußerungen als Erwartung geäußert hat.

      Das Geld aus dem Hausverkauf soll wohl den Weiterbetrieb im März ermöglichen, muß also eigentlich erst Ende März eingehen, um die Arbeitnehmer zu bezahlen. Bis dahin sind es noch fast zwei Monate, und da kann viel passieren.

      Wie immer in Sachen Landewiese wage ich keine Prognose, außer dieser: es kommt immer absurder, als man sich vorstellen kann.

      Stelle Sie sich mal vor, ich hätte im Herbst 2014 eine Satire veröffentlicht, in der von 5.000 oder auch nur 500 chinesischen Flugschülern in Lübeck die Rede gewesen wäre. Alle hätten sich vor Lachen in die Hose gemacht.

      Das war wenig später aber eine Ankündigung des Investors, und niemand hat ihn ausgelacht! Unglaublich! Fast alle haben sich ein paar Monate später mit Erklärungen überschlagen, warum die angehenden Hobbypiloten hier nicht auftauchten. Die Fanboys sowieso, es sei ihnen gegönnt; aber auch Verantwortliche in Politik und Verwaltung. Kollektive Realitätsverweigerung?

      Warten wir mal ab, welches Kaninchen Prof. Pannen nach gründlicher Prüfung, versteht sich, aus seinem Zylinder zaubert. Und wieder werden fast alle zustimmend nicken… Ein hoffnungsloser Fall.

      1. Oh, Herr Klanowski, es hat schon einige gegeben, die Herrn Chen und seine Entourage vielleicht nicht laut ausgelacht aber ganz deutlich gesagt haben : DAS IST SCHWACHSINN !
        Ansonsten gebe ich Ihnen schon Recht, bei bestimmten Gruppen herrschte so etwas wie kollektive Realitätsverweigerung.

  3. Ich finde diese spekulativen Nebelkerzen höchst interessant. Warum fragt man zu den Zahlen eigentlich nicht einmal den amtierenden Finanzsenator der Stadt Lübeck, der muss das Kraft seines und in professioneller Ausöbung seines Amtes doch ganz genau wissen, oder etwa doch nicht? Ach! Nein? Doch?

      1. Die genannte Person hört aber auch Stimmen… vornehmlich italienisch und in der Fußgängerzone.

        DARÜBER sollte man sich mal Gedanken machen, ob da nicht ein Zusammenhang besteht! 😉

        1. Schon bekannt ? Hier der Entwurf des Haushaltes 2016 von der Stadt Lübeck:
          https://www.dropbox.com/s/jykj1jvqg8pawki/Haushalt.pdf?dl=0
          (auf meiner DropBox, registrieren nicht nötig, Hinweis ggf. weg klicken und dann öffnen bzw. runter laden)

          Statt langer Suche einfach auf diese Seiten schauen. Wer die Zahlen richtig deuten kann, möge bitte eine kurze Erläuterung dazu geben.

          Seite 20
          Passagierzahlen, 2015 fehlt nur bis 2015

          Seite 26
          2.5 2.020 Flughafen Lübeck GmbH
          Konsolidierung/ Verkauf/ Abwicklung
          Maßnahme ist umgesetzt; Abstimmung mit RPA zur
          Abrechnung läuft.
          2.400,0 TEUR

          Seite 66
          2) Krediteaufn. f. städt. Gesellschaften/Flughafen MuK: 1,2 Mio €
          Flughafen: 1 Mio €

          Seite69
          548001 Bewirtschaftung Flughafen
          548001 999 Zuweisungen und Zuschüsse für Investitionen privater Unternehmen 1.000,0 TEUR

          Seite 78
          2 280 548001 999 7817000 Bewirtschaftung Flughafen Zuweisungen und Zuschüsse für Investitionen privater 1.000,0 1.500,0 2.500,0 TEUR (2016 – 2017 – 2018)

          Seite 171
          Finanzierungskredite für die Flughafen Lübeck GmbH

          Seite 300
          Budgets 2016
          Geringere Abschreibungen auf Inv.- Zuschüsse infolge der Verzögerung der Auszahlungen der Inv-Zuschüsse an PuRen

          Seite 355
          Produkthaushaltsseite
          Führung des BgA Flughafens und Wahrnehmung der Eigentumsrechte an den verpachteteten Grundstücken und vermieteten techn. Anlagen

          Seite 358
          Einzelinvestitionen Jahr 2016
          Bewirtschaftung Flughafen

          1. Nein, selbst die lübsche Verwaltung kann keine Wunder bewirken, und eine Glaskugel hat man nicht. Da der Haushaltsentwurf 2016 im Oktober 2015 erstellt wurde, konnte man natürlich die Passagierzahlen für das ganze Jahr 2015 nicht angeben. Anhand der Zahlen des Statistischen Bundesamts kann ich das auch noch nicht; dort ist man derzeit erst beim November.

            Besonders interessant sind die Seiten 355ff, Teilfinanzplan Bewirtschaftung Flughafen. (Hmm… hat man uns nicht immer erzählt, die Hanselstadt™ hätte nix mehr mit der Landewiese zu tun?) Unterm Strich, ohne (!) die einem Investor zugesagten Zuschüsse („Reinhardt-Bonus“) rund eine Mio. Euro pro Jahr Miese in der städtischen Bilanz wg. Flughafen.

            Aber der beste Lübecker Finanzsenator aller Zeiten wird das gerne erklären. Wenn er Lust hat und nicht gerade wieder italienische Stimmen hört. Schuhekaufen in Mailand fällt für alle armen Lübecker derzeit ja auch flach.

            Also, ich könnte mich auch an einer Erklärung versuchen, aber ich lasse gerne anderen den Vortritt.

  4. Nur mal so zum Vergleich Flughafen Erfurt-Weimar:

    http://www.airliners.de/bilanz-2015-flughafen-erfurt-weimar-zuwachs-passagierzahlen/37808
    2015: 230500 Passagiere, Zuschüsse ? 2,6 Millionen in 2015, 4 Millionen in 2014.
    Anfangs heisst es, Fracht +10 % = knapp 4000 t Fracht ? Im Text weiter unten sind es nur noch 3394 t, na ja, kann man schon mal auf 4000 t aufrunden.

    Zum Vergleich: Lübeck z. Zt. ca. 6500 Passagiere / Monat (Quelle Bundesamt f. Statistik Jan.-April 2015), ergeben 78.000 Passagiere / Jahr. Das lässt den Schluß zu, dass es in Zukunft ohne Zuschüsse (Stadt, Land oder „Investor“) nicht geht.

    1. Jetzt kann man sich denken, wer das Eckgrundstück gegenüber vom Flughafen gekauft hat.
      Das Land plant dort eine Flüchtlingsunterkunft mit 1000 Plätzen. Und dafür braucht man diese
      Fläche, um auf das hintere Areal zu kommen. (s. LN-Online v. 12.02.2016)

      M.f.G.
      Wolfgang Wilkens

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