Munteres Grundstücks-Karussell

Jetzt geht‘s rund, sprach der Kanarienvogel und flog in den Ventilator. Es wird kurios in der Landewiesen-Saga: das Land Schleswig-Holstein plant direkt am Flughafen ein Containerdorf für 1.000 Flüchtlinge. Pikant: die Fläche gehört größtenteils dem insolventen Flugplatzbetreiber PuRen Germany. Das wäre allerdings nicht das erste merkwürdige Grundstücksgeschäft im Umfeld.

Wie weit die Planungen für ein Containerdorf gegenüber der Landewiese gediehen sind, ist unklar. Die hiesige Monopolpresse vermeldet das ganze eher en passant:

Das gaben Heiko Hüttmann, einer von drei Chefs der Besonderen Aufbauorganisation Flüchtlinge (BAO) der Landespolizei, und der amtierende Leiter der Lübecker Polizeidirektion, Ulf Witt, gestern Abend bei einer Veranstaltung des Weißen Ringes bekannt. …

In Lübeck wird ein Gelände an der Blankenseer Straße, rechts von der Auffahrt auf die B 207, derzeit auf Altlasten untersucht.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 13. Februar 2016, S. 11 [online, Memento]

Das verwundert ein wenig, denn die Fläche links von der Auffahrt (in Richtung B 207) erscheint auf den ersten Blick geeigneter oder wenigstens schneller erschließbar. Für die folgende Betrachtung spielt das jedoch keine Rolle; die Flächen links und rechts befinden sich größtenteils im Eigentum der insolventen PuRen Germany, sprich: unter Verwaltung des Insolvenzverwalters Prof. Pannen.

Flächen
Grundstücke im Besitz der PuRen Germany i.I. an der Blankenseer Straße (violett). Links unten die Flurstücke 66, 77, 78, 79 und 28/5 – beim letztgenannten handelt es sich um die Blankenseer Str. 100. Rechts oben die Flurstücke 21/2, 22/3, 70 und 72. Zwischen beiden Flächen verläuft die Zufahrt zur B 207. Das eigentliche Flughafengelände, orange mit Schraffur, ist nach wie vor Eigentum der Hansestadt Lübeck.

Für diese Flächen hat die Hansestadt Lübeck, die sie einst dem Flughafenbetreiber de facto schenkte, ein Wiederkaufsrecht zum Preis von einem Euro. Der weitere Ablauf müßte also eigentlich klar sein: die Stadt holt sich die Flächen aus der Insolvenzmasse für einen Euro zurück und verkauft sie dann ans Land – wenn es in der Bürgerschaft eine politische Mehrheit für eine derartige Großeinrichtung gibt, was eine andere Frage ist.

Es ist zu fragen, wem diese Pläne wann bekannt waren. Ist es denkbar, daß das Land die Fläche ganz alleine ausgeguckt hat – oder hat sie vorher bei der Stadt angefragt bzw. das Vorhaben angekündigt? Daß man die offizielle Verkündigung Polizeivertreter auf einer Veranstaltung des Weißen Rings machen läßt, ist ohnehin etwas merkwürdig. (Daß allerdings Anwohner mal wieder die letzten sind, die etwas erfahren, ist gängige Praxis.)

Oder war es anders herum – die Stadt hat dem Land die Fläche vorgeschlagen? Man erinnere sich an den durchsichtigen Versuch des Herrn Bürgermeisters Saxe, das Land zu einer finanziellen Beteiligung am Flughafen durch die Einrichtung eines Abschiebegewahrsams auf dem eigentlichen Flughafengelände zu bewegen. Jetzt könnte es natürlich heißen, wenn ihr schon Flüchtlinge gegenüber vom Flughafen unterbringt, dann nutzt ihn doch gleich zur Abschiebung. (Macht natürlich wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn, klingt für Unbedarfte aber „irgendwie vernünftig“). Der allerletzte Versuch der lübschen Verwaltung, über Bande zu spielen und die Landewiese zu retten?

Wie paßt der geplante oder möglicherweise bereits vollzogene Verkauf des Einzelgrundstücks Blankenseer Straße 100 dazu, bei dem die Bürgerschaft im Eilverfahren auf ihr 1-Euro-Wiederkaufsrecht und somit auf potentielle Einnahmen aus einem Weiterverkauf in Eigenregie verzichtet hat? Das Geld, sollte es bereits geflossen sein, darf der Insolvenzverwalter für den Weiterbetrieb der maroden Landewiese im März nutzen. (Bei Immobilienscout24 steht das Grundstück samt Einfamilienhaus derzeit noch für 212.000€ im Netz.)

Auf der nächsten Sitzung des Hauptausschusses (23. Februar) steht übrigens folgendes auf der Tagesordnung:

Antwort des Bürgermeisters betr. Verzicht auf das Wiederkaufsrecht Grundstück Blankenseer Straße 100; hier: Sachstand (Anfrage von AM Zander vom 09.02.16)

Natürlich im nicht-öffentlichen Teil. Leider ist die Anfrage offenbar ebenfalls geheim.

Geld aus Lütau für die Landewiese

Was hat Herr Prof. Pannen doch für Glück gehabt. Ohne Einnahmen aus dem Verkauf des Sandkrughofs in Schnakenbek (dem Vernehmen nach für 900.000€), der ursprünglich als Firmensitz der PuRen Germany vorgesehen war, hätte die Landewiese wohl längst dichtmachen müssen. Inzwischen bestätigt: Käufer ist das Amt Lütau, zu dem auch Schnakenbek gehört. Verwendungszweck: Flüchtlingsunterkunft.

Bisher wurden Flüchtlinge aus dem Amt Lütau ebenfalls in Lauenburg untergebracht. Nun soll die ehemalige Akademie Sandkrughof in Schnakenbek zur Flüchtlingsunterkunft für die Amtsgemeinden werden. „Dort könnten etwa zwei Dutzend Menschen aufgenommen werden“, so [Bauamtsleiter] Nieberg.

Bergedorfer Zeitung, 13. Dezember 2015

Ist es politisch korrekt, wenn man – unter Weglassung der Maklercourtage von 7% – berechnet, daß die Kosten des Kaufs also 37.500€ pro untergebrachter Person betragen? Eventuell notwendige Umbauten und Renovierungsarbeiten ebenfalls nicht eingeschlossen. Oder umgelegt auf die 3,926 Einwohner des Amts Lütau 229,24€ pro Kopf für die Unterbringung von zwei Dutzend Flüchtlingen. Und de facto ging das Geld in den Weiterbetrieb des Lübecker Flughafens.

Richtig witzig wird es aber, wenn man sich folgendes vor Augen hält:

Die Verwaltung des Amtes [Lütau] hat ihren Sitz in der Stadt Lauenburg/Elbe, die im Rahmen einer Verwaltungsgemeinschaft die Verwaltungsgeschäfte für das Amt führt.

Wikipedia

Und der Lauenburger Verwaltungschef ist niemand anderes als Andreas Thiede, also der Mann, der seinerzeit half, die Landewiese (und den Sandkrughof) an PuRen Germany zu verkaufen. Na sowas aber auch.

Meistens kapiert man es zu spät

Lütau, Lauenburg, Lübeck: hier passiert mal wieder etwas vor unseren Augen, was wir im Moment nicht verstehen; erst dann, wenn‘s zu spät ist – wie oft mußte man das Gefühl allein in Sachen Landewiese Lübeck haben. Die Möglichkeiten eines bescheidenen Blogs enden hier jedoch. Gefragt wären eine neugierige Presse, verantwortungsbewußte Politiker, um diese Merkwürdigkeiten aufzuklären. Eine transparente Verwaltung einzufordern wage ich schon gar nicht mehr, da wäre der Glaube an den Weihnachtsmann realistischer.

Dazu gehört natürlich auch die Frage: was wird nun aus dem Flughafenausbau, der für die Verwaltung der Hanselstadt™ mindestens genauso wichtig war wie, sagen wir mal, die zehn Gebote der Bibel oder das Grundgesetz? Denn die jetzt für das Flüchtlings-Containerdorf vorgesehen Flächen waren eigentlich mal für Parkplätze gedacht, auf denen die über drei Millionen Passagiere pro Jahr (hi, hi) und hunderte oder tausende  Flughafen-Mitarbeiter (ha, ha) ihre fahrenden Untersätze abstellen sollten. Sind diese Pläne jetzt endlich beerdigt?

Ex-Geschäftsführer Dr. Steppe hat sich von ihnen sowieso regelmäßig distanziert, damit habe er nichts zu tun. Und auch Insolvenzverwalter Prof. Pannen lehnte dazu jede Auskunft ab. Ohnehin ist für jeden offensichtlich, daß sämtliche Prämissen des Ausbauplans – vor inzwischen fast genau sieben Jahren abgesegnet – inzwischen hinfällig sind.

Nochmal: was derzeit passiert, kann ich nicht einschätzen. Theorie 1: das Land handelt in Sachen Containerdorf eigenmächtig und ohne Abstimmung mit der Stadt. Was könnte dann geschehen? Die Stadt hält an ihren Flughafenparkplätzen fest und verweigert dem Land einen Verkauf, was dank Wiederkaufsrecht der Stadt möglich wäre. Oder aber man verkauft dem Land die Flächen, was aber eher für Theorie 2 spricht: die Stadt versucht, unter Verzicht auf einen Ausbau zumindest einen Restflughafen zu sichern und – wie auch immer – das Land irgendwie finanziell hineinzuziehen. Tatsächlich halte ich das derzeit für die nächstliegende Erklärung.

Das würde aber ein bezeichnendes Licht auf die immer noch laufenden Verhandlungen des Insolvenzverwalters mit „Interessenten“ werfen, die dann wohl eher als aussichtslos erscheinen.

Nur in einem Punkt bin ich mir hundertprozentig sicher: daß die Pläne für ein Großaufnahmelager für Flüchtlinge gegenüber dem Flughafen, dem sehr bald die Luft ausgehen wird, gerade jetzt bekannt werden, ist nie und nimmer ein Zufall. Ebensowenig, daß die Ankündigung weder vom Land noch von der Stadt kommt. Jede Wette.


 

Beitragsbild: Blick auf den Flughafen von der Zufahrt von der B 207 auf die Blankenseer Straße aus (Aufnahme von 2006 während der Bauarbeiten)

8 Antworten auf „Munteres Grundstücks-Karussell“

  1. Den Preis für das Einfamilienhaus haben sie bereits verringert auf 170 000. Scheint eng zu werden. Vielleicht hätte die Meldung mit dem Containerdorf nicht vor dem Verkauf des Hauses an die Öffentlichkeit gehen sollen…

    1. Das ist ja wie Winterschlußverkauf!

      Hier übrigens die archivierten Versionen im Vergleich 🙂

      Selbst ohne Containerdorf in der unmittelbaren Nähe kann ich mir aber nicht vorstellen, wer da ein Haus (jedenfalls zu Wohnzwecken) kaufen würde.

      Man mag einwenden, da haben früher ja auch Leute gewohnt. Richtig. Da war aber nichts mit (geplantem) Großflughafen vor der Tür. Auch keine Bundesstraße und kein Autobahnanschluß in der Nähe. Da braucht man also gar nicht an Fluglärm zu denken, sondern alleine an den (geplanten) Kfz-Verkehr auf der Blankenseer Straße, direkt vor dem Haus inklusive Flughafenparkplatz-Suchverkehr. Wer sich da ein wenig informiert, sucht sich vielleicht ein anderes Objekt.

      Und ohne Flughafenausbau – an den glaubt ja nicht jeder 😀 – scheinen diese Flächen geradezu prädestiniert für ein Gewerbegebiet, wenn man natürlich, wie immer öfter, Naturschutzbelange unter den Teppich des vermeintlichen Fortschritts kehrt. Stichwort in diesem Fall: Kaltluftentstehungsgebiet.

      Eine Unterkunft für 1.000 Flüchtlinge obendrauf wäre dann natürlich das Sahnehäubchen. Aber vielleicht hängen beide Geschichten ja doch zusammen? Wissen wir’s?

      Es findet alles wie immer hinter den Kulissen statt, denn Grundstücksgeschäfte mit Beteiligung der Stadt (und sei es nur der Verzicht auf ein Vorkausfsrecht) oder des Landes sind ja immer geheim. Ähh… wieso eigentlich? Sollte man das vielleicht mal ändern? (Es geht dabei nicht darum, die Namen privater Käufer zu veröffentlichen!)

    2. Wer hat denn das Containerdorf zuerst öffentlich erwähnt ? Die Ankündigung kam doch von der Polizei auf einer Veranstaltung mit den „Weissen Ring“. Sollte wohl so nicht bekannt werden. Keine Aussage dazu bis heute aus der Politik?

      1. Natürlich nicht. Das war wohl ein Betriebsunfall. Nicht, daß die Herren

        Heiko Hüttmann, einer von drei Chefs der Besonderen Aufbauorganisation Flüchtlinge (BAO) der Landespolizei, und der amtierende Leiter der Lübecker Polizeidirektion, Ulf Witt

        Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 13. Februar 2016, S. 11

        sich das aus den Fingern gesogen haben. Die werden schon wissen, wovon sie reden. Aber derartige Grundstücksgeschichten werden prinzipiell nicht diskutiert, die Öffentlichkeit dann hinterher vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie wissen schon: Demokratie, Transparenz, und so weiter.

  2. Tja es wird sehr eng mittlerweile für den Flughafen und Hr. Pannen . Das Gebäude Blankenseerstr. 100 ist immer noch nicht verkauft. Und die Firma oder sonst was , die sich auf dem Gelände ansiedeln will lässt den armen Pannen auch zappeln . Sein Plan war mit dem Verkauf wieder 1-2 Monate zu überbrücken . Was den Sandkrughof betrifft sind bis jetzt keine Umbau arbeiten zuerkennen. Natürlich könnte man einen zusammenhang vermuten zwischen BM Thiede und dem Flughafen . Auf der anderen Seite sind die Aufnahme Möglichkeiten für das Amt Lütau so wie gut erschöpft. Und was lag da näher als den Sandkrughof zu kaufen. Aber noch mal auf unseren BM Thiede zu sprechen zu kommen Hr. Klanowski . Er hält immer noch an den Chinesen fest. Ganz eisern. Und es ist ja für ihn einfacher sie in Lübeck zu empfangen als auf einem anonymen Flughafen wie Fuhlsbüttel. In der Richtung denken sie schon nicht verkehrt . Auf jedenfall wird es nicht langweilig.

  3. Dazu passt der Artikel von „Die Welt“.

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article152066369/Warum-in-diesem-Schloss-nur-28-Fluechtlinge-wohnen.html

    Brauchen wir die 1000 Unterkünfte überhaupt ? Nur 44 Prozent der Erstaufnahmeplätze sind in S-H belegt.

    Und was die kommunen kassieren:

    90 Prozent der tatsächlich entstehenden Kosten übernimmt im Norden die Landesregierung. Sie zahlt den Gemeinden außerdem eine Integrationspauschale, ab Februar sind das 2000 Euro pro Kopf.

    1. Ob diese Plätze gebraucht werden, weiß keiner. Man kann natürlich damit argumentieren, daß es besser ist, sich schon mal darauf vorzubereiten. Die äußerst vielschichtigen zugrundeliegenden Probleme löst das aber natürlich nicht. Das zu diskutieren ist hier jedoch nicht der richtige Ort. Daher möchte ich herzlich darum bitten, es hier bei Flughafen- bzw. Blankensee-spezifischen Themen zu belassen. Vielen Dank!

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